Die Tote im Fluss
Der ungeklärte Fall Denisa S.

von Martin Leidenfrost

€ 14,90
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Verlag: Residenz
Format: Taschenbuch
Genre: Belletristik/Spannung
Umfang: 144 Seiten
Erscheinungsdatum: 03.03.2009

Rezension aus FALTER 3/2019

Der queere Kreuzritter

Wie ein renommierter Reporter an die Front des Kulturkampfs geriet: Ein Lehrstück der neuen Medienwelt

Martin Leidenfrost hat heute schon das Frühstück für die Familie gerichtet. Ein paar Seiten gelesen. Das Badezimmer geputzt und seine einjährige Tochter eine Runde über die Weinberge getragen. Solche kleinen Fixpunkte sind wichtig für einen, dem der Boden unter den Füßen weggebrochen ist, samt allen Gewissheiten.

„Es war eine öffentliche Hinrichtung“, sagt der schmächtige Mann, wenn er erzählt, was ihm in den vergangenen Monaten widerfahren ist. Es fallen die Worte „Pranger“, „Abschussliste“, „Bannfluch“. „Mit Schrammen an allen Körperteilen“ sei er davongekommen, er liege auf den Trümmern seiner ökonomischen und sozialen Existenz. 18 Jahre lang hatte sich Leidenfrost Renommee und eine halbwegs solide Existenz als freiberuflicher Filmemacher, Schriftsteller und Journalist aufgebaut. Innerhalb weniger Wochen war fast alles kaputt. Er verlor wichtige Aufträge. Ein Verlag sagte ein bereits fix und fertig vereinbartes Buchprojekt ab, mit der Begründung, sein Name sei jetzt beschädigt.

Ob er diesen Monat wenigstens ein paar hundert Euro Einnahmen hereinbringen wird? Das Grundvertrauen ist weg. „Jeden Tag, wenn ich mein Mailkonto aufmache, hab ich Angst, dass mir wieder jemand die Freundschaft aufkündigt“, sagt Leidenfrost. Das Schlimmste sei „das Schweigen all der vielen Leute, die sich einfach nicht mehr melden. Hier im Dorf sagt zwar niemand etwas. Aber ich frag mich ständig: Was wissen die? Was denken die? Ich bin ja jetzt der Schwulenhasser. Es fühlt sich an, als hätte ich ein Brandmal mitten auf der Stirn.“

Was ist dem Mann passiert? Martin Leidenfrost, 47 Jahre alt, war immer ein vielseitiger, eigenbrötlerischer Kollege. Als Absolvent der Wiener Filmhochschule schrieb er Drehbücher – zuletzt zu dem Film „Life Guidance“ von Ruth Mader, eine Geschichte über den Ausbruch aus dem Überwachungsstaat, der letztes Jahr im Kino lief. Vor allem aber reiste er und schrieb darüber – kleinere Kolumnen, größere Essays. Für sein Buch „Die Welt hinter Wien“ erhielt er den internationalen Journalismuspreis „Writing for CEE“. Seine Reportagenserie „Expedition Europa“, die ihn in die entlegensten Winkel des Kontinents führt, erschien regelmäßig in mehreren deutschsprachigen Blättern und hat treue Fans.

Dann aber wollte Leidenfrost auch seine politische Meinung kundtun. Bot der Presse vor einem Jahr eine Kolumne mit dem Titel „Der letzte Kreuzritter“ an. Und das ging gründlich schief. Wer nämlich meinte, hinter dem Titel verberge sich leichtfüßige Selbstironie, der hatte sich geirrt.

