Mamas Wundertasche

von Christine Rettl, Selda M Soganci

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Verlag: Residenz
Genre: Kinder
Umfang: 32 Seiten


Rezension aus FALTER 50/2014

Conni ist doof!

Erwachsenen kaufen die Bücher der Kinder. Nur: Was gefällt denen wirklich?

Was wollt ihr heute Abend vorgelesen bekommen?" "Conni!", rufen die Kinder wie aus einem Munde. "Nein, bitte nicht Conni, das ist schlecht geschrieben und langweilig gezeichnet!" "Conni, Conni, Conni ..." Irgendwann gibt der entnervte Erziehungsberechtigte auf und zieht eins der Dutzenden Büchlein heraus, in denen Conni Pizza bäckt, zum Fußballkurs geht oder mit dem Flugzeug fliegt.
Der Büchergeschmack von Kindern und Eltern stimmt nicht immer überein. Zwar setzen Kinder heutzutage ihren Willen besser durch als früher, aber trotzdem sind die Käufer und Autoren von Kinderbüchern in der Regel Erwachsene. Und manchmal beschleicht einen das Gefühl, auch das Zielpublikum. So manch ausgezeichnetes Bilderbuch mit nicht vorhandenem Plot und unverständlichen Illustrationen scheint eher für die "pädagogisch wertvolle" Geschenke suchenden Eltern, Verwandten, für Lektoren oder gar Jurys produziert worden zu sein. Kann man Kleinkinder mit avancierter Ästhetik zu gutem Geschmack erziehen? Wohl kaum. Kinder lieben, was glitzert und kracht. Und sind deswegen noch lange nicht für die Kultur verloren.

Welche Bücher gefallen denen, um die es geht, den Kindern? Um das herauszufinden, machen wir ein Experiment und berufen eine kleine Falter-Kinderbuchjury ein. Die Buben und Mädchen sind zwischen zwei und acht Jahre alt. Und wie es sich für zeitgenössische Kids gehört, sind sie nicht unbedingt bereit, unwidersprochen zu kooperieren. Über das Buch, das ihn zu Hause nicht hinter dem Ofen hervorgelockt hat, meint der Achtjährige nun, das sei doch super. Und der Fünfjährige, der Conni noch vor kurzem geliebt hat, ruft: "Nein, Conni ist doof!"
Es herrscht Chaos und Neugier, die Kleinen blättern und deuten. Nur auf die Elternfragen, welche Bücher sie besonders mögen, sind ihnen nur schwer Antworten zu entlocken. Vielleicht liegt es auch daran, dass den Kleinen oft noch die Worte fehlen "Wie findest du dieses Buch?" "Schön!" "Und warum gefällt es dir?" "Weil es schön ist!"
Schon näher ans Ziel führt die Frage nach dem Was. "Da war ein Roboter mit Magnetaugen, die blinken", sagt der Fünfjährige. Seine Mutter verzieht den Mund. "Das schiache Buch von der Bibliothek?" "Die Feen", flüstert die Fünfjährige, die dem Vernehmen nach ansonsten gerne ihre Klappe aufreißt.
Und warum? "Weil ich die gern mag!" Und die Siebenjährige erzählt die gesamte Geschichte ihres Lieblingsbuchs über Garman und die frechen Zwillinge Hanne und Johanne nach. Gibt es Bücher, die Kinder und Eltern beglücken? Das sind oft jene, die die Eltern als Kinder selbst geliebt haben und ihren Kindern ergo mit Begeisterung vermitteln können. Kinderbuchklassiker boomen. Von Unverwüstlichen wie Astrid Lindgren bis zu Unbekannteren wie "Der blaue Autobus" von James Krüss.
Wolf Erbruch hat als einer der Ersten bewiesen, dass auch heute Klassiker möglich sind, mit nicht anbiedernder Ästhetik und subtilem Sprachwitz. Den derzeit vielleicht besten lebenden Bilderbuchkünstlern Julia Donaldson und Axel Scheffler, Schöpfer des "Grüffelo", gelingt ein zeitgenössischer Klassiker nach dem anderen mit dem uralten Märchenrezept von elementaren Geschichten mit "Moral", an die Jetztzeit angepassten Rollenbildern und zwischenzeitlich als altmodisch verschrieener Reimkunst.
Auch wenn die Übersetzungen aus dem Englischen holpern und poltern: Kinder lieben die simplen Reime von Donaldson genauso wie die unverwechselbaren Glubschaugen des Zeichners Scheffler.

