Woodstock '69
Die Legende

von Frank Schäfer

€ 17,90
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Verlag: Residenz
Format: Taschenbuch
Genre: Musik/Sonstiges
Umfang: 208 Seiten
Erscheinungsdatum: 16.03.2009

Rezension aus FALTER 18/2009

Nur ein toter Hippie ist ein guter Zombie

Woodstock, diese ranzige Urgroßmutter aller Rockfestivals, wird 40. Warum der Mythos sterben muss, damit wir weiterleben können. Anmerkungen aus Anlass des Festivals "absolutely free", das ab dieser Woche dem "Woodstock-Effekt" nachspürt

Essay: Marcus Maida

Ich bin ein guter Indianer", sagte der Legende nach Comanchen-Häuptling Tosowi zu US-General Sheridan im Jahr 1869. Dieser antwortete: "Die einzigen guten Indianer, die ich gesehen habe, waren schon tot." Hundert Jahre später fand im 4000-Seelen-Ort Bethel, 150 Kilometer von New York, mit Woodstock und seinen fast 500.000 Besuchern das einfluss- und mythenreichste Festival der Popkultur statt - und der gute Hippie ward geboren. Keine zehn Jahre später wandelten die Punks den Brutalo-Sager Sheridans für ihre Zwecke um: "Nur ein toter Hippie ist ein guter Hippie." 40 Jahre später ist das erneut Geschichte: Sie leben! Angesichts der plakativen Grabenkämpfe und subversiven Wertungswandel in einer postmodernen Kultur heißt es auf einmal: Volle Deckung, Woodstock kommt wieder! Warum Woodstock?

War nicht erst letztes Jahr 1968? Schon ab 2005 gab es in Liverpool, Frankfurt und Wien die "Summer of Love"-Ausstellung zum Thema Gegenkultur und Psychedelia-Ästhetik zu sehen, letztes Jahr reichte der Reigen dann vom Film "Der Baader Meinhof Komplex" zu Ausstellungen in Frankfurt/Main, Berlin oder Essen. Sogar in der Hochschule Leoben erinnerte man sich an "1968 - When I was young". Und just als wir dachten, schön, das haben wir nun also hinter uns, kommt diese ranzige Urgroßmutter aller Rockfestivals um die Ecke und wird angehippt und neu eingekleidet. Hippie-Zombies als subversive Popkultur-Wiedergänger inmitten von Bankencrashs, Umwelt-Gaus und Casting-Shows - wie soll das denn gehen?

Die Popgeschichte hat viele mythische Orte. Gegenwärtig reale Geografien auszumachen, führt indes bald an die Peripherie statt in die vermeintlichen Zentren oder gleich in die dezentralisierte Megalopolis des Internets. Daher ist ein erdig-handlicher und schön schmieriger Mythos wie Woodstock auch so hilfreich zum Aufwärmen der oft erkalteten sozialen Glieder und zum Auffrischen des allerorts virulenten Politik- beziehungsweise Solidar-Alzheimer: Woodstock ist eine Kirche der Erinnerung an die Utopie der Popkultur als Gegenkultur. Der Popmythos hat hier noch einen realen Ort: eine Pilgerstätte und ein historisches Schlachtfeld des Friedens. Seit 2008 thront in den Catskill Mountains über dem natürlichen Amphitheater von Yasgur's Farmwiese aber keine Kirche, sondern, natürlich: ein Museum. Künftige Popgenerationen werden dagegen ortlos sein.

Doch auch Geschichte wird gemacht, daher ist es notwendig, die konstruierten Nostalgielieferungen und Patinaproduktionen von Love and Peace zu hinterfragen, um einem der größten, originärsten und ältesten popkulturellen Mythen überhaupt entgegentreten zu können. Woodstock 69 enthält viele Ungereimtheiten, Widersprüche und Missverständnisse, die aber letztlich alle dialektisch-produktiv in einer erstaunlich friedfertigen dreitägigen Massen-Sedierung zugunsten einer lange anhaltenden Aura aufgelöst wurden.

Woodstock präsentierte zum ersten Mal die Aura des Nichtkommerziellen in der Popkultur bei größtmöglicher Reichweite und Vermarktung. Die vier Initiatoren des Festivals bildeten eine zeittypische Schnittmenge aus Idealisten und Hip-Kapitalisten: Zwei waren szenegeschulte Musikchecker und Söhne reicher Eltern, zwei waren alternative Businessmen auf der Suche nach neuen Geschäftsideen, die sich vom Golfplatz kannten. Woodstock war das erste wirklich große soziale Signal der Subkulturindustrie an den Mainstream, in dem sich popkulturelle Dissidenz vom amorphen Idealismus der Einzelnen zur massentauglichen Identitäts-Marke wandelte - und damit selbst zum neuen Mainstream werden konnte. Das Festival war die Verkündigung, das Triple-Album als Multiple die Bibel, der Film dann die Messe. Das Medienereignis markierte die symbolische Gründung der Woodstock-Nation als State of Mind.

