Anna
Eine Kindheit

von Erika Pluhar

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Verlag: Residenz
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 248 Seiten
Erscheinungsdatum: 28.08.2018

Rezension aus FALTER 6/2019

„Ich habe mich nicht mehr ungern“

Ihre Stimme ist unverwechselbar. Tief, rau und warm klingt es, wenn Erika Pluhar spricht. Zu erzählen hat sie viel. Nicht nur weil sie mit knapp 80 Jahren – ihr Geburtstag ist am 28. Februar – auf ein langes Leben zurückschauen kann. 40 Jahre lang war sie Ensemblemitglied am Burgtheater, spielte in vielen Filmen mit und wurde Sängerin und Schriftstellerin. In ihren Chansons thematisiert sie ihr eigenes Leben, singt über das Frausein, Liebe und Verlust. Ein Album und auch Pluhars neuestes Buch ist ihrer Tochter Anna gewidmet, die 1999 mit 37 Jahren an einem Asthmaanfall starb. Neben Pluhars Kunst interessierte sich die Öffentlichkeit auch für ihre beiden Ehen. Sie war mit dem Unternehmer Udo Proksch, der im Fall Lucona wegen sechsfachen Mordes verurteilt wurde, sowie mit dem Künstler André Heller verheiratet.

Pluhar lebt in einem großen Haus in Grinzing, mit verwinkelten Gängen, vielen Pflanzen und hellen Zimmern. Den Falter bittet sie in einen Raum voller Bücher, einem Klavier und vielen Fotos.

Falter: Frau Pluhar, gehört eine Villa in Grinzing dazu, wenn man Burgschauspielerin ist?

Erika Pluhar: Ich habe mich nie als Burgschauspielerin gefühlt und bin es auch seit 20 Jahren nicht mehr. Aber ich hatte dort eine Phase, die ich meine Hoch-Zeit – nicht meine Hochzeit, sondern Hoch-Zeit – nenne. Da habe ich Rollen gespielt, bei denen ich das Gefühl hatte, dass sie mit mir zu tun haben. Aber ich habe mich nie um Rollen gebalgt. In meinem Vokabular kommt und kam das Wort Karriere nicht vor.

Was stört Sie daran?

Pluhar: Es kam eine Aufgabe nach der anderen, alles hat sich organisch entwickelt und ich habe versucht, es gut zu tun. Deshalb nenne ich meinen Beruf „mein Tun“. Nie habe ich mein Leben in Hinblick auf eine Karriere konzipiert. Und ich war auch sehr gut im Ablehnen. Schon in jungen Jahren habe ich alle Soaps, Serien, Kommissarinnen und drei Mal die Buhlschaft abgelehnt.

Bei Ihrem Abschied vom Burgtheater 1999 haben Sie auch abgelehnt, dass jemand über Sie eine Rede hält.

Pluhar: Ja, ich wollte das selbst tun. Dann habe ich Blumen bekommen und war danach wie vom Eise befreit. Kurz darauf ist allerdings meine Tochter Anna gestorben. Das konnte ich damals noch nicht ahnen.

Warum haben Sie Ihren Beruf an den

Nagel gehängt?

Pluhar: Die Theaterlandschaft hat sich verändert und das wird auch immer so sein, sie ist ja ein Spiegel der Zeit. Aber das hatte nichts mehr damit zu tun, was ich am Theater wollte. Wenn ich noch einmal anfangen könnte, würde ich Filme machen.

Tatsächlich?

Pluhar: Ja, ich würde gern das machen, was der Woody Allen macht: schreiben, Regie führen, spielen. Ich liebe Film viel mehr als Theater.

Berührt einen das Kino mehr?

Pluhar: Mich schon. Im Moment legt die Theaterlandschaft nicht viel Wert darauf, Menschen zu berühren. Theater heißt inzwischen ja auch oft Performance, die Schauspieler laufen oft mit Headsets herum. Im Vordergrund steht die möglichst außergewöhnliche Verpackung.

Das sagen Sie, die erste Nackte im Burgtheater. Wie kam es eigentlich dazu?