Der Mensch ist ein neugieriges Wesen. Die Kinder sitzen bald nicht mehr über den Büchern, sondern springen herum. Reden wir mit den Eltern. "Wir haben dieses hässliche Körper-Sachbuch geschenkt bekommen", erzählt eine Mutter. "Ich war ganz verwundert, dass die Kinder das so interessiert hat!" Tatsächlich stellen Kindersachbücher nicht bloß ein pädagogisches Konzept dar, sondern werden von Kindern in aller Regel wirklich geliebt.
Eine Erklärung auch für das "Geheimnis" der geheimnislosen Conni-Bestsellerserie von Liane Schneider, in der jeweils eine stinknormale Alltagssituation beschrieben wird – also Dinge, die Eltern langweilen, die Kinder aber ganz genau wissen wollen.
"Meine Kinder sind zwei Jahre auseinander, und die Jüngere muss sich immer eigentlich zu schwierige Bücher anhören. Da bin ich oft erstaunt, was sie schon alles versteht!" Nicken in der Elternrunde. "Wenn ich meinen Kindern vorlese", erzählt eine andere Mutter, "frage ich sie oft, ob sie ein Wort kennen. Sehr viele kennen nicht, aber das macht ihnen offenbar nichts aus." Naturgemäß, möchte man hinzufügen, macht das Neue und Unbekannte doch ohnehin einen Großteil der Welt eines Kindes und der ihr eigenen Magie aus.
Kinderbücher müssen nicht immer ästhetisch gelungen sein, nur eines dürfen sie nicht: langweilen. Wobei bei manchen Kindern die Bilder, bei manchen die Geschichte schneller zu Abwehrreaktionen führen.
Allen Unkenrufen zum Trotz bleibt das Kinderbuch unverwüstlich. Auch und gerade im Zeitalter von Filmen und elektronischen Spielen hat es einen unschätzbaren Vorteil: Es zwingt die Eltern, sich mit dem Nachwuchs auseinanderzusetzen, zumindest solange dieser des Lesens noch nicht mächtig ist. "Früher wusste ich gar nicht, wie toll Kinderbücher sein können", begeistert sich ein Vater. "Da eröffnet sich eine ganz neue Welt!" Die beste Kinderliteratur bleibt immer noch die, bei der Kinder und Eltern auf ihre Kosten kommen.

Kirstin Breitenfellner in FALTER 50/2014 vom 12.12.2014 (S. 30)



Rezension aus FALTER 44/2010

Erlesen!

Zum bookolino-Festival in Graz: die zwanzig besten österreichischen Kinderbücher des Jahrgangs 2010

Beim dritten Mal kann man wohl schon von einer kleinen Tradition sprechen. Im Vorfeld des Grazer Kinder- und Jugendbuch-Festivals bookolino haben Tochter (*1998) und Vater (*1968) also auch heuer wieder versucht, die komplette Jahresproduktion von Kinderbüchern österreichischer Autorinnen und Illustratoren zu sichten und nach eingehender Diskussion kritisch zu bewerten. Keine einfache Aufgabe! Bilanz der jungen Kritikerin: "So stressig wie heuer war's noch nie!" Anders als letztes Jahr ist's am Ende dann kein "Countdown", schon gar kein "Ranking" geworden, vielmehr eine nach empfohlenem Alter (in manchen Fällen abweichend von den Verlagsempfehlungen) aufsteigend geordnete Liste von zwanzig besonders geglückten Büchern. Viele der vorgestellten Autorinnen und Autoren – Heinz Janisch, László Varvasovszky
(S. 43) oder Monika Helfer – sind in den nächsten Tagen übrigens auch mit Lesungen und Workshops im Grazer Literaturhaus zu Gast (S. 43).