Der Höhepunkt der Hippiekultur als eine widersprüchliche und hochkreative Avantgarde war 1967 indes bereits überschritten. Das Festival markiert den Punkt, als sich Protestkultur in Popkultur transformierte. Die Gegenkultur wurde in ein hedonistisches, massenkompatibles Wir-Gefühl umgemünzt, ihre individuellen und authentischen Grundlagen wurden sloganisiert und normiert, dann setzte das popkulturelle Branding ein. Damit ging auch die öffentliche Signalsetzung einher: Woodstock machte die Hippie-Moral erst wirklich publik und effektiv. Logisch: Underground kann nicht jahrelang in der Ecke schimmeln und dann noch irgendwelche soziale Relevanz beanspruchen.

Der gesellschaftliche Effekt, den Woodstock hatte, lässt sich nicht leugnen: Der Woodstock-Effekt war nicht nur die Markierung und Kommerzialisierung der Gegenkultur, sondern auch eine radikale Einschreibung in die Gegenwart inklusive aller Netzwerke von Nachhaltigkeitsprojekten. Die ökologische Bewegung fing genau hier an, nicht nur organisatorisch und autonom aktiv, sondern vor allem populär zu werden, ebenso wie die Institutionalisierung von Bürger-und Frauenrechten und der Anti-Kriegs-Bewegung. Inzwischen ist auch klar geworden, wie sehr Woodstock der definitive Schwanengesang der Hippies als Gegenkultur war. Das Altamont Free Festival, als Westküsten-Pendant vom Manager der Rolling Stones organisiert, war ihr Todesstoß, danach kam ihr Mainstream als Massenkultur.

Warum aber Woodstock 2009? Warum keine Erinnerung an die Festivals Woodstock II von 1994, das schon eine ziemlich üble Kommerzabzocke war, aber 1999 von Woodstock III als einem Nu Metal/White Male-bestimmten Festival noch negativ übertroffen wurde, als bekannt wurde, dass dort mehrere Frauen vergewaltigt worden waren, eine - von mehreren Männern - direkt vor der Bühne während des Auftritts von Limp Bizkit, dass im Moshpit Fans schwer verletzt wurden und auf dem Gelände Randale und Gewalt herrschten?

Wer hat heute warum überhaupt noch ein Interesse an Woodstock? Es geht natürlich, völlig korrekt, um alternativ-ergänzende Archivierung, Geschichtsschreibung und Kulturpolitik, aber vor allem soll auch der "Spirit" lebendig erhalten werden. 2009 nun soll der konservierte Geist abermals aus der Flasche: Da wäre der neue Film von Ang Lee "Taking Woodstock", eine Ausstellung im westdeutschen Attendorner Südsauerlandmuseum sowie natürlich diverse Musikfestivals. Das von Michael Lang auf dem Berliner Flughafen Tempelhof geplante zweitägige Free-Concert mit Original-Künstlern ist derzeit abgesagt, sein New Yorker Event indes soll stattfinden. Das seit 1995 in Polen stattfindende "Haltestelle Woodstock"-Festival geht, ebenfalls absolutely kostenlos, aber mit ungleich unbekannteren Acts, dafür vielleicht mit mehr Spirit, heuer in Kostrzyn über die Bühne. Und für 2010 plant Ur-Veranstalter Artie "Father of Woodstock" Kornfield mit dem "Imagine"-Festival in Kanada die Rückkehr von Woodstock für die "Green Generation".

Zusätzlich sollen eine Online-Community ( www.woodstock.com) und ein soziales Netzwerk entstehen, wobei mit Lang und Rosenmann erneut zwei der Ur-Veranstalter am Start sind. Und dann gibt es natürlich noch das Grazer Modell "absolutely free", das Woodstock als Initiationsmoment für eine zeitgemäße Sozialskulptur, als Hintergrund für diskursive Hinterfragungen zur Popkultur aktivieren möchte.

All diese disparaten Ansätze des Umgangs mit dem Mythos haben eines gemeinsam: Scheinbar sollen mit dem Woodstock-Bezug die identitätsstiftende Kraft und das politisch-utopische Potenzial von Popmusik noch einmal beschworen werden. Aber genau dieses mythische Potenzial sollte hinterfragt und letztlich real transformiert werden, denn erst, wenn der mediale Mythos vom guten Hippie als einem guten Popkultur- und Kapitalismusverweigerer tot ist, darf er als subversiver Zombie auch wieder auf die Bühne der Popkultur und der Gesellschaft kommen und seine Umwelt lustvoll beißen und infizieren.

Marcus Maida in FALTER 18/2009 vom 01.05.2009 (S. 44)


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