Pluhar: Das war in Tom Stoppards Stück „Akrobaten“, bei dem Peter Wood Regie im Akademietheater geführt hat. Er hat gesagt: „Erika! Diana, she was naked.“ Diana Rigg kannte man aus der Serie „Mit Schirm, Charme und Melone“, sie hat die Rolle in London gespielt. Also habe ich das mutig auch gemacht. Ich lag nackt wie ein Baby auf einer Drehbühne. Nachdem ich hinausgerollt worden war, bin ich in einen Mantel mit Straußenfedern geschlüpft. Von vorne hat man nichts gesehen. Allerdings gab es so ein Baby-Nacktfoto, das während der Proben entstanden ist. Eine Zeit lang, wenn danach ein sachlicher Bericht über mich erschienen ist, wurde er mit diesem Bild illustriert. Die Karten mit Blick von oben auf die Bühne waren außerdem immer als Erste verkauft.

Was hat sich noch verändert im Theater?

Pluhar: Es wird so viel gebrüllt. Ich erinnere mich an die Aufführung von Bertolt Brechts „Arturo Ui“ – eine meiner letzten Arbeiten an der Burg. Ich sollte eigentlich nur zum Schluss auftreten und sagen: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch.“ Das war keine gute Aufführung. Man hat es daran gemerkt, dass das Gebrüll draußen auf der Bühne immer heftiger wurde. Wenn Schauspieler unsicher sind, werden sie laut. Der Schoß ist leider immer noch fruchtbar.

Viele bezeichnen den Umbruch
am Theater auch als Modernisierung.
Einer der Autoren, die damals am Burgtheater groß herauskamen, war Thomas Bernhard.

Pluhar: Ich habe nie einen Thomas Bernhard gespielt.

Haben Sie ihn einmal getroffen? Er war ja Ihr Nachbar.

Pluhar: Er hat in der Obkirchergasse gewohnt, ja, und ich habe ihm einmal einen ganz kritischen Brief geschrieben. Gleich darauf ist er gestorben.

Was haben Sie ihm geschrieben?

Pluhar: Ich habe ihn beim Spazierengehen gesehen, er ging mit so einem schönen, gedankenvollen Gesicht vor sich hin. Da habe ich ihm ganz ehrlich geschrieben, dass er in seinen Versuchen, sich publik zu machen, für meine Begriffe zu sehr in die Peymann-Richtung geht, der damals Burgtheater-Direktor geworden ist. Dass er sich zu sehr vermarkten lässt. Ich habe ja auch einen Beruf, der mit den Medien zu tun hat, aber genau das Wort „ver-markten“ gehört zu meinen Unworten. Das finde ich grauslich.

Das klingt nach dem Geist von 68.

Pluhar: Für mich nach dem Zeit-Geist von heute.

Eine 68erin waren Sie aber nicht.

Pluhar: Überhaupt nicht. Ich habe zu dieser Zeit hart gearbeitet, habe am Theater viel gespielt, hatte ein Kind, das zu kurz kam, und eine schwierige Ehe. Ich wurde ein politischer Mensch, als ich Portugal kennengelernt habe, knapp nach der Nelkenrevolution 1974. Damals war ich mit dem Musiker Antonio D’Almeida unterwegs. Antonio hat auf einem verstimmten Klavier gespielt und die Leute haben gestrahlt und gesungen. Es war ja alles so unblutig und so schön, nur mit dieser Nelke … Ich habe dort jedoch sehr kluge und politisch wache Menschen kennengelernt.

Danach haben Sie sich auch in Deutschland und Österreich engagiert.

Pluhar: Mit Antonio habe ich auf den Friedenskonzerten gespielt, in Dortmund 1982 und in Bochum 1983. Wir standen im Stadion mit verschwitzten Händen, aber schon beim nächsten Konzert waren ein paar Manager dabei, ein paar Plattenverkäufer und da habe ich gemerkt, hui, das geht aber ganz schnell … Künstler für den Frieden – und auf einmal kippt das um und dient der Vermarktung.

In dieser Zeit ist das Wort „Gutmensch“ geprägt worden, verbunden mit dieser Vorstellung von moralisch entrüsteten Künstlern, die zu sehr mahnen ...

Pluhar: … und dass das den Leuten auf die Nerven geht, verstehe ich zum Teil sehr gut. Es geht mir auch auf die Nerven. Für mich war irgendwann klar: Erika, du trittst dort auf mit deiner Stimme und mit deiner Öffentlichkeit, wo du es ohne Rücksicht auf Verluste tun musst. Wenn eh alle dafür sind und mit ihren Kerzen den Heldenplatz füllen, bin ich nicht hingegangen.

