Die Gegenstimme

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Kurzbeschreibung des Verlags:

April 1938: Der Student Karl Bleimfeldner kehrt in seinen Heimatort zurück, um gegen den „Anschluss“ an Hitlerdeutschland zu stimmen – als einziger im Dorf. Die riskante Tat bleibt nicht ohne Folgen im politisch aufgehetzten Landstrich. Gerüchte werden laut. Die Familie verstummt. Und eine Handvoll Übermütiger bricht auf, um den Verräter im Wald zu stellen. Wie durch ein Brennglas nimmt Thomas Arzt in „Die Gegenstimme“ die 24 Stunden des 10. April in den Blick, an dem sich die nationalsozialistische Machtübernahme in Österreich vollzog, und schildert vielstimmig und eindringlich die Geschichte seines eigenen Großonkels – als fieberhaft rastlose Erzählung über Mitläufertum, Feigheit, Ausweglosigkeit, Fanatismus und Widerstand.

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FALTER-Rezension

Ein Sonntag auf dem Lande

Zuerst einmarschieren und dann abstimmen lassen, ob’s eh recht war: Die Volksabstimmung, mit der sich die Nationalsozialisten am 10. April 1938 den vier Wochen davor erfolgten „Anschluss“ Österreichs bestätigen ließen, war ein Musterbeispiel für politischen Zynismus. 99,73 Prozent der Wahlberechtigten haben mit „ja“ gestimmt, und wahrscheinlich mussten für dieses fast schon peinlich eindeutige Ergebnis nicht einmal die Zahlen manipuliert werden. Das Wahlgeheimnis war praktisch aufgehoben; schon wer sein Kreuz diskret in der Wahlkabine machen wollte, galt als verdächtig. Nur sehr wenige hatten unter diesen Umständen den Mut, „nein“ zu sagen.

Einer davon ist der Bleimfeldner Karl, Held des Romans „Die Gegenstimme“ von Thomas Arzt. Der junge Mann, der in Innsbruck Geschichte studiert, ist für die Volksabstimmung zurück in seine oberösterreichische Heimat gekommen. Der Ort der Handlung bleibt ungenannt, ist aber unschwer als Schlierbach zu identifizieren, jene Gemeinde im Traunviertel, aus der der Autor stammt; wie sein Romanheld hat auch er das dortige Stiftsgymnasium besucht.

Der 38-jährige Thomas Arzt ist bisher fast ausschließlich als Dramatiker in Erscheinung getreten. Entdeckt wurde er bei einer Schreibwerkstatt im Wiener Schauspielhaus, wo vor zehn Jahren auch sein erstes Drama „Grillenparz“ erfolgreich uraufgeführt wurde. Inzwischen ist seine Werkliste auf 14 Stücke angewachsen, mit „Die Gegenstimme“ legt Arzt nun seinen ersten Roman vor. Und obwohl sich darin kaum Dialoge finden, merkt man dem Buch an, dass sein Autor gelernter Dramatiker ist. Die Struktur erinnert allerdings mehr an einen Film als an ein Stück; der Roman ist aus kurzen, oft sehr bildstarken Szenen montiert, auch Rückblenden und Kamerafahrten hat der Leser vor Augen.

Am Ende bedankt sich Arzt bei verschiedenen Personen für die „Mitarbeit an der Recherche“ – der einzige Hinweis im Buch darauf, dass dieses auf wahren Begebenheiten basiert. In Interviews hat der Autor bestätigt, dass das Vorbild für die Hauptfigur sein Großonkel war, der tatsächlich Karl Bleimfeldner hieß. Über dessen Motive habe man in der Familie aber wenig gewusst. Im Roman stellt Arzt die Gegenstimme weniger als politischen denn als persönlichen Akt des Widerstands gegen dar: „Du stimmst nicht gegen irgendeine Politik da draußen oder da oben. Du stimmst einzig und allein gegen dein Daheim.“

