Der sichtbare Feind
Die Gewalt des Öffentlichen und das Recht auf Privatheit. Unruhe bewahren

von Anna Kim

€ 18,00
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Verlag: Residenz
Genre: Belletristik/Essays, Feuilleton, Literaturkritik, Interviews
Umfang: 112 Seiten
Erscheinungsdatum: 17.02.2015


Rezension aus FALTER 11/2015

Nivellierungszwang und der Wunsch zu verschwinden

Essay: Wo sind wir überhaupt noch privat? Die Schriftstellerin Anna Kim reflektiert darüber auf sehr persönliche Weise

Im Jahr 2011 veröffentlichte Anna Kim das kleine Buch "Invasionen des Privaten", ihren essayhaften Bericht von einer Grönlandreise. Die österreichische Autorin, in Südkorea geboren, als Kleinkind nach Europa gekommen, zuerst in Deutschland, später in Wien aufgewachsen, hatte es mit dem diffusen Gefühl in den Norden gezogen, dort warte etwas auf sie. Sie hatte sich nicht getäuscht. Tatsächlich stieß sie bei ihren Gesprächen mit Grönländern über Identität, Heimat und Fremdheit auf Parallelen zu ihrer eigenen Biografie. Dort bekam Kim von einer Inuit ins Gesicht gesagt: "Du siehst grönländischer aus als ich."

Als Fortsetzung oder Vertiefung dieses Buches lässt sich der neue Essayband "Der sichtbare Feind. Die Gewalt des Öffentlichen und das Recht auf Privatheit" verstehen. Kim ist eine Autorin, die auch außerhalb ihrer Romane darüber reflektiert, wie der Einzelne sich in der heutigen Welt behaupten kann; konkret: wie man seine Privatsphäre schützen kann. "(I)ch gestehe, ich bin keine Freundin des Fortschritts um jeden Preis", schreibt sie, "mir scheint es wichtig, sich eine Auszeit zu nehmen, sich Stillstand zu gönnen, um zu überdenken, in welche Richtung man fortschreitet."
Der dreiteilige Essay widmet sich im ersten Kapitel den Einschnitten, die das digitale Zeitalter und die massive Tendenz zur Überwachung für die Bewegungsfreiheit mit sich bringen. Um das zu verdeutlichen, versucht Kim eine Nacherzählung von Max Frischs Roman "Homo Faber" (1957) aus heutiger Sicht. Es wäre ganz anders gekommen, schreibt sie, wäre Walter Faber auf Facebook und würde eine Google-Brille tragen. Dann wäre ihm nicht entgangen, dass es sich bei Sabeth mit 98-prozentiger Wahrscheinlichkeit um seine leibliche Tochter handelte. Und die Literaturgeschichte wäre um eine inzestuöse Beziehung ärmer gewesen.
Der Zufall hat heute praktisch keine Chance mehr, die Zukunft ist bis zu einem gewissen Grad berechenbar geworden. Wir sind ständig sichtbar und hinterlassen überall Spuren, wie Kim mit Unbehagen beobachtet: "(F)ür viele Jahre spurlos zu verschwinden, bedarf heutzutage einer digitalen Enthaltsamkeit, die mit einer veritablen Anstrengung verbunden ist."
Unsere Zeit leide unter einem "Nivellierungszwang" – mit schwerwiegenden Folgen: "Alles, was aus der Reihe tanzt, gefährdet das System, dessen natürlicher Feind der Mensch ist, also muss auch dieser nivelliert werden."
Im zweiten Kapitel macht der Text einen abrupten Sprung und erzählt die Geschichte der österreichisch-britischen Fotografin Edith Tudor-Hart (1908–1973), die für die Sowjetunion spionierte und deshalb über Jahrzehnte vom MI5 observiert wurde. Besonders interessiert Kim an ihr, wie sich das Privatleben der Frau veränderte, die ständig unter Beobachtung stand: "Wie einer Unfreien hat man ihr das Leben entzogen, sie besitzt es nicht mehr."

Einen direkten Bezug zur Gegenwart zieht die Autorin zwar komischerweise nicht. Aber es liegt auf der Hand, dass sie davor warnt, durch das freiwillige Dokumentieren unserer Lebensumstände im Netz würden wir Material für mögliche zukünftige Verhöre zur Verfügung stellen.
Auch das dritte Kapitel spricht mehr für sich, als an die vorigen anzuknüpfen. Hier landet Kim wieder bei ihrer eigenen Biografie. Sie erzählt, wie sie, die viel schneller und leichter Deutsch lernte als ihren Eltern, von diesen als Dolmetscherin eingesetzt wurde. "Ich wehrte mich gegen das Dolmetschen, gegen jedes Wort, als würde er, der Akt des Transponierens in eine andere Sprache, meine Kindheit verkürzen."
In der Volksschule wiederum wurde sie als Exotin bestaunt, war "quasi eine Berühmtheit". Von den Eltern ständig eingespannt, in der Schule begafft – Kim musste sich ihre Privatheit hart erkämpfen. So wird am Schluss klar, warum ihr diese so ein besonderes Anliegen ist.
Als Manko von "Der sichtbare Feind" könnte man empfinden, dass es keine klare Argumentationslinie verfolgt. Doch gerade seine hybride Form aus Essay und erzählten Passagen macht das Buch lesenswert. Es regt zum Nachdenken an, ohne sich mit großen Thesen aufzudrängen.

Sebastian Fasthuber in FALTER 11/2015 vom 13.03.2015 (S. 41)


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