Sie waren auch im Gespräch als Kulturministerin und Bundespräsidentin. Hat Sie das nie gereizt?

Pluhar: Diese Anfragen habe ich zwar irgendwie auch als ehrenvoll empfunden, aber alle sofort abgelehnt. Für viele war ich hingegen eine Zeit lang eine furchtbare Emanze.

Wieso furchtbar?

Pluhar: Wenn ich allein zu einer Einladung gekommen bin, haben die Männer ihre Frauen so ein bisschen an sich gezogen, damit sie nicht mit mir ins Gespräch kommen.

Welche Standpunkte haben Sie vertreten?

Pluhar: Ich war kurz in diesem emanzipierten Kreis um Alice Schwarzer, auch am Titelblatt von der Emma. Alice hat lange Gespräche mit mir geführt, wir waren kurzfristig befreundet. Aber irgendwann habe ich gemerkt, dass sie mich instrumentalisieren will. Nach einem Talk im Fernsehen rief sie mich an und hat gesagt: „Erika, du darfst nicht so gut ausschauen, sonst nimmt man dich nicht ernst.“ Da hat’s mir dann nicht mehr gefallen. Ich habe mich Vereinnahmungen immer relativ bald entzogen.

Als politisch engagierte Künstlerin kommen Sie aus einem bürgerlichen Milieu. Man hat in der aktuellen politischen Lage den Eindruck, die wachen, politischen Bürgerlichen seien verschwunden.

Pluhar: Sie wurden Spießbürger. Und es gibt nichts Schlimmeres als einen Spießbürger.

Ist das Problem nicht Sebastian Kurz?

Pluhar: Nicht nur – aber ja. Er lässt den Herrn Strache wirtschaften und ist selbst aalglatt. Er hat unser Land zu einem werden lassen, das man in einem Atemzug mit Staaten nennt, die jetzt abrutschen, wie Ungarn oder Italien. Zu denen gehören wir jetzt.

Die 68er-Bewegung war stark getragen von der Kritik an der Vätergeneration. Haben Sie Kritik an Ihren Eltern geübt?

Pluhar: Mein Vater war ein Nazi, das habe ich sehr oft schon kundgetan, er war der Sekretär des NS-Gouverneurs Otto Wächter im damals polnischen Lemberg. Er wollte von dort weg und ist als einfacher Soldat, nicht als SS-Mann, an die Front eingerückt. Das hat ihm später bei der Entnazifizierung geholfen. Ich hatte im Gymnasium ein großes Glück mit meiner Geschichtsprofessorin Frau Eleonore Zimmermann und der Schuldirektorin Stella Klein-Löw, Jüdin und sozialistische Abgeordnete. Frau Zimmermann hat uns den Holocaust schonungslos erklärt. Eltern von Mitschülerinnen, die auch Nazis waren, haben sich beschwert. Aber Stella Klein-Löw hat der Lehrerin natürlich gestattet, uns weiterhin alles zu sagen. Daraufhin bin ich nach Hause gekommen und habe meinen Vater und meine Mutter zur Sau gemacht. Dadurch konnte ich dieses Entsetzen, dass das alles möglich war, bei meinen Eltern sehr früh herausschreien und es anprangern, nämlich noch als Gymnasiastin in den 50er-Jahren.

Können Sie sich an die Kriegszeit erinnern?

Pluhar: Als mein Vater eingerückt ist, kam meine Mutter mit meinen beiden Schwestern und mir nach Wien zurück und wir sind mitten in den Bombardierungen gelandet. Was habe ich zuerst im Leben erfahren? Krieg. Angst. Katastrophe. Bomben. Wir sind dann nach Oberösterreich evakuiert worden, in die Nähe von Braunau. Dort habe ich mich langsam wieder beruhigt.

Kommen wir zu Erika Pluhar als Frau, auch in Zusammenhang mit der #MeToo-Debatte. Sie waren mit einem Mann zusammen, Udo Proksch, der gewalttätig war.

