Saubere Dienste
Ein Report

von Sibylle Hamann

€ 21,90
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Verlag: Residenz
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Gesellschaft
Umfang: 208 Seiten
Erscheinungsdatum: 21.02.2012


Rezension aus FALTER 50/2014

Wer trägt den Mythos Kernfamilie?

Sibylle Hamann widmete jenen Frauen ein Buch, die anderen durch ihre Arbeit Karriere und Familie oft erst ermöglichen

Häusliche Arbeit und die Pflege von Alten, Kindern und behinderten Menschen wird immer öfter ausgelagert. Doch wer putzt unsere Wohnungen, versorgt unsere Kinder, Eltern und letztendlich uns? Wie behandeln wir selbst und die Behörden die Altenpflegerinnen aus der Slowakei und die Putzfrauen aus Polen? Unwürdig, um es kurz zu machen.
Wer eine Familie hat, braucht keine staatliche Hilfe: Dieser Leitidee folgt die Gesellschaftspolitik auch in Österreich. Fast alle Institutionen richten sich nach wie vor nach dem Idealtypus der Eineinhalb-Ernährer-Familie aus. Das heißt zumeist: Papa arbeitet Vollzeit und macht so viele Überstunden wie möglich, Mama arbeitet als "Zuverdienerin" halbtags "auswärts" und kümmert sich um Haushalt, Kinder, Großeltern und Garten. Dieses Modell, auf das das Steuerrecht, die Öffnungszeiten von Schulen und Behörden, die Ferienordnung, das Gesundheitswesen und die Altersversorgung abgestimmt sind, war immer mit Wunschdenken verknüpft. Doch seit den 1990er-Jahren funktioniert es nicht zuletzt wegen der Flexibilisierung immer schlechter.
In Österreich schätzt man die Zahl der so arbeitenden Pflegerinnen auf 50.000. Der Staat toleriert Schwarzarbeit im häuslichen Bereich. Sibylle Hamann führt dieses "Stillhalteabkommen" zwischen Bürgern und Staat auf vier Faktoren zurück: So können die Idealbilder von der unzerstörbaren, leistungsfähigen "Kernfamilie" und der modernen, berufstätigen "Superfrau" ebenso aufrechterhalten werden wie die vom funktionierenden Sozial- und Wohlfahrtsstaat und von Gesellschaften, die ohne Einwanderung auskommen. Gäbe man zu, dass die privaten Helferinnen existieren, würden die Risse in diesem Mythen-Gesamtkunstwerk deutlich sichtbar.
Hamann belässt es allerdings nicht bei einer Darstellung der Missstände, sondern schlägt konkrete staatliche Maßnahmen vor, um den Zustand der Halblegalität, in dem die dringend benötigten Helferinnen oft tätig sind, zu beenden. Mehr noch: Der Bedarf nach Profis in Pflegeberufen wird weltweit steigen.
Um diesen Bedarf zu decken, sollten Arbeitskräfte gezielt angeworben werden, anstatt darauf zu setzen, dass sie sich heimlich über Grenzen schleichen. Denn häusliche Schwarzarbeit hängt zuallermeist mit Migration zusammen und ist damit ein globales Problem.

Karin Chladek in FALTER 50/2014 vom 12.12.2014 (S. 59)



Rezension aus FALTER 11/2012

Wer trägt den Mythos der Kernfamilie?

Arbeit: Sibylle Hamann ging unter falscher Identität putzen und analysiert eine reformbedürftige Branche

Sibylle Hamann hat ein wichtiges Buch geschrieben. Sie wirft einen genauen Blick auf einen Bereich, der kaum angesprochen wird und der unser aller Leben doch prägt. Häusliche Arbeit und die Pflege von Alten, Kindern und behinderten Menschen wird immer öfter ausgelagert. Doch wer putzt unsere Wohnungen, versorgt unsere Kinder, Eltern und letztendlich uns?
Wie behandeln wir Altenpflegerinnen aus der Slowakei, Putzfrauen aus Polen, wie werden sie von den Behörden behandelt? Um es kurz zu machen: unwürdig. Obwohl wir in Zukunft mehr denn je auf bezahlte helfende Hände angewiesen sein werden.
Hamann spricht offen eine Tatsache aus, über die man vor allem in Österreich und Deutschland lieber nicht spricht: dass immer mehr Haus- und Pflegearbeit von bezahlten Helferinnen und nicht mehr direkt von der Materfamilias erledigt wird. Da vor allem in diesen beiden Ländern nach wie vor ein konservatives Familienbild dominiert, das den Ausbau von Kindergärten, Krippen und Ganztagsschulen verhindert, ist es kein Wunder, dass viele Frauen sich nach privater Hilfe umsehen müssen.