„Wo Gläubige früher durch die Straßen zogen, um den Leib Christi zu verehren, beten sie jetzt in Latex gepresste Männerärsche an“, stand in der Kolumne, die am
7. September erschien. Die „Ehe für alle“ sei „eine lustige Travestie, die zu einer todernsten Staatsdoktrin geworden“ sei, und eine „Auflehnung des Menschen gegen die Natur“. Der Text verbreitete sich via Social Media, es folgte ein Shitstorm (siehe Marginalspalte). Dass sich der Kolumnist verteidigte, indem er Anekdoten von „meinen schwulen Freunden“ erzählte, und eine wehleidige Anklage gegen die Twitteria („eine „dauererschütterte Katakombe“ mit Armin Wolf als „Mufti der Unterwelt“) nachschob, machte alles noch schlimmer. Einige Wochen später nannte er dann das Recht auf Abtreibung den „finstersten Holzweg des Feminismus“ und kündigte an, am „Marsch fürs Leben“, einer Demonstration rabiater Abtreibungsgegner, teilzunehmen.

Warum schreibt man so etwas? „Weil ich es glaube!“, sagt der sanfte Mann im Schafwollpullover mit verzweifelter, beschwörender Ehrlichkeit. „Für mich ist die Ehe ein Sakrament, mit dem Ziel, Kinder zu zeugen, und das menschliche Leben beginnt mit der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle. Ich kann nicht anders, ich bin ein konservativer, gläubiger Katholik!“ Es war im chinesischen Macao, in einer blinkenden Hölle aus Shoppingcentern und Spielcasinos, als er einst in einer katholischen Kirche Zuflucht suchte – und inmitten philippinischer Hausmädchen, die „Großer Gott, wir loben Dich“ sangen, seinen Frieden fand.

Es wird aber noch ein bisschen komplizierter. Leidenfrost ist nämlich nicht nur katholisch, sondern auch grün: die Tochter trägt Stoffwindeln, gegessen wird strikt bio – logisch, denn „die Bewahrung der Natur ist ja ein urkonservatives Anliegen“. Ökonomisch begreift er sich als links – er ist ein Arbeiterkind aus Amstetten, Gewerkschaftsmitglied aus Überzeugung, „mir ist Klassenbewusstsein wichtig, und als Christ kämpft man ja immer auf der Seite der Armen und Entrechteten“. Aus denselben universalistischen Gründen lehnt er jeden Nationalismus ab. „Und Neoliberalismus ist für mich das Allerschlimmste überhaupt.“

Wo passt man hin, mit dieser komplizierten Kombi an tiefempfundenen Überzeugungen? An welcher Stelle reiht man sich ein in einer öffentlichen Debatte, in der es meistens nur ein „Für uns“ oder „Gegen uns“ gibt; und ein paar Worte reichen, um festzulegen, auf welche Seite man gehört? Ginge es um seine sexuelle Identität, Leidenfrost könnte sich „queer“ nennen und auf Akzeptanz hoffen. Doch politische Queerness gibt es nicht.

Das ist umso tragischer, als das Nichtdazugehören, das Fremdsein genau das ist, was Leidenfrosts Reportagen interessant macht. Intensiver als die allermeisten seiner schreibenden Kollegen setzt er sich Ländern und Situationen aus. Mal lebte er in Kiew, mal in der moldawischen Hauptstadt Chisinau, mal in Brüssel; zwölf Jahre verbrachte er in der Slowakei – allerdings nicht in einem schick renovierten Altbau im Zentrum von Bratislava, sondern in Devinska Nova Ves, einer Plattenbausiedlung am Stadtrand. Er tuckerte stundenlang mit öffentlichen Autobussen durch balkanische Täler, schloss in schummrigen Dorfkneipen bei Synthesizer-Musik Freundschaften für eine Nacht.

Während anderswo die Kunst der Reportage in immer glänzenderes, immer perfekteres Storytelling kippte, blieb Leidenfrost stets bei den kleinen, seltsamen, unspektakulären Geschichten von wirklichen Menschen. Neun Sprachen eignete er sich an, um mit ihnen plaudern zu können („nur an Ungarisch bin ich gescheitert“). Dem Roma-Chef in einem rumänischen Kuhdorf nähert er sich dabei mit derselben Neugier wie der Brüsseler Lobbyistin in Business-Pumps. Da flirrt vieles, da bleibt vieles zweideutig, unfertig, unentschieden. Die Selbstgespräche des Autors, in denen er sich selbst beim Beobachten zuschaut, sind wesentlicher Bestandteil dieser Texte. Wenn gar nichts passiert, erzählte er auch das. „Die Moskauer Peripherie ist eine Wüste. Ich erlebte nichts“, heißt es etwa in der aktuellen Folge von „Expedition Europa“.