Keine Bestenliste ohne Bücher von Heinz Janisch oder Helga Bansch. Und seit Janisch vor zehn Jahren den Text zu "Zack bumm!", dem Bilderbucherstling der in Leoben geborenen und in der Südsteiermark wohnenden Illustratorin, beigesteuert hat, haben die beiden auch wiederholt gemeinsame Sachen gemacht. Heuer gleich doppelt: Bansch hat sowohl Janischs durchaus politisch gemeinten Einzählreim "Und du darfst rein" (Jungbrunnen) gestaltet als auch "Die Brücke", eine fernöstlich anmutende Erzählung von fabelhafter Anmut, in der ein Bär und ein Riese zum gleichen Zeitpunkt eine schmale, schwankende Brücke über einen Fluss queren wollen. Bansch wechselt dabei geschickt die Perspektiven, zoomt in die Szene aus der Totalen bis in kleinste Details und verleiht dem zeitlosen Lehrstück dadurch eine spannende filmische Dynamik. "Vielleicht ein Kinderbuch für Erwachsene?", fragt die nicht restlos überzeugte Jungkritikerin.

Heinz Janisch/Helga Bansch: Die Brücke. Jungbrunnen, 32 S., € 13,90 (ab 3)
@ bookolino: Workshop "Auf der Brücke" (8.11.)

"Frau Wort" und "Herr Bild" haben es schon wieder getan. Nach ihrem famosen Krähenbuch, das es im Vorjahr auf Platz 5 der locker gereihten Falter-Wertung geschafft hatte, haben Melanie Laibl und Alexander Strohmaier nun bei Luftschacht ein Bilderbuch veröffentlicht, das, wie man es auch dreht und wendet, erneut von großer Meisterschaft zeugt. "Frau Groll und Herr Grimm zerkugeln sich" lässt sich "von hinten" wie "von vorne" lesen und erzählt von zwei unverbesserlichen Grantlern, die griesgrämiger, bärbeißiger, mürrischer, misanthropischer und zornbinkeliger nicht sein könnten und die eines Tages auf der Straße zufällig aufeinanderprallen. Mit explosiven Folgen! In Laibls Text sitzt jede Silbe, Strohmaiers abstrakt-expressive Bilder sind ein Fest für die Augen. Macht echt gute Laune.
Melanie Laibl/Alexander Strohmaier: Frau Groll und Herr Grimm zerkugeln sich. Luftschacht, 48 S., € 19,90 (ab 3)

Eine "Fantasiefrisur" wünscht sich eine Dame zu Beginn von Michael Rohers Bilderbuch-Erstling "Fridolin Franse frisiert". Und in jeder Hinsicht fantastisch ist Roher, im Brotberuf Zirkuspädagoge, auch das Weltenpanorama geglückt, das er auf elf Doppelseiten in unendlich detailreichen, um frohe Collagen ergänzten Tusch-Zeichnungen zu den Arbeitsschritten eines Frisörs entfaltet. Um Kämmen und Spülen, um Färben und Föhnen geht es da in allerfreiesten Assoziationen. Zum Stichwort "schneiden" zeigt Roher, der gerade auch Elisabeth Steinkellners etwas um die Ecke erzähltes Buch "An Herrn Günther mit bestem Gruß!" (Jungbrunnen) illustriert hat, eine Näherin, einen Koch beim Karottenschneiden, aber auch eine Chaplin-Filmprojektion oder einen Batman-Comic. Haarsträubend! "Bilder zum Träumen", schwärmt die Jungkritikerin.
Michael Roher: Fridolin Franse frisiert.
Picus, 32 S., € 16,90 (ab 3)

Er ist nicht nur einer der besten, er ist auch einer der produktivsten Autoren. Ein gefühltes Halbdutzend Bilderbücher bringt Heinz Janisch jedes Jahr auf den Markt. Und gewinnt damit auch alle relevanten Preise. "Wenn ich groß bin" schließt an die wunderbare erste Kooperation Janischs mit dem Berliner Illustrator Karsten Teich an ("Der große Gustav und die kleinste Frau der Welt", Terzio, 2007), kommt mit weniger Worten aus und lässt viel Raum für Teichs mit Mut zur Reduktion entworfene Traumwelten eines Buben, der sich ausmalt, wie sich das Größer- und Älterwerden wohl so anfühlen könnte. Zu viel Leerraum, findet die junge Kritikerin.
Heinz Janisch/Karsten Teich: Wenn ich groß bin. Tulipan, 36 S., € 15,40 (ab 3)
@ bookolino: Workshop "Wenn ich groß bin" (9.11.)

