Abhauen!

von Jana Beňová

€ 18,90
Lieferung in 2-7 Werktagen

Übersetzung: Andrea Koch-Reynolds
Verlag: Residenz
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 136 Seiten
Erscheinungsdatum: 17.02.2015


Rezension aus FALTER 11/2015

Das Leben im Schwebezustand

Boris Pofalla zieht durch Berliner Clubs, Jana Beňová kommt nicht aus der postkommunistischen Tristesse raus

Der Totenkopf ist der Smiley unseres Jahrhunderts. Warum das so ist, erklärt Tom dem Ich-Erzähler im Taxi von einem Club zur nächsten Party. Die Erläuterung jener These wäre bestimmt interessant, aber diese Tiefen erreicht der Roman von Boris Pofalla nicht. Er blubbert, ob bewusst oder unbewusst, an der Oberfläche einer dekadenten Szene der Berliner Clubwelt.
Der Erzähler von "Low" ist Teil einer Subszene und nicht Stellvertreter einer gesamten Bindestrich-Generation, die man interpretierend viel zu oft über jeden zeitgenössischen Adoleszenzroman schmiert wie eine luftdichte, dicke Paste. Er ist geprägt vom hedonistischen Lebensgefühl verlorener Upper-Class-Kids, die sich kreativ wähnen oder einfach nur narzisstisch cool. Ihre Rebellion beschränkt sich darauf, sich dem Alltag, dem Durchschnitt, der Gesellschaft und ihren Idealen zu entziehen, davor zu flüchten – ohne zu wissen, wohin.
Freiheit bedeutet für sie, außerhalb des Systems zu leben, ohne Zeitgefühl, ohne Vergangenheit, ohne Plan, weder für den nächsten Tag noch für das Leben, und auch ohne echte Probleme. Einen BMW2002 fährt man ja trotzdem. Die Eltern denken, Müttersöhnchen sei artig in die Studienlaufbahn gestartet. Aber man fühlt sich nicht als Arztsohn, sondern als wildes, gesetzloses Tier: "Treten Sie näher, nur keine Scheu, haben Sie Teil am aufregenden Leben junger Großstädter am Anfang des dritten Jahrtausends."

In "Low" wird eine Flucht mit toxischen Mitteln beschrieben: "Ernsthaft, wer von uns weiß schon, wo er vor 'ner Woche mit wem was gemacht hat?" Die Palette ist groß: Speed, Koks, Pillen und Gras hat man schon auf Seite 32 hinter sich gebracht. Es folgt Experimentelleres: Opium, LSD (das war damals in der 11. Klasse), MDMA, Crystal Meth und Ketamin. Zusammen mit Gin Tonic, Wodka Cola, Kölsch und Mezcal-Shots verschwimmt die Erzählzeit von ein paar Monaten zu einer gefühlt stundenlosen Sauce, einem Rausch, in dem sich Upper und Downer bekämpfen.
Wann hört die Vergangenheit auf, wann fängt die Gegenwart an?, fragt sich der junge Mann. In der Vergangenheit jedenfalls liegt ein Punkt, an dem die Dinge anfingen auseinanderzufliegen. Diese Einsicht verspricht im Laufe der Geschichte aber wenig Verwandlung und keine sichtbare Verbesserung. Die Tage unterscheiden sich einzig durch die Drogenart, zwischen Tag- und Nachtleben liegt ein Haufen bunter Flyer für Privatpartys und Clubbings in alten Schwimmbädern und verlassenen Häuserruinen ("Es ist beinahe egal, was man tagsüber macht, solange man nur abends etwas vorhat, das langsam näher rückt").
Das Leben im Schwebezustand braucht Anhaltspunkte und Rituale. Der Ich-Erzähler sucht nach seinem Freund Moritz und weiß dabei nicht, wer er eigentlich selbst ist. Verloren stolpert er seit dem Verschwinden von Moritz alleine durch die Nächte. Auf der Suche blendet er an den Schauplätzen ehemaliger Ekstase zurück zu den Erinnerungen an Moritz und ihre jugendlichen Erlebnisse. Letztlich bleibt der Geruch eines leeren Clubs: nach alten Ledersesseln, verschüttetem Schnaps, Reinigungsmittel und feuchtem Beton.
Die Drogen von Jana Beňová sind starke Bewegungsverben. Es pulsiert, galoppiert und prallt schon im ersten Absatz ab. Im Speisesaal des Provinzgymnasiums begann Rosas Sehnsucht nach Unabhängigkeit. Statt zur Schulspeisung geht sie ins Kaufhaus Prior, kauft russische Eier und Coca-Cola (lies: Freiheit und Anarchie). Dort am Selbstbedienungsimbiss sind alle gleich, unabhängig und erwachsen. Hier hüpft auch die auktoriale Erzählperspektive erstmals in die Ich-Form.
Rosa will ein Teil der großen Welt sein, nicht des Kollektivs. 1999 ist sie 16 und verteidigt ihre Neigung zur Wirklichkeitsflucht mit Walter Benjamin. Dieser schreibe nämlich, "wenn man verabsäumt, mit sechzehn von zu Hause wegzulaufen, dann verabsäumt man etwas Unersetzbares und Wichtiges für seine weiteren Lebensjahre. Und sei es, dass die Flucht nur achtundvierzig Stunden andauert. Nachholen kann man das nicht. Es ist ebenso wichtig, mit dreißig von einem Mann wegzulaufen."
Das macht Rosa gewissermaßen zu ihrem Lebensmotto. So beginnt das Schuleschwänzen, das Rauchen und die abendlichen Treffen mit Son im Café. Son heißt wie die Nachsilbe nordischer Familiennamen und wie das skandinavische Wort für Sohn, aus dem diese Anhängsel-Familiennamen entstanden sind. Auch er will kein Anhängsel größerer Gesellschaften sein. Son und Rosa, das Mädchen von der Siedlung hinterm Hauptbahnhof, einte schon als Kinder, dass sie abhauen wollten.

Vögel, Flügel und die Bücher von Camus bringen sie rettend fort von den Feindbildern der disziplinierten Arbeit und Unbeweglichkeit. Und das ist so lyrisch, wie es klingt. "Prosa erzählt etwas, Poesie bewirkt etwas mit Hilfe von Worten", so sehen die beiden die Welt. Traumartig assoziativ in Verse geflochten, bestimmen Stroboskopsätze den temporeichen Text. Es duellieren sich prädikatlose Sätze und Partizipreihen in bildhafter Sprache. Dazwischen heißt es immer: "Abhauen!"
Später möchte Rosa aus dem Alltag, aus Ehe, Arbeit und Cellulite ausbrechen. Man fragt sich, wie es so weit kommen konnte, wo sie doch als 16-Jährige so rebellisch erschien. Ihre Liebe zu Son ist mit dessen Augenkrankheit erblindet. Bevor die Vision vom gemeinsamen Flüchten verschwindet, flieht Rosa lieber mit einem anderen, dem Marionettenspieler Corman. Paris, Kalifornien, Bratislava oder zumindest im Schienenersatzbus von Tulln nach Krems – Ortswechsel sollen Rettung versprechen.
Darauf wartet auch der Leser und fragt sich: Ist das eine Spirale, in die das Buch sich dreht? Um festzustellen: Es ist die dumpfe Grundstimmung, depressiv wie ein ewig grauer Jänner in postkommunistischer Tristesse. So bleibt es bis zum Ende, wenn auch metaphorisch.

Juliane Fischer in FALTER 11/2015 vom 13.03.2015 (S. 16)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
Warenkorb anzeigen