Das Normale mit den Augen des Außenseiters anzuschauen – das gelang Leidenfrost sogar in unmittelbarer Nähe seines Heimatorts. Vor elf Jahren wurde in Vöcklabruck am Flussufer die Leiche der 29-jährigen Denisa Soltisova angeschwemmt, die einen angesehenen Primararzt als 24-Stunden-Betreuerin gepflegt hatte. Rasch wurde der Todesfall von den Behörden als „Selbstmord“ abgelegt, doch Leidenfrost ließ die Geschichte nicht los, sie wurde zur intensivsten Recherche seines Lebens. Er forschte der Frau nach. Spürte sich hinein in ihre Verlorenheit: Was könnte sie dazu gebracht haben, in einer kalten Jännernacht fast nackt durch Vöcklabruck zu irren? Er lernte ihre Familie im zentralslowakischen Hochland kennen, die vergeblich auf Aufklärung wartete – „sie war ja nur eine Pflegerin“. Ergebnis war das Buch „Die Tote im Fluss“, ein großartiges Stück Journalismus (siehe Falter 20/09). In störrischem Alleingang versuchte Leidenfrost damit, das Schweigen der Behörden – in Komplizenschaft mit der lokalen Kronen Zeitung – zu brechen. Stieß mit seinen Lesungen jedoch auf eine Wand aus Abwehr und fühlte sich plötzlich in seiner Heimat fremder, als er sich je irgendwo gefühlt hatte: „Ich war in meinem Land, in meinem Dialekt, und doch schlug man mir die Tür vor der Nase zu.“

Sind Geschichten wie diese weniger erzählenswert, weil ihr Autor gegen Schwulen-
ehe und Abtreibung ist? Machen die „falschen“ Überzeugungen eines Autors seine Reportagen unwahr? Die bürgerlich-liberale Presse meinte: Nein. Sie beendete zwar Leidenfrosts missglückte „Kreuzritter“-Kolumne; seine Reiseberichte jedoch erscheinen weiterhin in der Wochenendbeilage „Spectrum“. Anders sah es das sozialistische Blatt Neues Deutschland, das die „Expedition Europa“ jahrelang an prominenter Stelle druckte: „Martin Leidenfrost vertritt Positionen, die weit außerhalb des politischen Selbstverständnisses der nd-Redaktion liegen. So weit außerhalb, dass sie mit einer weiteren Autorenschaft nicht mehr vereinbar sind“, schrieb Chefredakteur Wolfgang Hübner und beendete abrupt die Zusammenarbeit. Der linke Freitag wiederum gab heftige redaktionsinterne Debatten zu. Er wolle Leidenfrost noch eine Chance geben, entschied Chefredakteur Michael Angele schließlich, machte allerdings ein bemerkenswertes öffentliches Geständnis: „Wir haben Angst vor Ihnen“ – Angst vor dem Leser, Angst vor dem Shitstorm, Angst davor, missverstanden zu werden, und vor unkontrollierbaren Dynamiken.

Martin Leidenfrost bekam von all diesen erregten Debatten nur die fernen Ausläufer mit. Er lebt heute in einem Winzerdorf am Neusiedlersee, besitzt kein Smartphone, hat keinen Twitter-Account, kein Facebook, kein Netflix-Abo, sondern schaut Filme mit mehrjähriger Verspätung irgendwann auf DVD. Das erklärt, warum ihn die entfesselte Social-Media-Gewalt so unvorbereitet traf. Es erklärt aber vielleicht auch seine Fehleinschätzung darüber, wo heute die Frontlinien im Kulturkampf verlaufen.