Eine coole Fee in Rot und Not, ein fröhlich gereimtes Stille-Post-Spiel und ein Bär mit viel Hunger sind die Zutaten von Saskia Hulas flotter Geschichte "Oje, sagt die Fee". Für die Gestaltung zeichnet Verena Hochleitner verantwortlich, die 2009 den Falter-Jahrgangsbesten (Nikolaus Glattauers "Schlaf gut, Susi!"), heuer auch schon Marjaleena Lembckes wunderbares "Hasenlenz" bebildert hat (s. Falter 17/10). Nur wenigen Illustratorinnen gelingt es wie ihr, Fantastisches so unverkrampft mit Heutigem kurzzuschließen, dass Kraftwerksmeiler im Erdbeerland und Brummbären im Adidas-Anzug als sinnige Bereicherung empfunden werden. Die Wahrheit ist Kindern zumutbar.
Saskia Hula/Verena Hochleitner: Oje, sagt die Fee. Nilpferd in Residenz, 32 S., € 14,90 (ab 4)

Genau so wie in Christine Rettls Buch muss es wohl hergehen, wenn sich ein Mädchen vorzustellen versucht, was denn so alles in Mamas Handtasche versteckt sein könnte. Die junge Kritikerin findet selbst die Vorstellung plausibel, darin könne "ein ganzer Parfümerieladen" untergebracht sein. Selda Marlin Soganci, wohlbekannt für ihre Gestaltung von Heinz Janischs "Schenk mir Flügel", hat für ihre kindlich-prächtigen Bilder interessanterweise einen Hintergrund aus hellem Fichtenholz gewählt.
Christine Rettl/Selda Marlin Soganci: Mamas Wundertasche. Nilpferd in Residenz, 32 S., € 14,90 (ab 4)

Dafür dass Erwin Moser seit 35 Jahren Kinderbücher von hoher Qualität schreibt und zeichnet, ist über ihn erstaunlich wenig bekannt. Wikipedia vermerkt bloß, dass der gebürtige Wiener aus Unzufriedenheit über die verfügbaren eigene Bücher zu schreiben begonnen habe. 110 Titel stehen in seiner Werkliste! Kein Wunder, dass zwecks Übersicht immer wieder einmal Sammelbände hermüssen. Die vier Abenteuer von "Koko und Kiri", die Moser wie Koalabären aussehen lässt, erschienen zwischen 1992 und 1994, "Das große Buch" macht nun diese Geschichten vom Reisen und vom Geborgensein, von zauberhaften Begegnungen und echten Freundschaften wieder zugänglich. Heinz Janisch gesteht im Nachwort: "Mein Glück ist Erwin Moser." Unterschreiben wir gerne.
Erwin Moser: Das große Buch von Koko und Kiri. Nilpferd in Residenz, 36 S., € 19,90 (ab 5)

Ideal zum Immerwiederlesen, findet die Jungkritikerin, die den neu erzählten und bebilderten Klassiker von Recheis und Bydlinski, der erstmals 1981 erschien, überhaupt zu ihrem Bilderbuchfavoriten 2010 erkor. Wegen der überraschenden Wendungen der rhythmisch und teils in Reimen erzählten Geschichte einer Ente, die vom großen Gungatz aus ihrem Teich vertrieben wird, wegen der vielschichtigen Illustrationen von Alicia Sancha, die ornamentale Flächen, Stofftexturen und Fotografien mit feinem Tuschstrich verbindet. Noch ein Plus: Das Ganze geht gut aus. Was bei Kinderbüchern aber die Regel ist.
Käthe Recheis, Georg Bydlinski/Alicia Sancha: Das Entchen und der große Gungatz. Wiener Dom Verlag, 48 S., € 14,90 (ab 5)

