Leseausgabe im Schuber

von Marie von Ebner-Eschenbach, Ulrike Tanzer, Daniela Strigl, Evelyne Polt-Heinzl

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Verlag: Residenz
Genre: Belletristik/Hauptwerk vor 1945
Umfang: 1400 Seiten
Erscheinungsdatum: 10.11.2015


Rezension aus FALTER 11/2016

Ein Blick für Rabiate und Verzweifelte

Vor 100 Jahren verstarb Marie von Ebner-Eschenbach. Eine vierbändige Leseausgabe und eine Biografie laden zur längst fälligen Neulektüre dieser hellsichtigen und erstaunlich witzigen Schriftstellerin ein.

Die österreichische Literatur der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts hat keinen leichten Stand. Und das schon lange bevor der Poststrukturalismus dem Realismus in die Parade fuhr, um mit ermüdender Wiederholungslust dessen Unmöglichkeit und die eigene Unabkömmlichkeit zu beweisen. Erst allmählich wurde bekannt, dass Roland Barthes, einer der intelligentesten Wortführer, nie daran dachte, von seiner Vorliebe für den realistischen Roman abzurücken. Mit dem weltweiten Erfolgsmodell der Wiener Moderne wurde zum anderen, meist taxfrei, die generationsspezifische und der Selbstprofilierung dienende Abkehr „Jung-Wiens“ von den Vorgängern übernommen, ohne dabei die Spielregeln des literarischen Feldes näher zu untersuchen.

Und die Vorgängerinnen? Auch das ist kein einfacher Gang zu den Müttern. Man kann sich das Problem mit der unbequemen Frage einer bekannten amerikanischen Romanistin, Margaret Cohen, verdeutlichen: Wo bleibt, abgesehen vom Frühwerk der George Sand, die Teilnahme der französischen Autorinnen am Projekt des realistischen Romans? Im Gegensatz zum englischen Realismus, der ohne die Romane einer Jane Austen, einer Charlotte Brontë oder einer George Eliot gar nicht vorstellbar ist.
Und in Österreich? Hat dort, und zwar unabhängig vom Geschlecht, überhaupt irgendwer einen realistischen Roman geschrieben? Wenn man den deutschen Programmrealismus, wie er in der national-liberalen Zeitschrift Die Grenzboten vertreten wird, zum Maßstab nimmt, kann die Frage (zum Glück) verneint werden. Zum Glück, weil sich so Ludwig Anzengruber, Ferdinand von Saar, Karl Emil Franzos oder Marie von Ebner-Eschenbach den deutschen Naturalisten samt Hermann Bahr, dem österreichischen „Überwinder“, als Vorläufer anbieten konnten. Dies allerdings nur, wenn man das realistische Projekt nicht einfach mit der Gattung Roman gleichsetzt, was für das Prestige von Roman und Realismus jedoch gleichermaßen günstig ist.
Perspektivische Verschiebungen dieser Art haben dazu beigetragen, dass es immer wieder vereinzelte Wiederentdeckungen gab – mit allerdings nur kurzlebigen Neuausgaben von Einzelwerken, die nach wenigen Saisonen wieder verramscht wurden.