Bis heute ist Leidenfrost ja überzeugt, mit seinen Überzeugungen ein schrulliger Außenseiter zu sein, ein kleiner rechter Don Quichotte, der gegen den übermächtigen linken Mainstream auf verlorenem Posten steht. Es muss ihm entgangen sein, dass sich die globalen Kräfteverhältnisse in den letzten Jahren um 180 Grad gedreht haben. Die Hegemonie ist heute rechts, und sie benützt viele von Leidenfrosts Lieblingsbegriffen. „Gegen Abtreibung“, „gegen Feminismus“, „gegen Homo-Ehe“; „für traditionelle Werte“, „für die Familie“ und „für die Verteidigung des christlichen Abendlands“: Das sagen heute Trump, Putin und Bolsonaro; das sagen Salvini, Orbán und alle europäischen Rechtspopulisten, samt der FPÖ in der österreichischen Regierung. Mit diesen Codewörtern wird Territorium markiert. Wer sie verwendet, gehört dazu.

Selbstverständlich hat der letzte Kreuzritter deswegen auch Fans gewonnen. Fans, die ihn beklatschten, bestärkten, anfeuerten und nun als Märtyrer sehen. Sie glaubten, in Leidenfrost einen Verbündeten gefunden zu haben, in der großen nationalen Abwehrschlacht gegen Multikulti und gegen den Islam.

Noch so ein Missverständnis, seufzt Leidenfrost, „denn Nationalismus mag ich überhaupt nicht, mit dem Islam hingegen hab ich überhaupt kein Problem. Als gläubiger Mensch fühle ich mich unter gläubigen Muslimen wohl.“

Und dann kommt wieder eine seiner schönen Geschichten. Mitte Dezember war’s, am Höhepunkt des Shitstorms gegen ihn, er war gerade wieder auf Reisen, diesmal in der russischen Teilrepublik Baschkortostan. Er fuhr in den erstbesten Kreishauptort, vorbei an „gelben streichelweichen Grasrücken“ und freien Herden von Pferden. Er setzte sich in die öffentliche Kantine, und „wie es mir in säkularen Ländern zur Gewohnheit wurde, blickte ich in den Saal, um sicherzugehen, dass niemand mein stumm geflüstertes Tischgebet bemerken würde“. Da sah er neben sich die traditionell gekleidete alte Baschkirin, mit geschlossenen Augen, die Hand wie eine Schale vor dem Gesicht, tief in ihr Gebet versunken. „Sie betete viel schöner als ich. Sie hat mein verstohlenes Kreuzzeichen gar nicht bemerkt. Und plötzlich hab ich mich befreit gefühlt.“

Leidenfrost sagt dann noch: „Würde Österreich morgen vom neo-osmanischen Reich unterworfen, ich glaub, mir ginge es dort mindestens so gut wie in unserer liberal-säkularen Gesellschaft.“ Wenn das bloß keinen Shitstorm gibt, diesmal von der anderen Seite.

Sibylle Hamann in FALTER 3/2019 vom 18.01.2019 (S. 21)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Die Welt hinter Wien (Martin Leidenfrost)

Rezension aus FALTER 20/2009

Aktenzeichen D. S. ungelöst

Im richtigen Leben wären sie ei­nander wahrscheinlich nie begegnet. Martin L., 36 Jahre alt, Österreicher, Schriftsteller, ein schma­ler Intellektueller, der seinen Lebensunterhalt damit verdient, "kleine, harmlose Geschichten zu erzählen, die das Publikum erheitern", wie er selbst es beschreibt. Denisa S., 29 Jahre alt, Slowakin, eine von geschätzten 40.000 illegalen Rund-um-die-Uhr-Pflegerinnen, zuletzt im Dienst bei einer angesehenen Familie im oberösterreichischen Vöcklabruck, wo sie einen bettlägrigen ehemaligen Primararzt betreute.