Auf Klassiker hat sich Lisbeth Zwerger spezialisiert, die "Nobelpreisträgerin" unter Österreichs Illustratorinnen, die 1990 den Hans Christian Andersen Award für ihr Lebenswerk erhielt. Damals war sie erst 36 und hatte ihre Kunst schon an einer ganzen Reihe von Autoren – von E.T.A. Hoffmann über Andersen bis Dickens – erprobt, die längst selbst Klassikerstatus genießen. Nun hat Zwerger zarte Vignetten zu den "Träumereien an französischen Kaminen" beigesteuert, die der dichtende Chirurg Leander im Deutsch-Französischen Krieg verfasst hatte. Märchen zwischen Traum und Wirklichkeit, wie geschaffen für Zwergers schwebend-poetische Bilder. Diese sind gerade auch in einer Neuauflage von Oscar Wildes "Der selbstsüchtige Riese" (minedition) zu bewundern.
Richard "Leander" von Volkmann/Lisbeth Zwerger: Die Traumbuche. Fischer, 176 S., € 20,60 (ab 5)

Zwei Jahre ist es her, dass der Schriftsteller Michael StavaricŽ im Falter erzählte, er trüge sich mit der Idee zu einem Kinderbuch, das "das Thema Tod für Kinder in einer berührenden, aber auch spannenden Art wiedergibt. Aber es ist noch ein langer Weg." Das Buch ist da, der Weg hat sich gelohnt. Die Illustrationen, die Fotografiertes und Gezeichnetes auf durchaus gewagte Weise kombinieren, stammen von Dorothee Schwab. Und die Geschichte, die StavaricŽ rund um seine Heldin erzählt, die vom Vater, dem Tod, in die Welt geschickt wird, um mehr über Leben und Sterben zu erfahren, plätschert so luftig-leicht dahin, dass die am Ende doch unerträgliche Schwere des Seins darin im schlimmsten Fall als Melancholie erfahrbar wird. Ein Buch von dunkler Schönheit, das geglückteste Bilderbuch für den älteren Kritiker.
Michael Stavarić/Dorothee Schwab: Die kleine Sensenfrau. Luftschacht, 32 S., € 19.00 (ab 6)

Ohne ahnen zu können, dass der gute alte Vampirmythos mit "Twilight" oder "True Blood" einmal eine derartige Renaissance erfahren würde, hat Renate Welsh schon vor 29 Jahren mit dem "Vamperl" eine kindertaugliche Version davon erdacht, über die Jahre zwei Fortsetzungen der Geschichte von der rüstigen Pensionistin Lizzi, ihrem kleinen Vampir und dessen Nachkommen geschrieben, die über die Fähigkeit verfügen, Großstadtgrantler durch Giftabsaugung aus der Galle vorübergehend etwas versöhnlicher zu stimmen. Im "Großen Buch vom Vamperl" sind die frühen Bände nun erstmals gemeinsam gefasst, im Dezember kommt ein vierter heraus, der von Vamperls eigenwilligem Sohn Purzel erzählt, der seine Ersatzmutter Lizzi lehrt, dass eben nicht alle gleich sein können. Nicht einmal alle Vampire. Ein Vergnügen der alten Schule.
Renate Welsh/Heribert Schulmeyer: Ohne Vamperl geht es nicht. dtv, 144 S., € 10,30
(ab 7), VÖ: Dezember

Der Innsbrucker Obelisk-Verlag steht für solide Bücher zum Selberlesen für Kinder ab 8. Viele der engagierten Bücher von Renate Welsh sind da erschienen, meist gibt's leichtere Kost. Heuer etwa "Ein Fall für die Katzenbande" von Käthe Reicheis, "Edi Dickstur und der Norz" von Jutta Treiber oder eben Saskia Hulas kurzweiliges Monsterbuch, in dem sich Hurgall, Hobroff und Hilmerald, drei dumme Monster aus dem dunklen Wald, die das ewige Regenwurmfressen satthaben, auf die Suche nach knusprigen Kindern machen. Und dabei auf Erik und Max treffen könnten, denen bei Tante Gerda todfad geworden ist. Super Monster-Bilder von Tizia Hula.
Saskia Hula/Tizia Hula: Mahlzeit, Monster! Obelisk, 79 S., € 11,95 (ab 7)

