Der Jahrhundertroman

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Kurzbeschreibung des Verlags:

Als Buchhändler war der alte Herr Roch stets von Büchern umgeben, nun hat er selbst einen „Jahrhundertroman“ geschrieben. Es soll darin um Literatur gehen – von Musil und Roth bis zu Bachmann und Handke. In Geschichten, in denen der Möglichkeitssinn die Wirklichkeit oft ausblendet. Die Studentin Lisa, Kellnerin in Rochs Stammcafé, soll das Manuskript für ihn abtippen. Da sie Rochs Schrift nicht lesen kann, will er ihr diktieren, doch alles ist heillos durcheinandergekommen. Zwischen dem alten Mann, der voller Geschichten steckt, und der jungen Frau, die ihm nicht alles glaubt, entwickelt sich eine ambivalente Beziehung. Doch Lisa hat auch andere Sorgen: Ihre Freundin Semira soll abgeschoben werden. Kann Rochs Bücherlager ihr Zuflucht bieten?

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FALTER-Rezension

Doderer im Pyjama, Schmidt-Dengler mit Rapid-Schal

Elfriede Jelinek ist von ihrem Hügel in Hütteldorf zur U-Bahn unterwegs, als sie – es muss ein Match-Tag sein – auf grölende Grün-Weiß-Fans trifft. Prompt wird ihr schlecht. Doch Rettung naht: Unter den Rapid-Anhängern befindet sich Wendelin Schmidt-Dengler. Der Germanist mit Fan-Schal lädt die verstörte Schriftstellerin in ein kleines Lokal ein „und versäumt dar­über die ganze erste Hälfte des Meisterschaftsschlagers Rapid gegen Salzburg, aber das ist ihm hoch anzurechnen“.

In Peter Henischs „Jahrhundertroman“ droht des Öfteren Schlimmes, doch meistens geht es gut aus. Das verbindet den alten Herrn Roch, Protagonist des Romans, ehemaliger Buchhändler, frühpensionierter Bibliothekar und Verfasser eines Romanmanuskripts über die österreichische Literatur des 20. Jahrhunderts, mit Peter Henisch. Sie mögen ihre Figuren beide zu sehr, als dass sie ihnen Schlechtes wünschten.

So hätte es auch passieren können –das ist das erzählerische Credo von Roch. Es erlaubt ihm, die grausame Wirklichkeit ein wenig zu korrigieren. Und so ist es im Roman möglich, dass jener für Ödön von Horváth bestimmte Ast im letzten Moment noch ganz knapp sein Ziel verfehlt.

Am 1. Jänner 2000 beginnt Roch seinen „Jahrhundertroman“ zu schreiben. Er tut es in der Vorahnung, dass die große Zeit des Lesens und der Literatur hinter uns liegt. Also will er in einem großen erzählerischen Panorama durch die österreichische Literatur des vergangenen Jahrhunderts führen: Musil und Doderer haben ihre großen Auftritte, beide übrigens im Pyjama. Letzterer kommt aufgrund seiner Haltung den Nazis gegenüber nicht sonderlich gut weg.

Herr Roch hat einen Schlaganfall hinter sich und ein wenig den Überblick über sein Manuskript verloren, darum engagiert er die junge Aushilfskellnerin seines Stammcafés, um es für ihn abzutippen.

Mit Kaffeehausszenen, denen ein wenig Straffung gutgetan hätte, hebt „Der Jahrhundertroman“ gemächlich an. Roch versucht Lisa zu einer Verbündeten seiner literarischen Ambitionen zu machen. Ihr geht der alte Mann, wenn er sie nicht gerade an ihren Opa erinnert, aber eher auf die Nerven mit seiner ewigen Romanleier. Außerdem kann sie Rochs Sauklaue partout nicht entziffern. Und dann bringt sie auch noch die Ordnung der Seiten durcheinander.

Lisa muss sich um anderes kümmern: um einen polyamourösen Mitbewohner, den sie insgeheim eigentlich schon ganz gut findet; um ihren Vater, dessen finanzielle Zuwendungen sie lieber nicht annehmen würde, es aber doch tut; und nicht zuletzt um ihre als Flüchtling ins Land gekommene Ex-Mitschülerin Semira, die plötzlich nichts mehr von sich hören lässt.

„Langsam wea i miad“ heißt das Abschiedsalbum der Austropopperin Stefanie Werger. Im ersten Drittel des Roman scheint es, als würde das auch auf Henischs heiter-gelassene Erzählkunst zutreffen. Es geht nicht viel weiter. Aber dann kommt der Autor gleichzeitig mit Roch, der sich im weiteren Verlauf der Handlung sogar eine Line genehmigt – das Kokain hatte er vor einer Ewigkeit zwischen Büchern versteckt –, wieder in Fahrt. Im Zickzackkurs bewegen sich die beiden rasant durch die österreichische Literatur.

Peter Handke geht ins Kino. Thomas Bernhard will den Besuch der Premiere von „Heldenplatz“ vermeiden. H.C. Artmann ereilt in Schweden die Nachricht vom Selbstmord Konrad Bayers. Ingeborg Bachmann versucht sich erfolglos an einem Text für die Bundeshymne. Und die modebewussten „Elfrieden“ (Elfriede Gerstl und Elfriede Jelinek) übertreiben es beim Hut-Shopping mit dem Probieren.

In knapper, episodenhafter Form werden einige der porträtierten Autorinnen und Autoren erstaunlich lebendig. Sympathisch an diesem außeruniversitären Proseminar ist, dass sein Verfasser sich nicht groß macht oder gar selbst ins Buch eingeschrieben hat. Andere hätten einen derartigen Roman wohl zu einem experimentellen Werk hochgejazzt. Henisch hält den Ball bei aller Formbewusstheit flach und lässt die Worte fließen. Ein Genuss.

Sebastian Fasthuber in Falter 50/2021 vom 17.12.2021 (S. 31)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783701717316
Erscheinungsdatum 24.08.2021
Umfang 320 Seiten
Genre Belletristik/Erzählende Literatur
Format Hardcover
Verlag Residenz
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