Martin L. und Denisa S.: Die beiden werden einander auch niemals begegnen, denn Denisa S. wurde am 29. Januar 2008 am Flussufer der Ager angeschwemmt, etwa zehn Kilometer außerhalb von Vöcklabruck. Sie war nackt, sie war tot. Doch seit Martin L., Monate später, eine slowakische Boulevardzeitung durchblätterte und dort von ihrem Schicksal erfuhr, hat ihn Denisa S. nicht mehr losgelassen.
Er ist losgezogen, um der mysteriösen, geschundenen Toten nachzuforschen. Dabei stellte er Fragen, von denen er eigentlich meinte, dass sie auf der Hand liegen: Wer war diese Frau? Was hat zu ihrem Tod geführt? Wa­rum irrte sie im Jänner barfuß und fast nackt durch die Kleinstadt? Wo kommen die blauen Flecken auf der Leiche her? Warum hatte sie seltsame Medikamente im Blut? Und gibt es jemanden, der für all das zur Rechenschaft gezogen werden kann?
Dann hat Martin Leidenfrost ein Buch darüber geschrieben. Elfriede Jelinek, die zutiefst erschüttert war, als sie von dem Fall erfuhr, hat ihn dabei öffentlich unterstützt. "Die Tote im Fluss" ist das Protokoll einer Spurensuche geworden, das ziemlich schnell und ziemlich ehrlich in das Protokoll eines Scheiterns kippt. Mörder hat Leidenfrost nämlich keinen identifizieren können, bloß einen Haufen Widersprüche, und je länger er sich in die Recherche ­verstrickte, desto unübersichtlicher wurde die Sache (siehe Chronologie). "Ich bin ein lausiger Kriminalist", gibt der Schriftsteller zu.
Bloß auf eines hatte er fest, ganz fest gehofft: "Dass sich, wenn ich fertig bin, jemand findet, der die Staffel übernimmt und die Sache zu Ende führt." Ein professioneller Ermittler. Die lokalen Behörden. Wer eben für die Lösung von Kriminalfällen in diesem Land offiziell zuständig ist.
Aber es ist einfach niemand da, der ihm die Staffel aus der Hand nimmt. Seit Leidenfrost mit seinen Recherchen an die Öffentlichkeit ging, verweigern die Behörden jeden Kontakt, und je näher man an Vöcklabruck, das Epizentrum des Geschehens, heranrückt, desto dröhnender wird das Schweigen.
Ende April, zwei Monate nach Erscheinen seines Buches, ist der Autor nun persönlich da. Monatelang hat er sich um eine Lesung in Vöcklabruck bemüht. Ihm ist bewusst, dass man ihn hier als unwillkommenen Eindringling sieht, und er kann nicht leugnen, dass ihn eine gewisse Beklemmung umfängt.

40 Zuhörer sind in die Buchhandlung gekommen, im Publikum sitzen wichtige Zeugen im Kriminalfall: die ehemalige Fußpflegerin im Haus des Primararztes, die bei den Ermittlungen eine große Rolle spielte, sowie jener Bauleiter, der die Wasserleiche damals fand. Beide fühlen sich von der Polizei nicht richtig verstanden. Beide äußern Zweifel. Beide finden es seltsam und empörend, wie wenig über den Fall geredet wird. Sie wollen reden.
Das hätte, den normalen Regeln des Mediengeschäfts entsprechend, eine aufregende Geschichte sein können. Doch wieder einmal ist kein Behördenvertreter da, kein Landesstudio-Reporter, keine regionale Zeitung. Nicht einmal das Bezirksblatt, das sonst über jeden Traktorunfall berichtet.
Denisa S., ihr Leben und ihr Sterben sind in Vöcklabruck offenbar kein Thema, dürfen keines werden. Ganze 90 Sekunden war sie dem ORF-Landesstudio bisher wert, im ersten und bisher einzigen Fernsehbeitrag, 15 Monate nach ihrem Tod. "Das Schweigen in den oberösterreichischen Medien ist beinahe 100-prozentig, ganz glauben kann ich's immer noch nicht", staunt Leidenfrost. "Ich bin da offenbar in ein regionales Machtkartell hineingeraten, das ich nicht ganz verstehe."
Besser versteht das die Kronen Zeitung, die in ihrer oberösterreichischen Ausgabe seit Monaten eine scharfe Kampagne gegen den Autor und gegen die Tote fährt, um "unsere angepatzte Polizei" zu verteidigen: "Die postmortalen Treibverletzungen der im Ufergestrüpp verfangenen Wasserleiche wurden zum Fressen für die Gerüchteküche, in der Leidenfrost und Jelinek ihr Süppchen brauten", stand da zu lesen.
Wer den Autor dieser Zeilen, den Lokalreporter Richard Schmitt, auf den Fall anspricht, bekommt eine eher unwirsche Antwort: "Es war Selbstmord und Schluss, das ist von vornherein klar. Die Eltern der Toten haben halt eine Versicherung, die bei Selbstmord nicht zahlt. Das ist alles." Woher er das wisse? "Von der Polizei. Ich weiß alles von der Polizei."