Als eines Tages ein "uralter schlammgrau-senfgelb-kackebraun gefleckter Autobus" mit der ziemlich freigeistig erzogenen Loretta und ihren Hippieeltern in der spießigen Vorstadtsiedlung vorfährt, kommt Bewegung ins Leben von Glatze, Locke, Zecke und Zahn, die da gerade ihre letzten Ferientage beim Fernsehen im "Kellerstüberl" und am Badeteich runterbiegen. Von erstem pubertären Aufbegehren, von aufkeimender Liebe und Sexualität erzählt Christine Nöstlinger in ihrem neuen Buch, mit dem sie an frühere, dezidierter gesellschaftspolitische Bücher als ihre zuletzt veröffentlichten anknüpft. Und Nöstliner tut das so souverän und schwungvoll, wie man das von ihr gewohnt ist, trifft präzise Sprache und Lebensgefühl des Soziotops, das sie beschreibt. Nur das Jugendamt, das findet auch die junge Leserin, taucht dann etwas gar abrupt in der Geschichte auf. Trotzdem: Große Klasse.
Christine Nöstlinger: Lumpenloretta. Nilpferd in Residenz, 128 S., € 13,90 (ab 10)

Das Lieblingslesebuch beider Kritiker: Jeden Mittwoch fährt Rosie, die mit Mutter und Großmutter aufwächst, über die Williamsburg Bridge nach Brooklyn, um ihren Urgroßvater zu besuchen, der einst aus der "kleinen Stadt Hohenems in Austria Europe" gerade noch rechtzeitig – und anders als Mutter und Bruder – vor den Nazis flüchten konnte. In den zehn Geschichten, die der gewitzte Alte seiner Urenkelin erzählt, geht es nun weniger um die Schoah als vielmehr um 400 Jahre jüdischer Alltagsgeschichte, um Leben, Lieben und Leiden in Hohenems. Um die kleine Reikle etwa, die in einem besonders strengen Winter die Tiere vor der Kälte und dem Grafen rettete, oder um Samuel Menz, den ersten Bürgermeister der Hohen­emser Juden. Geschichte um Geschichte lassen Köhlmeier und Helfer den Alten ein Stück Vergangenheit zum Leben erwecken – bis er am Ende bei seiner eigenen Lebensgeschichte anlangt. Ein grandioses, mit großer Ruhe erzähltes, ein berührendes Buch, das wie nebenher sogar noch den hektischen Alltag einer Patchworkfamilie in New York erlebbar macht.
Michael Köhlmeier, Monika Helfer/Barbara Steinitz: Rosie und der Urgroßvater. Hanser, 144 S., € 15,40 (ab 10)

Kein Wunder, dass die zwischen entrückter Langeweile und fiebriger Spannung changierende Stimmung in Antonie Schneiders zauberhaftem Buch vom Glück an Thomas Mann erinnert, verortet die renommierte Schweizer Autorin ihre Geschichte um die junge Rosalina, die mit ihrer gestressten Mutter auf Kur in die Berge fährt, während der Vater als Fotograf durch die Krisenregionen der Welt geistert, doch klar auf der "Schatzalp" über Davos, die Mann einst im "Zauberberg" beschrieb. Auch das Personal des Buchs, der geheimnisvolle Zauberer Professor Malibu etwa, sowie das Ringen Rosalinas um eine Sprache für ihre Welt atmen diesen Geist, den die in Wien lebende Illustratorin Angelika Kaufmann in Zeichnungen von rätselhafter, flüchtiger Eleganz gefasst hat. Pure Poesie.
Antonie Schneider/Angelika Kaufmann: Rosalinas Buch vom Glück. Bibliothek der Provinz, 80 S., € 18.00 (ab 11)
@ bookolino: Workshop "Auf der Suche..." (16. u. 17.11.)

Kurz und gut, für jedes Alter: Gerda Anger-Schmidt/Renate Habinger: Das Buch, gegen das kein Kraut gewachsen ist (Nilpferd); Adelheid Dahimène/Heide Stöllinger: Ein bisschen mehr Jubel und Trubel bitte (Provinz); Christine Knödler (Hg.)/Linda Wolfsgruber: Sonnenschein und Sternenschimmer (Gerstenberg); Astrid Walenta/Maria Hubinger: Die Fische fliegen wieder (Provinz).

Thomas Wolkinger in FALTER 44/2010 vom 05.11.2010 (S. 41)


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