Solferino
Kleine Geschichte eines großen Schauplatzes

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Verlag: Residenz
Genre: Geisteswissenschaften
Erscheinungsdatum: 03.06.2009

Rezension aus FALTER 25/2009

Wie Solferino die Welt noch heute beeindruckt

Das Töten begann im Morgengrauen. Es war ein Stechen und Würgen, ein Beißen und Treten. An einer 20 Kilometer langen Front standen einander 300.000 Soldaten gegenüber. Hier die Allianz aus Pie­montesen und Franzosen, dort das Heer der Habsburger – mit dabei ein 25-jähriger Südtiroler Schuster, der Tagebuch über den Schrecken führte.
Am 24. Juni 1859 fand im lombardischen Solferino eine der größten Schlachten Europas statt. Dieser Junitag hat Europa, hat die Welt verändert: Der Rückzug der Österreicher bei Sonnenuntergang markierte den Anfang vom Ende des Habsburgerreichs, es war gleichsam die Geburtswehe Italiens wie des Roten Kreuzes und der Genfer Konventionen. Humanistische Großtaten, die Politiker wie Silvio Berlusconi und George W. Bush just rund um das Jubiläum von Solferino relativieren.
Auch deshalb ist es ein guter Zeitpunkt, zu dem der Zeit-Journalist Ulrich Ladurner an den geschichtsträchtigen Ort zurückkehrt; in Händen das rissige Tagebuch seines Urgroßvaters, das sein Vater ihm einst mit den Worten "damit du weißt, woher du kommst" überreicht hatte.

"Solferino ist ein kleiner Ort in der Lombardei", lautet der erste Satz. Das beschauliche Nest samt Schloss, Friedhof und Turm liegt in einer der wirtschaftlich stärksten Regionen Europas. Ein unbedeutender Ort, der erst durch den "tausendfachen Tod" zur Welt kam, wie Ladurner schreibt.
Der 140 Seiten dünne Band ist eine Mischung aus historischer, gegenwärtiger Reportage – und Selbstfindung. Es ist das bisher persönlichste Buch Ladurners. In zahlreichen Artikeln für die Hamburger Zeit (und auch den Falter) und einem halben Dutzend Büchern hat der ehemalige Polizist und Student der Politikwissenschaft seine Reisen in den Iran, nach Afghanistan oder Pakistan geschildert. Er selbst tritt dabei kaum in Erscheinung, konzentriert sich eher auf die Schilderung von Macht und Menschen, freilich aus westlicher Pers­pektive. Diesmal taucht Ladurner nicht nur zwischen den Zeilen auf, sondern gibt, wenn man so will, als Spiegel den Blick in einen zwingenden Moment Europas frei.
Doch Ladurner liefert keinen elegant geschriebenen Selbstfindungstrip. Zum lehrreichen Historienabenteuer wird seine Reportage aus zwei Gründen. Einerseits liegt das am Stoff selbst, eben jenen Ereignissen des 24. Juni, die eng verwoben sind mit der Geschichte Italiens, der Habsburger, des Roten Kreuzes; dem Tag, an dem rund um Solferino die Großen ihrer Zeit aufeinandertrafen, vom Autor gekonnt in Szene gesetzt.
Da reitet etwa der kriegsunkundige Weiberer Viktor Emanuel II., König von Sardinien-Piemont, an vorderster Front für die Einheit Italiens. Erst seine Generäle können den kopflosen Abenteurer vom Nutzen einer Strategie überzeugen. Und da tritt Napoleon III. auf. Der Kaiser von Frankreich unterstützt die Piemontesen in der Schlacht, damit endlich etwas vom Glanz seines Onkels auf ihn abfalle. Und da kutschiert der 28-jährige, weltfremde Habsburgerkaiser Franz Joseph mit seinem Tross durch die Lombardei. Es sollte sein erster Feldzug als Oberkommandeur und seine erste Schmach werden, derentwegen er die Lombardei verlieren sollte.

Und da tritt Henry Dunant auf, der philanthropische Spross einer Genfer Handelsfamilie, der Napoleon hinterherreist, um sich durch kaiserliche Konzessionen vor dem Bankrott zu bewahren; jener Dunant, der aus dem Leid von Solferino einen schlichten und revolutionären Schluss zieht: Jeder verwundete Soldat, egal von welcher Seite oder Nation, verdient Hilfe. Die Genfer Konventionen und das Internationale Rote Kreuz sind direkte Folgen dieser Idee.
Viel wird in diesem Jubiläumsjahr veröffentlicht über die Schlacht von Solferino und ihre weitreichenden Konsequenzen. Ladurners Buch wird deshalb ein Unikat bleiben, weil sein Protagonist kein Kaiser wie Franz Joseph und kein Weltwohltäter wie Henry Dunant ist, sondern sein Urgroßvater. Ein gemeiner Fußsoldat erzählt da vom Leben in der Marschkapelle, vom Los, das in jeder Gemeinde über das Soldatenschicksal entscheidet, und von jenem Tag, an dem die beiden Heere einander unversehens gegenüberstanden.
An zahlreichen Stellen zitiert der Autor diese persönliche Chronik einer Jahrhundertschlachterei, die ohne Hass, Fanatismus und Rassismus auskommt. Ein Warum für den Krieg wird darin weder gesucht noch gefunden. Es ist die kleine Rechenschaft einer großen Schlacht, in der es um Ehre, Kameradschaft und Loyalität ging. Anders als heute, wo moderne Krieger den Terror aus dem Schlachtfeld tragen. Die Dinge waren schrecklich, schreibt Ladurner, doch sie hatten ihre Ordnung.

Stefan Apfl in FALTER 25/2009 vom 19.06.2009 (S. 16)


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