Denisa S., das studierte Mädchen aus bürgerlichem Haus, bezeichnet die Oberösterreich-Krone seit Monaten konsequent als "Roma-Slowakin" und "Roma-Magistra". Das ergibt nur Sinn, wenn man auf Ressentiments einer rassistischen Leserschaft spekuliert, denn dass Denisa S. keine Roma war, erfährt jeder, der auch nur drei Seiten aus Leidenfrosts Buch überfliegt, sofort. "Ich hab das Buch vor mir liegen", sagt Schmitt, "aber ich hab wirklich überhaupt keine Zeit, so was zu lesen." Dann legt er auf.
Umso konkreter sind die Warnungen, die das Blatt formuliert. Angesichts einer Schlagzeile im Vorfeld seiner Lesung blieb dem Autor beinahe das Herz stehen: "Autor soll Mörder sein", las er da in fetten Lettern. Erst auf der zweiten Seite ging die Titelzeile weiter: "Autor soll Mörder seiner ,Toten im Fluss' nennen", lautete sie. Die immanente Drohung jedoch geht in eine ähnliche Richtung – nämlich in Richtung Gefängnis: "Wer einen Mörder decke, sei als Zeuge vorzuladen, wenn schon nicht gleich wegen Begünstigung anzuklagen", zitiert die Krone den Welser Staatsanwalt. Man prüfe, ob die "Verdächtigungen bei der Buchpräsentation strafbar sind"; "es drohen bis zu zwei Jahre Haft".

Nein, Leidenfrost kennt den Mörder nicht – leider. Er ist auch keiner, der sich schnell schrecken lässt. Aber er stammt aus dem westlichen Niederösterreich, aus jener Gegend, die nur von den Oberösterreich-Ausgaben der großen Tageszeitungen bedient wird. Und seit solche Dinge in der Krone stehen, wird seine Mutter, die selbst Pflegerin in einem Altersheim ist, sorgenvoll gefragt, ob denn der Bub jetzt wirklich eingesperrt werde.
Was ist da bloß los? Was ist am ungeklärten Fall Denisa S. so unerträglich, dass derart schwere Geschütze aufgefahren werden?
Vielleicht hat es mit der speziellen Rolle zu tun, die die slowakischen Rund-um-die-Uhr-Pflegerinnen in Österreich haben. Diese Frauen arbeiten in einer Nische der Wahrnehmung und gleichzeitig an einem sehr verwundbaren Ort, nämlich direkt in den Familien. Sie rücken uns so nahe wie kaum jemand sonst, sie erfahren dabei intimste Geheimnisse. Gesellschaftlich gesehen sind wir von ihnen abhängig.
Gleichzeitig jedoch sind die eigenen Familien der Pflegerinnen, ihre Biografien und ihre persönlichen Verhältnisse kaum jemals ein Thema, weder in der politischen Pflegedebatte noch im individuellen Alltag bei ihren Dienstgebern. Mehr als einen Vornamen bekommen sie selten, und in der Regel verschwinden sie so unauffällig, wie sie gekommen sind, wenn sie nicht mehr gebraucht werden.
Vielleicht lag das Unerhörte an Leidenfrosts Plan darin, dass er Denisa S. einen Nachnamen gab, eine Herkunft, eine eigene Geschichte: Sie heißt Denisa Soltisova, kam aus Ratkovska Lehota, einem kleinen Dorf auf einem Hochplateau, sie fuhr gern in die Berge auf Urlaub, umgab sich am liebsten mit älteren Frauen, ihr ehemaliger Freund war Pächter einer Tankstelle, und im Einfamilienhaus ihrer Eltern hängen Hirschgeweihe an der Wand.
Dass dieses Leben aus österreichischer Sicht bloß von beiläufigem Interesse war, zeigt sich an vielen schlampigen Details: In Denisa Soltisovas Totenschein steht ein nachweislich falsches Todesdatum, in den Polizeiakten wird ihr Name monatelang falsch geschrieben, und bei ihren Eltern meldete sich überhaupt nie jemand – weder zum Kondolieren noch zum Ermitteln.