Pluhar: Nur manchmal, wenn er besoffen war. Schauen Sie, als ich zu #MeToo gefragt wurde, habe ich gesagt: „Me not“ – mich nicht. Außer kurz in meiner Ehe habe ich keine Gewalterfahrungen gemacht. Ich war schließlich ebenfalls jung, unbekannt, hübsch, war am Theater und beim Film, und habe trotzdem nie damit zu kämpfen gehabt, dass mich jemand sexuell belästigt hätte. Wenn einer blöd war, hab ich gesagt: Sei nicht blöd!, oder hab ihm einen Rempler gegeben. Ich war wirklich nicht sehr erfreut über dieses #MeToo. Es lenkt so sehr ab von den wirklichen Verbrechen, den grausamen Kriegsvergewaltigungen, von den Frauen, die in die überfüllten Frauenhäuser flüchten müssen.

Muss man nicht auch über die strukturelle Gewalt in Institutionen sprechen, nicht nur über die großen Verbrechen?

Pluhar: Schon, ja – nur ich habe in den mich betreffenden Institutionen keine Gewalt erlebt. Ich habe aber sehr wohl erlebt, dass ich bei gleicher Leistung viel weniger verdient habe als meine Kollegen. So, wie’s heute noch ist. Das, finde ich, sollte sich ändern.

Was denken Sie über die jungen Kolleginnen, die über #MeToo ihre Gewalterfahrungen öffentlich gemacht haben?

Pluhar: Ich verstehe nicht wirklich, dass sie es geschehen ließen. Dann krieg ich halt die Rolle nicht! Ist das nicht auch schon ein politischer Vorgang, dass ich sage, mit diesem Herrn Regisseur oder Produzenten gehe ich nicht deswegen auf sein Zimmer?

Sie sind mit Senta Berger in dieselbe Klasse an der Schauspielschule gegangen. Sie selbst galten als Femme fatale und Sexsymbol. Wurde man damals in diese Rolle gedrängt?

Pluhar: Ich war in meinem privaten Umgang nie ein Sexsymbol. Ich habe, angefangen bei diesem Fernsehzweiteiler „Bel Ami“, erotisch wirkende Frauen gespielt. Und da war ich das halt. Meine Tochter hat dann wirklich einmal zu mir gesagt: „Du warst so schiach in der Zeit, in der du schön warst.“ Da hat sie recht gehabt.

Ihre Freundin Marisa Mell ist daran zugrunde gegangen.

Pluhar: Ja, leider. Oder Romy Schneider. Sie wäre heute so alt wie ich. Nur ist sie in das internationale Filmgeschäft hochgestiegen, wo ich nie war. Ich war immer nur in Wien. Aber gewisse Parallelen sehe ich schon: schwierige Männer, ein Kind verlieren. Nur, im Gegensatz zu ihr habe ich mich von diesem Beruf nicht auffressen lassen.

Aber die Männer haben Sie als Sexsymbol wahrgenommen, André Heller hat ja auch gesagt, dass er Sie als Trophäe gesehen hat.

Pluhar: Das stimmt nur teilweise, glaube ich … Nur irgendwann war ich eben das, was man eine schöne und begehrte Frau nennt. Aber mir allein im Badezimmer hat das gar nichts genutzt. Ich wurde als Femme fatale bezeichnet – was ja wirklich dumm ist, was ist eine fatale Frau? – in einer Zeit, in der ich geschuftet habe und müde war. Aus dieser Schublade habe ich mich herausgekämpft. Da bin ich dann lieber die Emanze geworden oder die politische Frau.

Eine Sache müssen Sie uns aber noch erklären: Wie kam es dazu, dass Sie einen Ungustl wie den Udo Proksch verteidigen?

Pluhar: Er war nicht nur ein Ungustl. Er hat sich nur so ungustiös präsentiert, gerade medial, immer mit dieser Pistole. Er hat sehr, sehr vielen Menschen geholfen, er war ein wunderbarer Künstler und ich habe ihn wirklich auch ganz anders kennengelernt. Er war eine berührende Persönlichkeit und hat sich verirrt. Ich kann ihn nur verteidigen. Weil mein einziges Kind, Anna, seine Tochter ist, die ihn sehr geliebt hat. Weil er meinem Leben nicht nur Schlimmes angetan hat, sondern auch Gutes.

Warum haben Sie sich entschlossen, diese Beziehung zu führen?