Das wird jetzt alles anders werden. Durch die beherzte Tat von drei österreichischen Literaturwissenschaftlerinnen und einem österreichischen Verlag gibt es ein wohldurchdachtes Angebot für eine neue Lesart der österreichischen Autorin Marie von Ebner-Eschenbach: Daniela Strigl, Evelyn Polt-Heinzl und Ulrike Tanzer haben im Residenz-Verlag eine knapp kommentierte vierbändige Leseausgabe vorgelegt (samt kritischen Einleitungen). Strigl hat zudem – fast 100 Jahre nach Anton Bettelheim – eine neue Biografie über die Ebner geschrieben: „Berühmt sein ist nichts“ gelingt es, mit allen „britischen“ Tugenden dieses Genres – also Recherche, Intelligenz, sparsamer Psychoanalyse und gewitzter Empathie – eine Schriftstellerin buchstäblich zu neuem Leben zu erwecken. Ein Leben, das sich durch die Stilisierung zur „Autorin der Güte“ in der Spätzeit vom Werk der Autorin abgelöst hatte. Dem Berühmtsein stellt Ebner-Eschenbach selbst die Produktivität des Schaffens entgegen; ihr Aphorismus gegen Versteinerung spricht für ihre Selbstkritik und unprätentiöse Lebensklugkeit: „Man bleibt jung, so lange man noch lernen, neue Gewohnheiten annehmen und Widerspruch ertragen kann.“
Zumindest ihr Werk war nie ganz verschwunden und wurde durch Neuausgaben und -interpretationen (Karlheinz Rossbacher) in einen sozial-historischen Zusammenhang gestellt, der Verknüpfungen mit internationalen Debatten ermöglicht hat. Durch die aristokratischen Bildungswege und -zwänge beginnt die Ebner zunächst französisch zu schreiben; auch später hat sie sich zumindest als Leserin in einem internationalen Kontext gesehen. Von George Sand hat sie das Motto zu ihrem Meisterwerk „Das Gemeindekind“ übernommen („Alles ist Geschichte“); sie bewunderte die große George Eliot, insbesondere deren längere Erzählung „Silas Marner“. Diese entspricht auch im Umfang dem gängigen Format von Ebner-Eschenbachs erzählenden Schriften, die alle ohne die Gattungsbezeichnung Roman auskommen, wie um zu beweisen, dass es Realismus auch ohne Roman gibt.
Die Ausgabe ist bemüht, etwas von der Gattungsvielfalt von Ebners Schreiben zu zeigen, das in den Kleinformen von Skizze, Kulturbild, Dorf- und Schlossgeschichte, Aphorismus, Märchen oder Parabel an die Formenvielfalt realistischen Schreibens erinnert und nebenbei auch daran, dass die „kleinen Formen“ der Moderne nicht vom Himmel gefallen sind. Die Ausgabe verzichtet aber, bis auf einen kleinen Auszug, auf das autobiografische Werk und das Drama, dem Ebner-Eschenbach zu viele Jahre ihres Schreiblebens geopfert hat (ähnlich vergeblich wie die von ihr geschätzten männlichen Kollegen Gottfried Keller oder Ferdinand von Saar).
Strigls chronologisch gebaute (Werk-)Biografie folgt zunächst der Autobiografie und den Tagebüchern, um die langsame Genesis eines späten Erfolgs zu zeigen; errungen – und das ist ein Grundkonflikt dieses Frauenlebens – gegen den Widerstand des Ehemanns und der ganzen aristokratischen Sippschaft in Mähren und Wien. Schreiben wurde nicht als Beruf, sondern als eine Tätigkeit betrachtet, die den berühmten aristokratischen Namen und den vom Ehemann bekleideten militärischen Rang herabwürdigt.
„Berühmt sein ist nichts“ kann nicht mit sensationellen Enthüllungen aufwarten und sie spekuliert auch nicht auf das, was man Skandal zu nennen sich angewöhnt hat. Eine große, die Ehe gefährdende Liebe der Autorin konnte auch von der Biografin nicht restlos aufgeklärt werden. Was die Biografie mit dem dunklen Glanz des realistischen Schreibens verbindet, ist der Wille zur Rekonstruktion eines weiblichen Schreiblebens und des Monströsen einer Lebensform, in der das Schreiben verpönt ist.