"Wir sind ja bloß Slowaken", sagte Denisas Mutter einmal bitter. Wäre man mit einer österreichischen Toten anders umgegangen? Lange hat sich Leidenfrost um eine klare Antwort auf diese Frage gedrückt. Inzwischen sagt er knapp und deutlich: "Ja."
Als er damals, fast ein Jahr ist es mittlerweile her, von der Toten im Fluss in der Zeitung las, hatte er das Gefühl, er sei weit und breit der Einzige, der die beiden Teile ihres Lebens zusammenfügen könne. "Ich hatte keine Wahl", sagt er, "ich musste mich einfach um die Geschichte kümmern, denn sonst hätte es niemand gemacht."
Immerhin spricht der Schriftsteller beide Sprachen, ist in beiden Ländern zuhause. Er lebt in der Plattenbausiedlung von Devinska Nova Ves, einem Vorort von Bratislava gleich hinter der Grenze. 350 Kilometer sind es von hier bis Ratkovska Lehota, Denisas Heimatort. 350 Kilometer in die andere Richtung sind es bis Vöcklabruck, dem Ort ihres gewaltsamen Todes.
Sehr viele Male ist er mittlerweile in beide Richtungen gefahren, hat dabei viele Lügen und noch mehr bösartigen Tratsch gehört, und je genauer er hinsah, desto fremder wurden ihm beide Schauplätze, beide Gesellschaften. Desto fremder wurde ihm, am Ende, auch Denisa.
"Was ich bisher erreicht habe, ist, dass aus einer namenlosen Toten eine verhöhnte Tote geworden ist", sagt Leidenfrost, und da klingt ehrliche Verzweiflung durch. So wenig er wolle – er müsse weitermachen, jetzt erst recht, "denn das kann doch, bitteschön, nicht Sinn der Sache gewesen sein, oder?" 

Sibylle Hamann in FALTER 20/2009 vom 15.05.2009 (S. 19)


Rezension aus FALTER 10/2009

Eine Tote aus dem Osten

Eine Geschichte braucht kein Happy End, um interessant zu sein. Sie braucht keinen großen finalen Punkt, an dem sich alle Fragen aufklären und alle Widersprüche entwirren. Ihr Weg kann ihr Ziel sein – denn alle Aspekte, die man auf diesem Weg kennenlernt, prägen die Geschichte und schaffen das Interessante an ihr.
"Die Tote im Fluss" ist gewissermaßen ein gescheitertes Projekt. Der Autor wollte einen dieser Fälle aufklären, von denen man nicht weiß, ob es sich um einen Mord handelt oder um einen Selbstmord, ob jemand das Opfer in den Tod trieb oder es aus freien Stücken diesen Weg wählte. Einen dieser Fälle, die desto widersprüchlicher werden, je mehr man sich in sie vertieft.
Der Tod der slowakischen Altenpflegerin Denisa Šoltísová bleibt rätselhaft, auch nachdem ein Buch über ihn geschrieben wurde. Aber seine in dem Buch beschriebenen Begleitumstände öffnen die Tür zu zwei Ländern mit ihren Unterschieden und Gemeinsamkeiten, zu Arbeitswelten, zu wechselseitiger Ausbeutung und Symbiose, zu kulturellen Schranken und zu allgemeiner Feigheit. Und zur Art und Weise, wie die Polizei – hier die oberösterreichische – manchmal Fälle zu behandeln pflegt, denen Ausländer zum Opfer fallen.