Pluhar: Ich habe mich in diesen sehr besonderen und seltsamen Menschen verliebt und war dann sehr bald schwanger. Auch weil meine Eltern das wollten, haben wir halt geheiratet. Wir waren kurz auf dem Standesamt und sind danach in den Demel auf einen Apfelstrudel gegangen. Meine Ehe mit dem Udo Proksch hat nicht lang gedauert. Auch mit dem Heller war ich nur kurz vermählt. Ich wurde mein Leben lang immer wieder gefragt, warum ich gerade diese zwei Ehemänner hatte. Bis ich mich dann selbst auch schon gefragt habe: Erika, warum hast du eigentlich gerade diese zwei sehr auffälligen Männer geheiratet?

Die zwei größten Egos Österreichs.

Pluhar: Ihre Worte! Nur, als ich sie kennen und lieben lernte, waren sie das ja noch nicht. Der Udo war ein Brillendesigner und knapp nach der Kunstakademie, ein lockiger Bursch, der frech war und mit einem offenen Jaguar herumgefahren ist, und der Heller war ein Discjockey bei Ö3, galt als „Bürgerschreck“ und hatte überhaupt nix mit dem heiligen Heller von heute zu tun.

Als öffentliche Frau haben Sie schlechte Erfahrungen mit den Medien gemacht. Zum Beispiel in der Talkshow „3 nach 9“ .

Pluhar: Das war nach dem Film „Bel Ami“ 1968. Da war ich plötzlich so etwas wie berühmt. Der Moderator Wolfgang Menge war wirklich so grauslich, dass mir die Tränen vor der Kamera hochgestiegen sind. Ich konnte seine zynischen Fragen nicht parieren, habe mich verunsichern und verletzen lassen. Auf dem Rückflug – damals hat ja jeder so eine Talkshow gesehen – haben alle gesagt: „So furchtbar, der Menge!“ Heute wüsste ich genau, was ich ihm antworten würde. Ich habe immer versucht, offen und ehrlich zu sein, aber gelernt, mich nicht mehr demütigen zu lassen.

Sie haben das Intimste öffentlich gemacht, den Tod der Tochter.

Pluhar: Den habe ich nicht öffentlich gemacht, ich habe darüber gesprochen. Sehr bald habe ich eine Einladung in die Talkshow von Alfred Biolek bekommen, von dem ich wusste, dass er ehrenhaft damit umgehen würde. In seiner Sendung habe ich über Annas Tod gesprochen. Danach war jeder Voyeurismus weg. Die wollen ja immer nur durchs Schlüsselloch schauen. Über meine Anna spreche ich jetzt seit 20 Jahren ständig. Ich hebe mein Glas auf sie mit fremden Leuten. Es gibt Menschen, die Verluste in sich einsperren müssen, ich mache es bewusst gegenteilig.

„Mittlerweile schätze ich mich sehr“, haben Sie einmal gesagt. Wann hat das denn begonnen?

Pluhar: Ich habe mich nicht mehr ungern. Ich bin mit mir befreundet. Wesentlich dazu beigetragen hat das Tagebuchschreiben. Ich versuche mich mit mir auseinanderzusetzen, mir auf die Schliche zu kommen, mich liebevoll zu beobachten, gerade jetzt, wo ich alt werde. Wenn ich dann vor dem Spiegel stehe und das Gesicht wieder ein bissl herrichten muss, dann denk ich mir, also gut, ist halt so. Bitte, wenn das geschrieben wird, immer mit dem Begriff des Versuchs zu verbinden, damit es nicht so klingt, als würde mir das immer alles gelingen.

Sind Sie reich geworden?

Pluhar: Nein, der einzige Besitz ist dieses große Haus hier mit dem schönen Garten. Das wollte mich haben. Ich habe es in Leibrente erworben. Die alten Besitzer wohnten in einem Trakt und haben mich angefleht, das Gebäude zu übernehmen. So hat mich die Immobilie nicht mehr gekostet als eine Eigentumswohnung.

Was mochten Sie früher an sich nicht?

Pluhar: Ich war mit meinem Frausein nicht zufrieden. Deshalb war ich auch anorektisch. Das hat sich erst in der Mitte meines Lebens gereinigt und gefestigt, auch in der Erotik, in der Beziehung zu mir, zum Leben. Irgendwann wurde ich von der Frau zum Menschen. Da war es dann besser.

Matthias Dusini in FALTER 6/2019 vom 08.02.2019 (S. 24)


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