Das Ungeheuerliche ist die Verfasstheit dieses zermürbenden Alltags. Dies zu zeigen ist das Axiom realistischen Schreibens. Das gilt auch für die oft brutalen Ehekonflikte in Ebner-Eschenbachs Erzählungen. Das Letale ist die Folge der wie Nadelstiche verabreichten, sich häufenden Respekt- und Lieblosigkeiten des Ehemanns und anderer Familienmitglieder. Bevor das Familienfest zur Feier der silbernen Hochzeit beginnt, erschießt sich die solcherart aufgeriebene Professorengattin in „Das tägliche Leben“. Und naturgemäß kann sich keiner einen Reim bilden. (Enthalten ist dieser kurze Text im vierten Band der Ausgabe mit „Erzählungen und Aphorismen“ – ein besserer Einstieg ins Werk ist kaum denkbar.)
Umso wichtiger sind in ihrer Literatur wie im realen Leben die Helferfiguren: Mit spürbarer Bewunderung beschreibt Strigl die 1866 beginnende Lebensfreundschaft der Ebner mit Ida Fleischl, deren Gescheitheit, Humor und Rat in literarischen Belangen durch nichts zu ersetzen war. Daran ändert auch die Autorität eines Julius Rodenberg nichts, dessen Deutsche Rundschau für den Durchbruch der Ebner in Deutschland von entscheidender Bedeutung ist. 1880 debütierte sie in dieser wichtigen Zeitschrift mit einer ihrer besten Erzählungen „Lotti, die Uhrmacherin“; da ist sie immerhin schon 50 Jahre alt.
Intelligenz, soziale Wahrnehmungskraft, Witz und erfahrene Zurücksetzung ergeben keinen Blaustrumpf, sondern eine für die Sache der Frauen(-bewegung) sich einsetzende Mitstreiterin, die allerdings jegliche Funktionärsangebote ausschlägt. Sie unterstützt die entsprechenden Vereine (etwa den „Verein der Schriftstellerinnen und Künstlerinnen“ in Wien) und vermeidet Programmatisches. Ihr intellektuelles Engagement trägt ihr, ähnlich wie auch George Eliot, unkonventionelle Avancen, Liebesanträge und Bekanntschaften von Frauen ein (Helene von Druskowitz, Marie von Najmájer), die ihre Abgrenzungskünste strapaziert haben.

Die Ebner war unkonventionell innerhalb der Konvention; ihr Realismus macht die Codes kenntlich, die „Normalität“ genieren, samt den zugehörigen Ausschließungsprozeduren. Ihr Blick für soziale Außenseiter, ­Zukurzgekommene, Rabiate und Verzweifelte, gleich welcher sozialen Herkunft, ist der Komik und Satire näher als dem Kitsch.
Dass eine Aristokratin ohne Herablassung über Dienstboten, Proletarier und Deklassierte schreiben konnte, schloss mit ein, dass sie sich über die Befangenheiten ihrer Klasse im Klaren war. Dass sie über Fragen der Religion öfter schrieb als über Fragen der Sexualität, sagt weniger über sie aus als über das 19. Jahrhundert. Während sie aber ihre Feinde, die Klerikalen, mit zunehmender Gelassenheit (und nachlassender Entschiedenheit) zu vermeiden suchte, empörte sie der Antisemitismus der Lueger-Partei und ihrer Gefolgschaft. Die Vox populi hatte schon im „Gemeindekind“ einen wahnhaft verzerrten Tonfall; aber keine der liberalen Leitfiguren (Pfarrer, Baronin, Lehrer) ist davon frei. „Schloss“ und „Kirche“ werden ihrer Funktionslosigkeit überführt, aber die für soziale Integration zuständige Gemeinde erfüllt ihre Aufgabe nicht. Nur die in diesem Genre der Dorf-(und Schloss)geschichte seit Berthold Auerbach gattungskonstitutive Auswanderung nach Amerika und das Interesse des Lehrers Habrecht für die dort 1876 gegründete „Ethische Bewegung“ wirft ein blasses utopisches Licht auf die von Nationalismus und sozialer Not bedrohte Gegenwart. Die in den frühen 1890er-Jahren in Berlin gegründete „Gesellschaft für Ethische Kultur“ und ihre gleichnamige Zeitschrift sind Folgen dieser Bewegung, in die auch der junge Soziologe Georg Simmel polemisch involviert war. Ob sich Ebner-Eschenbach da noch interessiert gezeigt hat, ist nicht bekannt.
Luegers demagogische Politik machte ihr Wien zunehmend „odios“; ihre späten Fluchten in den Süden (Rom) mussten aus Altersrücksichten bald unterbleiben. Die wiederholte Heimkehr in die mährische Heimat, auf Schloss Zdislawitz, wird 1916, mitten im Ersten Weltkrieg, zu ihrer letzten. Am 12. März desselben Jahres stirbt sie in Wien.

Karl Wagner in FALTER 11/2016 vom 18.03.2016 (S. 4)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Berühmt sein ist nichts (Daniela Strigl)

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