Martin Leidenfrost ist ein Niederösterreicher, der lange in der Slowakei lebte. Von Devínska Nová Ves aus, einer Stadt an der österreichischen Grenze, verfasste er nette kleine Episoden aus der "Welt hinter Wien" fürs Presse-Spectrum, die inzwischen auch als Buch vorliegen. Dann stieß er zufällig auf den Fall Šoltísová. Slowakische Medien berichteten groß darüber, österreichische Medien gar nicht.
Šoltísová, 29, hatte im oberösterreichischen Vöcklabruck gearbeitet, als Pflegerin bei einer reichen Ärztefamilie. Am 29. Jänner 2008 fand man ihre nackte Leiche im Fluss Ager. Die Ermittler schlossen den Akt schnell, Selbstmord, hieß es sofort.
In der Tat deutet einiges darauf hin: Kurz vor ihrem Tod soll Šoltísová verwirrt und geistesabwesend gewirkt haben. In der Nacht ihres Verschwindens sah man sie auf der Straße herumirren, in Unterwäsche.
Und dennoch: Selbstmörder ziehen sich gemeinhin nicht aus, bevor sie in Flüsse springen. Auf den Oberschenkeln der Frau fand man Quetschwunden, die auf eine Vergewaltigung hindeuten. Und im Körpergewebe trug sie Spuren von Arzneimitteln, die sie weder benötigt hatte noch gekauft haben konnte, denn weder in Österreich noch in der Slowakei sind sie zugelassen.
All das wurde aber erst zum Thema, als sich Journalisten, allen voran Leidenfrost in der Presse, dem Fall zuwandten und die Selbstmordthese ins Wanken brachten.

Jetzt hat er seine Recherchen und die dabei gewonnenen Eindrücke in einem Buch versammelt, halb essayistisch-subjektiv, halb kriminalistisch-nüchtern. 350 Kilometer trennen Leidenforst von Vöcklabruck, 350 Kilometer von jenem abgelegenen zentralslowakischen Hochland, aus dem Šoltísová stammte.
Im Buch dienen diese Entfernungen als Leitmotiv. Ihnen gemäß versucht sich der Autor in der Mitte zu positionieren, zwischen dem österreichischen Wohlstand und seinen Ansätzen in der Slowakei, zwischen den ostslowakischen Frauen, die in Österreich schwarz als "24-Stunden-Pflegekräfte" arbeiten, und jenen gutbürgerlichen Familien, die hierzulande ihre Hilfe benötigen und sie dankbar – und skeptisch – annehmen. Und zwischen dem strengen Zusammentragen der Indizien und dem persönlichen Empfinden, das man dabei hat. "Ich war als Kriminalist so schlecht, dass ich stets an mögliche Täter dachte, an das Opfer lange nicht. Erst spät begann ich, mich zu fragen, wie sie eigentlich war."
So entsteht ein Blick, den nur jemand liefern kann, der in zwei Gesellschaften zuhause ist. "Denisa", zitiert Leidenfrost eine Freundin der Verstorbenen, "habe nicht zu den Frauen gehört, die sich während der 14 Tage zuhause (nach dem Arbeitsaufenthalt in Österreich, Anm. d. Red.) gebärden, als wären sie frisch aus dem Paradies eingetroffen."
Viele solcher Bekannte kommen zu Wort. Sie helfen letztlich nicht weiter. "Ich hatte den Überblick, ich hatte Länder, Sprachen, Perspektiven, aber nur weitere Rätsel produziert", endet Leidenfrost.
Denisa Šoltísová findet keine abschließende Gerechtigkeit. Im persönlichen wie im gesellschaftlichen Kontext. Was mit ihr geschah, wird man vielleicht nie wissen.
Aber das macht ihre Geschichte nicht aus.

Josef Gepp in FALTER 10/2009 vom 06.03.2009 (S. 18)


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