Und alle Lieben leben

von Hans Eichhorn

€ 19,90
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Verlag: Residenz
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 144 Seiten
Erscheinungsdatum: 26.02.2013


Rezension aus FALTER 11/2013

Gestrandet im ehemaligen Elternhaus

Hoffnungsvoll und tröstlich: Hans Eichhorns Prosatext "Und alle Lieben leben"

Zwei Menschen sind scheinbar zufällig in einem Haus gestrandet: Der eine Mensch will von nichts und niemandem etwas wissen; der andere möchte den einen Menschen erreichen, mit ihm in Kontakt treten, wird jedoch zurückgewiesen und auf sich selbst zurückgeworfen. Das ist die Ausgangssituation in Hans Eichhorns neuem Prosatext "Und alle Lieben leben".
Es stellt sich heraus, dass die beiden Figuren Kind und Vater sind. Erzählt wird aus der Perspektive des Vaters, der mit dem Kind, das sich von seiner Umgebung völlig abkapselt, nicht zurechtkommt: "Das Kind ist ganz Gehör seiner selbst." Es macht sich nur durch Spuren, die es im Haus hinterlässt, bemerkbar.
Von Schlaflosigkeit geplagt, verbringt der Vater die endlosen Nächte damit, den Geräuschen des Hauses zu lauschen. Dieses Haus, sein ehemaliges Elternhaus, scheint ihm seine Geschichte zu erzählen, oder vielmehr jene seiner (ehemaligen) Bewohner. Damit sind wohl die "Lieben" aus dem Titel gemeint und damit die Erinnerungen des Erzählers.

Das Haus wird somit zum "Gehäuse" seiner Geschichte, zum Ort seiner (Wach-)Träume und zum Gefängnis seiner Nachdenklichkeit, die ihn immer wieder in die Vergangenheit zurückführt. Das Gehäuse ist zugleich seine Sprache, die Suche nach oder, besser gesagt, das Warten auf die richtigen Worte, denn der Erzähler ist ein Schriftsteller, dessen Existenz von der Sprache verschluckt wird. Nicht nur ist der gemeinsame Aufenthalt mit dem sich entziehenden Kind für ihn eine Herausforderung: "Dieses Gehäuse zu öffnen ist die Vorgabe."
Die Erinnerungsfähigkeit rettet den Erzähler aus einer unerträglichen Gegenwart, in der er dazu gezwungen ist, die Isolation des Kindes hilflos mitanzusehen: "Hier an Ort und Stelle, wie so oft, habe ich nichts zu sagen, aber ich habe das wackere Vertrauen, es wird sich schon etwas zur Sprache bringen." Also gibt er sich den Reisen in die Vergangenheit freimütig hin, verquickt die gedankliche Bewegung mit der Vorstellung vom Gehen, nicht zuletzt auch als Hommage an den im Motto genannten Peter Handke.

Seine Erinnerungen führen den Erzähler zurück in seine Studienzeit, in Augenblicke unerfüllter Liebessehnsucht, in durchtanzte Nächte der Jugend. Sie bringen Phasen körperlicher Schwäche ins Gedächtnis, bedrohliche Untersuchungen und Diagnosen ebenso wie riskante Operationen und die Erfahrung einer Chemotherapie.
Und sie reichen zurück in eine Zeit, als der eigene Vater noch am Leben und das Kind noch ganz klein war. Das Erinnern wird, indem es in Sprache überführt wird, zu einem Erschaffen: "Ich bin nicht imstande, es (das Gesehene) abzubilden. Ich muss es erschaffen. Erst im Erschaffen sehe ich es."
So sieht der Erinnernde, wie früh bereits das Gehäuse in ihm zerbrach, wie die Begriffe immer weniger passten und alles unbegreifbar wurde: "Die von ihm abgegriffenen Wörter formieren sich als Gegenstände und nehmen dich ins Visier." Indem er die Gegenstände in Aufzählungen beschwört, sucht der Erzähler den äußeren Halt, den er bei all den inneren Turbulenzen im "Bohrturm ins Damals" nötig hat.

Die Dingwelt konterkariert seine tiefgehenden Gedanken. Dabei kommt es zu jenen assoziativen Wortfluten und Bedeutungssprüngen, die so charakteristisch sind für den Eichhorn'schen Sprachstil: "Eine Federkernmatratze, eine kaputte Entsaftungsmaschine. Bist randvoll und schöpfst Fett ab." Auf indirekte Weise versucht der Erzähler, aus den Erinnerungen tiefere Bedeutungen herauszupressen, bis Löwenzahnmilch "aus den Fingerspitzen quillt".
Als er bemerkt, dass ihm die Welt weniger offen steht als früher und wie sehr er sich selbst schon in Rollen und Masken abgekapselt hat, setzt die befreiende Wende ein: das Ausatmen und Loslassen, das Umsägen alter Lebensbäume und Schmieden neuer Pläne, das Akzeptieren des veränderten Kindes. An diesem hoffnungsvollen Ende steht auch die Erkenntnis des unaufhörlich neuen Weges der Sprache, in dem auch die "Lieben" über das Leben hinaus existieren können.
Hans Eichhorn ist ein feines, kluges und tröstliches Stück Prosa gelungen, dessen wunderbare Bildkraft das Gefühl gelassener Freiheit evoziert: "Du legst dich in das Fischerboot, hast den Kugelschreiber in der Hand und lässt dich über den See treiben."

Alexandra Millner in FALTER 11/2013 vom 15.03.2013 (S. 12)


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