Dreissig Tage

von Annelies Verbeke

€ 22,00
Lieferung in 2-7 Werktagen

Übersetzung: Andreas Gressmann
Verlag: Residenz
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 344 Seiten
Erscheinungsdatum: 12.03.2019


Rezension aus FALTER 12/2019

„Es ist gut so, wie es ist“

Annelies Verbeke schildert Diskriminierung aus Sicht eines Betroffenen, der sie nicht wahrhaben möchte

Wo kommen Sie her?“ – „Aus Brüssel. Aber ich wohne jetzt seit fast zehn Monaten hier.“ – „Jaja. Aber wo kommen Sie wirklich her?“

Um dieses kleine Wörtchen „wirklich“ kreist Annelies Verbekes Roman „Dreißig Tage“. Alphonse ist 40, seine Vorfahren stammen aus dem Senegal, er selbst lebt seit Kindertagen in Belgien, mittlerweile in einem flämischen Dorf. Er spricht Niederländisch, Französisch, Englisch und Spanisch, dazu Diola und Wolof, die Dialekte aus der Heimat seiner Mutter. Ein polyglotter Mann mit gewinnendem Wesen. Aber Alphonse ist schwarz. Mit dieser Hautfarbe tappt er ständig in die Wirklichkeitsfalle. Wer ist er wirklich? Und wie sehen ihn die anderen, wenn sie ihn gerade nicht angrinsen?

Der Westen von Flandern an der Grenze zu Frankreich. Schmucklose Nester und Städtchen, flaches Land mit ein paar Hügeln und Sümpfen. Kriegerfriedhöfe und Massengräber, aufgegebene Polizeiposten und Kneipen, Menschen wie steinalte Überlebende der Kriege: desillusioniert und misstrauisch, depressiv oder verrückt. Die Zahl der Suizide ist höher als in den übrigen Regionen Belgiens.

Allein Alphonse, der sich hier mit seiner Freundin Kat niedergelassen hat, verteidigt die Gegend. „Was da ist, verlangt nach deiner Aufmerksamkeit, es bekommt einen Glanz.“

Annelies Verbeke zählt „Dreißig Tage“ herunter, von hinten nach vorn: 30 träge dahinlaufende Tage. Kat hat gerade erst eine Krebserkrankung überstanden, der Flecken Zoetemore bietet einen Tapetenwechsel und Ruhe.

Und auch Alphonse fängt hier wieder neu an. Vorbei die Nächte in den Clubs, die exzessiven Sessions in diversen Bands und die Jobs, mit denen er sich über Wasser gehalten hat, wenn die Gagen nicht reichten. Inzwischen ist er als Maler und Mädchen für alles fast zum Spießer mutiert; rückt morgens zu seinen Kunden aus, renoviert Schlafzimmer, Klos und Küchen und kehrt abends an den eigenen Herd zurück. Kat und er sind sich leidenschaftlich zugetan, trotz mancher Irritationen, die in ihrer unterschiedlichen Herkunft wurzeln.

Alphonse ist da „in ein seltsames, schönes Leben geraten. Verlangt er zu wenig? Bekommt er zu viel?“ Oder passt er sich einfach zu sehr an? Er sei ein Magnet für alle Gestörten, wirft ihm Kat vor. Kunden werden zu Klienten. Schütten ihm ihr Herz aus, suchen Rat bei Kummer und Kümmernissen, krallen sich an ihm fest mit ihren Geheimnissen und Obsessionen. Vielleicht gerade deshalb, weil er ein Fremder ist. Freimütig gewähren sie ihm Zugang zu ihrem Innersten.

Von sich selbst behauptet Alphonse, glücklich, ja gar „fundamental glücklich“ zu sein. Ist dieses Gefühl eine Anmaßung oder sogar ein Wahn? „Kann es einem genommen werden?“ Wenn es ihm schlecht geht oder Wut aufbrandet, rettet er sich zur Kora, dem Instrument aus Kindheitstagen. „Die Saiten laufen durch seine Finger, durch seine Adern, unter sein Schädeldach. Die Musik durchblutet ihn, zieht die Luft in seine Lungen, jede Kapillare, jede Zelle bebt mit, alles antwortet: Es ist gut, so wie es ist.“ Es bedarf schon großer Kraft und Willensstärke, um das herbeizitierte Glück so zu hätscheln, dass es sich nicht davonstiehlt.

Belgien und die Niederlande mit ihrer Kolonialgeschichte besitzen sehr viel umfassendere Erfahrungen mit Migration und einer multikulturellen Gesellschaft als zum Beispiel die Menschen in Österreich. Davon haben Autoren wie Fikry El Azzouzi, Karin Amatmoekrim oder Robert Vuijsje berichtet, oft mit klarer Message.

Annelies Verbeke ist subtiler zugange. Beim Schreiben habe sie sich, so gesteht sie, immer wieder gefragt, ob dieser Alphonse nicht zu unauffällig sei, um sich in der Welt durchzusetzen. Umso mehr hätten sie der große Erfolg bei der Leserschaft und die zahlreichen Preise überrascht, die das Buch einfuhr.

„Dreißig Tage“ ist ein unspektakulärer Roman. Weder liefert er große Action, noch gibt er schlaue Antworten auf brennende Fragen. Die Autorin schildert ihren Alphonse lakonisch und sprachlich unaufgeregt. Nur ab und zu heben die Fantasien, die sie der Hauptfigur aufdrängt, ins Prätentiöse ab – „die Sonne badet im Nebel, eine reife Aprikose in Crème anglaise“.

Sparsam eingesetzt und wie Stolpersteine in den Text montiert sind Kommentare von außen. Auf diese Weise entsteht nach und nach das Psychogramm eines Mannes, der hart dafür kämpft, sich eines Platzes in einer Gemeinschaft zu versichern, die ihn eigentlich verachtet: Der Schwarze wird nie dazugehören. Alphonse aber wischt die eigenen Erfahrungen von Rassismus und Diskriminierung vom Tisch, setzt Dienstbarkeit und Optimismus als Strategie ein, um die Dämonen zu bannen.

Verbekes Roman, den Andreas Gressmann stimmig übersetzt hat, schildert, wie fragil der Boden ist, auf dem der Protagonist dahintänzelt. Auf den Schlachtfeldern sind dereinst auch senegalesische Truppen für die Ehre Frankreichs gestorben: ein Leitmotiv des Buches. Westflandern ist keine friedliche Ecke. Alphonse trifft auf Laufgräben und Zelte, in denen Flüchtlinge auf die heimliche Überfahrt nach England warten.

Neuerlich muss er helfen. Und setzt damit sein Leben aufs Spiel. Als Hiob oder Messias, beides möglich. „In letzter Zeit hat er manchmal das Gefühl, mit den Augen eines außerordentlichen Wesens auf die Welt zu blicken, alles getrennt in sich aufzunehmen, als sähe er es zum ersten Mal.“

Bei der Lektüre von „Dreißig Tagen“ geht’s einem ähnlich.

Susanne Schaber in FALTER 12/2019 vom 22.03.2019 (S. 20)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
Warenkorb anzeigen