Eine Nacht in Kabul
Unterwegs in eine fremde Vergangenheit

von Ulrich Ladurner

€ 21,90
Lieferung in 2-7 Werktagen

Verlag: Residenz
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Geschichte/Zeitgeschichte (1945 bis 1989)
Umfang: 256 Seiten
Erscheinungsdatum: 20.08.2010


Rezension aus FALTER 44/2010

Wie in Afghanistan die Hoffnung untergeht

Neun Jahre nach 9/11 zieht der Afghanistan-Kenner Ulrich Ladurner eine sehr persönliche Bilanz: Sie ist erhellend – und aussichtslos

Er besuchte eine afghanische Gefängniskloake, wo hoffnungslose, vergessene Gestalten nach Besuchern lechzen. Er verbrachte einen Abend mit dem einfachen Ali Hussein, der sich angesichts der neuen Verhältnisse die Taliban zurückwünscht, obwohl die Gotteskrieger seine Freunde einst hingerichtet hatten. Und er begleitete US-amerikanische Soldaten, wie sie das Mohnfeld eines afghanischen Bauern niederflegelten.

Ulrich Ladurner hat die Abgründe Afghanistans aufgesucht und ist dabei stets auf dieselben beiden Fragen gestoßen: Was haben wir, was hat "der Westen" hier bloß zu suchen? Und was ist dieses "hier", was ist Afghanistan eigentlich?
So viel vorab: Ladurners neues Buch "Eine Nacht in Kabul" ist ein seltener Glücksfall; weil es die Leser "aus dem Dunkel der eigenen Vorurteile" holt, weil es von jener gefährlichen Naivität heilt, in der es sich viele seit 9/11 und der folgenden Permanentintervention bequem gemacht haben; Stichwort Demokratieexport, Kampf gegen den Terror, ziviler Aufbau.
In den vergangenen neun Jahren hat Ladurner das Land im Auftrag der Wochenzeitung Die Zeit viele Male bereist, hat sich in die geölte Propagandamaschine der
Nato-Truppen begeben und in entlegenen Regionen den demokratischen Institutionen nachgespürt. Er hat sich mit Talibanführern zusammengesetzt und die wechselhafte Geschichte Afghanistans studiert.
Das Manuskript ist eine Art Gedankenstrom, der durch diese Jahre und Erfahrungen mäandert. Da folgen Analysen auf historische Erzählungen, Reportagen auf Tagebucheinträge. Auf einer Seite marschieren wir mit englischen Kolonialherren ein, auf der nächsten sitzen wir mit dem Autor in einem dunklen Hotelzimmer, wo er sich zwischen Angstzuständen eingezwängt nach dem befreienden Schlaf sehnt, der ihn doch nur in die maladie afghane führen wird: "Es sind die Hilfe suchenden afghanischen Gespenster", die sich bei Besuchern "einnisten und so lange bleiben, bis sie von ihrem Schicksal erlöst sind."
"Eine Nacht in Kabul" ist erhellend und düster zugleich. Es ist die sehr persönliche Bilanz eines Afghanistanexperten, der schonungslos mit sich und mit jenen Wahrheiten, Prinzipien und Vorurteilen ins Gericht geht, an denen er sich lange orientiert hat. "Wir waren selbst Teil der Kriegspartei", schreibt Ladurner und räsoniert darüber, wie er selbst die Vergeltung für 9/11 und den Sturz der Taliban mit Menschenrechten und Demokratie gerechtfertigt hat. Nun nennt er Afghanistan den Gegenstand eines "gewaltigen Experiments der Beglückung", die Nato-Formel laute: "B-52-
Kampfbomber plus Menschenrechte plus Rechtsstaat plus Demokratie ist gleich das Paradies auf Erden."
In Kabul regieren heute afghanische Vetternwirtschaft und US-amerikanische Geschichtsvergessenheit, an der Peripherie hat sich Demokratie als Phrase entlarvt. Etwas ist schiefgelaufen, und der Autor sucht die Irrtümer auch bei sich selbst.

Trotz all der Reflexion und Selbstkritik, die zwar stets mitschwingen, aber nie lästig werden, findet er sich dennoch vor der Versuchung wieder, alles Erlebte "hineinzupressen in die feste Form der Vorurteile, damit dir das Land nicht zu nahe kommt". Doch er erliegt ihr nicht (mehr).
Ladurner ist nicht nur ein Kenner der Region, sondern auch ein virtuoser Erzähler, der Reportagen von literarischem Rang liefert. Für die wenigen barocken Wortgirlanden ("Die Hitze des Sommers schrubbte mit flammenden Besen an den Wunden des Palastes, so lange, bis die gequälten Wände in stummer Verzweiflung aufschrieen"), entschädigen seine großartigen Fotos.
Letztlich erhält man zwar eine vielschichtige Antwort auf die Frage "Was ist Afghanistan?", die knapp lautet: ein unverstandenes, an leidvoller Geschichte übersättigtes, multikulturelles Land, das seit Jahrhunderten als "Heimat des Krieges" herhalten muss, als Schachbrett, auf dem Besatzer und Befreier, Lichtfiguren und Schattenkreaturen einander abwechseln.
Die zweite Frage: "Was hat der Westen hier zu suchen?" wird nicht eindeutig beantwortet. Eher gerät der Versuch zur Abrechnung mit einem zynischen "Befreier", der die Afghanen wohl in der einzigen Gewissheit bestätigen wird, die sie durch ihre Geschichte begleitet hat: Jeder, der kommt, ob Freund oder Feind, der geht auch wieder.
Dass dann von der Demokratie des Westens mehr bleiben wird als vom Sozialismus der Sowjets oder dem Imperialismus der Engländer ist bloß: Hoffnung. "Sie verführt nur zu glauben, dass es einen Ausweg gibt", heißt es gegen Ende des Buches. "Doch gibt es keinen."

Stefan Apfl in FALTER 44/2010 vom 05.11.2010 (S. 16)


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