Geschrieben ist das Buch in einer syntaktisch an den lokalen Dialekt angelehnten Kunstsprache. Nachnamen werden prinzipiell vor die Vornamen gestellt, in den ohnedies meist knappen Sätzen fehlen schon mal Verben oder ganze Satzteile: „Geht der Bleimfeldner Karl, es ist nach zwei am Nachmittag, und er geht jetzt den Waldweg hinauf, Richtung Bauern, wo er früher immer seinen Most. Der Karl, der schon lang nicht mehr beim Bauern und auch keinen Most, in der Stadt schmeckt einem der Most nur halb so gut, er hat einen gewaltigen Durst.“ Der Stil verleiht dem Roman einen archaischen, aus der Zeit gefallenen Charakter; etwas gekünstelt wirkt er aber schon auch.

Die Handlung läuft innerhalb von 24 Stunden und auf nur 190 Seiten ab. Auf derartig engem Raum tritt eine ganze Menge an Figuren auf, die dann meist auch nur eine oder zwei Szenen haben. Die Tochter des Bürgermeisters ist eine schneidige Nazisse, die ein Hitler-Bild am Busen trägt und die jungen Naziburschen sexy findet, die Hakenkreuze auf Wände schmieren und in die Felder brennen. Der bei der Gemeinde beschäftigte Dorftrottel sagt immer noch „Grüß Gott“ statt „Heil Hitler“, was ihm aber nachgesehen wird, weil er halt „anders“ ist. Der Förster geht in den Wald, um zur Feier des Tages die „Führer­eiche“ zu schlägern. Der Gendarm gilt bei der Behörde schon als „indifferenter Beamter“, weil er noch immer nicht bei der Partei ist. Der polternde „Preuß“ führt beim Dorfwirten das große Wort. Karls tiefkatholischer Schwester gefällt es insgeheim schon auch, wenn ihr beim Kellnerieren die Männer nachschauen. Karls jüngerer Bruder stiehlt aus der Geheimlade der elterlichen Trafik pornografische Hefte und verhökert sie an honorige Kunden. Der Herr Abt wollte eigentlich die Abstimmung schwänzen, hat sich dann aber doch nicht getraut.

Das Spannungsmoment bildet eine Verfolgungsjagd, die sich durch den Roman zieht. Nachdem er mit „nein“ gestimmt hat und bei einer Mostjause einen Familienstreit angezettelt hat, ist Karl in den Wald gelaufen und hat sich dort versteckt; bald ist ihm ein von der Bürgermeistertochter angeführter, bewaffneter Suchtrupp auf der Spur. Karls Vater will diesem zuvorkommen und bittet die Frau des Gemeindearztes, ihn mit dem Auto in den Wald zu chauffieren.

Die Szenen mit dem ungleichen Paar gehören zu den schönsten des Buchs: auf dem Beifahrersitz der etwas derangierte Vater, der auch heute wieder zu viel getrunken, am Steuer die Frau Doktor, die sich schon für das Abendessen hübsch gemacht hat. Die Stöckelschuhe hat sie ausgezogen, um auf den Pedalen nicht auszurutschen, sie fährt gut und schnell. Und obwohl der Vater aus panischer Angst um seinen Sohn für so etwas eigentlich keinen Kopf haben sollte, fällt ihm jetzt auf, was für eine schöne Frau da neben ihm sitzt.

In solchen Momenten gelingt es Arzt, in seinen typenhaft gezeichneten Figuren schlagartig überraschende Facetten aufblitzen zu lassen. Das gilt auch für den entscheidenden Moment, in dem Karl in der Wahlkabine seine Gegenstimme abgibt. Da bemerkt er auf einmal, dass er sich vor lauter Aufregung in die Hose gemacht hat.

Wolfgang Kralicek in Falter 11/2021 vom 19.03.2021 (S. 11)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783701717361
Erscheinungsdatum 23.02.2021
Umfang 192 Seiten
Genre Belletristik/Erzählende Literatur
Format Hardcover
Verlag Residenz
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