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Verlag: Residenz
Genre: Belletristik/Hauptwerk vor 1945
Umfang: 368 Seiten
Erscheinungsdatum: 05.05.2015

Rezension aus FALTER 24/2015

Die Dienstmagd mit dem großen Herzen

Eine Leseausgabe lädt dazu ein, die bedeutende Erzählerin Marie von Ebner-Eschenbach (1830–1916) neu zu entdecken

Ein Name blieb ungenannt, als man sich unlängst im Zuge der Diskussion um die Deutschmatura und die Entwicklung des Literaturunterrichts an den Schulen und Universitäten wieder einmal der Klassiker der österreichischen Literatur erinnerte: jener Marie von Ebner-Eschenbachs.
Im Gegensatz zu jenen Johann Nestroys und Ferdinand Raimunds werden ihre Stücke nicht gespielt. Was insofern kein Wunder ist, als diese schon zu ihren Lebzeiten durchfielen. Aber auch ihre Erzählungen und Romane, da­runter großartige Werke wie „Das Gemeindekind“, sind weithin in Vergessenheit geraten.
Es liegt nicht daran, dass sie viel Staub angesetzt hätten. Man kann ­Ebner-Eschenbach, deren Todestag sich am 12. März 2016 zum 100. Mal jährt, sehr wohl noch lesen, wie die vierbändige Leseausgabe beweist, die – herausgegeben von Evelyne Polt-Heinzl, Daniela Strigl und Ulrike Tanzer – derzeit bei Residenz erscheint. Die Herausgeberinnen haben es sich zum Ziel gesetzt, die Texte einer heutigen Leserschaft zu erschließen, weswegen die Vorworte auch deutlich umfangreicher ausgefallen sind als die Kommentarteile.

Herzstück des dritten Bandes ist der von der Autorin als Erzählung, später auch als „kleiner Roman“ bezeichnete Text „Božena“, der mit seinen gut 200 Seiten Umfang und seinem beachtlichen Handlungsreichtum heute locker als vollwertiger Roman durchgehen würde. 1876 erschienen, handelt es sich dabei um Ebner-Eschenbachs erste erzählerische Arbeit – und um ein in vielerlei Hinsicht modernes Werk, das dem Image der Autorin als „Erzieherin“ und „Dichterin der Güte“ doch entscheidende Facetten hinzufügt.
Die einstige Gouvernante Nannette, die ihre beruflichen Erfahrungen in hohen Häusern auch auf ihr eigenes Kind Regula anwendet, dient hier als abschreckendes Beispiel. Sie erzieht ihre Tochter zu einem kalten, rechthaberischen Menschen, wie sie selbst einer ist.
Beide Frauen nutzen ihr Wissen und ihre Fremdsprachenkenntnisse in erster Linie dazu, um die Umgebung zu blenden – und sich möglichst teuer zu verkaufen.
Die große Widersacherin des blutleeren Duos ist die gleichnamige Titelheldin. In einem Text, der vor reichen Bürgern und verarmten Adeligen nur so strotzt, hat Ebner-Eschenbach wohl nicht zufällig ausgerechnet eine Vertreterin der Unterschicht zur stärksten Figur gemacht: die Dienstmagd Božena, bei der alle Fäden zusammenlaufen, obwohl sie zwischenzeitlich auch über viele Seiten gar nicht in Erscheinung tritt.

Der Großteil des Geschehens spielt sich im bzw. um das Haus der Familie Heißenstein im fiktiven mährischen Weinberg ab. In einem Ort mit diesem Namen überrascht es nicht, dass der Weinhändler Heißenstein deren reichster Bewohner ist. Dennoch plagen ihn Ohnmachtsgefühle. Sein Besitz macht ihm mehr Kummer als Freude, da ihm seine Ehefrau keinen männlichen Nachfolger, sondern lediglich eine Tochter geschenkt hat: die ungestüme Rosa.
Nach dem Tod seiner ersten Frau unternimmt Heißenstein noch einen zweiten Anlauf, einen Sohn zu zeugen. Doch auch erwähnte Nannette, mit der die Kälte ins Haus einzieht, bringt mit Regula ein Mädchen zur Welt.
Als die halbwüchsige Rosa sich dann in einen Leutnant verliebt, wittert der Patriarch die letzte Chance, noch einen jungen Mann zu finden, der seinen Betrieb übernehmen könnte. Die Sache scheitert jedoch daran, dass der aus adeligem Hause stammende Jüngling unmöglich den Namen Heißenstein annehmen kann.

Das Finale mit der Doppelhochzeit, durch die sich dann doch vieles in Wohlgefallen auflöst, macht „Božena“ zu einem präfeministischen Werk. Trotzdem ist nicht zu übersehen, dass die Männer in dem Werk überwiegend Versager, lächerlich und vor allem Nebenfiguren sind. Heißenstein zum Beispiel altert schnell, wird zum Griesgram und stirbt just in dem Moment, in dem er sich mit seiner Tochter Rosa versöhnen will.
Während die meisten Gestalten hier nur danach streben, ein gutes Geschäft oder eine entsprechende Partie zu machen, repräsentiert Božena das Konzept der Großherzigkeit und zeigt, dass die Bildung des Herzens die wahre Bildung ist. Als Quasi-Leihmutter kümmert sie sich liebevoll um Rosa wie auch später um deren Tochter Röschen und ermöglicht so zwei Generationen ungeliebter Heißenstein-Töchter in einem weithin gefühllosen Umfeld eine einigermaßen glückliche Kindheit.
Die Frau aus der Unterschicht setzt in dem bürgerlichen Haus nicht zuletzt auch moralische Standards; und zwar ausgerechnet dadurch, dass sie im Gegensatz zur heuchlerischen Herrschaft offen zu ihren Fehlern steht. So bekennt sie sich überraschend zu einer Liebesbeziehung mit einem Jäger – was zuerst für Entrüstung sorgt, schließlich aber dazu führt, dass Božena am Ende als strahlende Siegerin dasteht.

„Božena ist keines Mannes Eigentum, aber sie ist keine Männerfeindin“, schreibt Daniela Strigl in ihrem Vorwort. Marie von Ebner-Eschenbach war eine emanzipierte Frau, auch wenn sie das als Adelige nicht an
die große Glocke hängte und die Schärfe mancher Formulierung durch große Empathie bekömmlicher machte. Dem Scharfsinn ihrer Beobachtungsgabe aber hat das keineswegs geschadet.

Sebastian Fasthuber in FALTER 24/2015 vom 12.06.2015 (S. 31)


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