Stillhalteabkommen
Wer eine Familie hat, braucht keine staatliche Hilfe: Dieser Leitidee folgt die Gesellschaftspolitik in beiden Ländern. Fast alle politischen und sozialen Institutionen richten sich nach wie vor nach dem Idealtypus der Eineinhalb-Ernährer-Familie aus: Papa schuftet Vollzeit und macht so viele Überstunden wie möglich, Mama arbeitet als "Zuverdienerin" halbtags "auswärts" und kümmert sich um Haushalt, Kinder, Großeltern und den Garten.
Dieses Modell, auf das Steuerrecht, Öffnungszeiten von Schulen und Behörden, Ferienordnung, Gesundheitswesen und Altersversorgung abgestimmt sind, war immer mit Wunschdenken verknüpft. Doch seit den 1990er-Jahren funktioniert es nicht zuletzt wegen der Flexibilisierung immer schlechter.
Ohne private Helferinnen scheint es nicht mehr zu gehen, doch sie sollen so diskret wie möglich agieren. Und natürlich möglichst wenig kosten. Versteuert und versichert werden sie nur im Ausnahmefall. In Österreich schätzt man die Zahl der so arbeitenden Pflegerinnen auf 50.000, in Deutschland auf 100.000. Der Staat toleriert die Schwarzarbeit im häuslichen Bereich. Hamann führt dieses "Stillhalteabkommen" zwischen Bürgern und Staat auf vier Faktoren zurück.
So können die Idealbilder von der unzerstörbaren, leistungsfähigen "Kernfamilie" und der modernen, berufstätigen "Superfrau" ebenso aufrechterhalten werden wie die vom funktionierenden Sozial- und Wohlfahrtsstaat und von Gesellschaften, die ohne Einwanderung auskommen. Gäbe man zu, dass die privaten Helferinnen existieren, würden die Risse in diesem Mythen-Gesamtkunstwerk deutlich sichtbar.

Globale Versorgungsketten
Hamann hat sich bei ihren Recherchen nicht auf Mitteleuropa beschränkt. Ihre Nachforschungen bei UN-Organisationen und Soziologen ergaben, dass die globalen Versorgungsketten weltweit vor allem von Frauen aufrechterhalten werden. Von den Philippinen und Mexiko, aber auch Moldawien können wir lernen, was mit Gesellschaften passiert, aus denen verstärkt Frauen aus ökonomischen Gründen auswandern. Hamann betont, dass Auswanderung Einwanderung bedingt, denn jemand muss sich um die zurückbleibenden Kinder und Alten kümmern: "Wenn es um häusliche Pflichten geht, gibt es bloß eine Konstante. Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit werden auch die Newcomer wieder Frauen sein."
Hamann belässt es nicht bei einer Darstellung der Missstände, sondern schlägt konkrete Maßnahmen vor, um den Zustand der Halblegalität, in dem die dringend benötigten Helferinnen oft tätig sind, zu beenden. Mehr noch: Der Bedarf an Profis in Pflegeberufen wird weltweit steigen. Um diesen zu decken, sollten Arbeitskräfte gezielt angeworben werden, anstatt dass man darauf setzt, dass sie sich heimlich über die Grenzen schleichen.
Ein breites Aufgabenfeld für Politik und Gewerkschaften, meint nicht nur Hamann. Sie beruft sich auf die Weltbank und die EU-Menschenrechtsagentur, die beide massives politisches Versagen in einem wichtigen Zukunftsbereich konstatieren. Die Weltbank hält fest, dass "die Politik mit ihren Grenzkontrollen bisher nicht in der Lage ist, die Nachfrage nach niedrig qualifizierten Dienstleistungen mit dem Angebot zusammenzuführen".

Grenzen im Denken
Auch die meist in nationalem Denken gefangenen Gewerkschaften versagen, obwohl es um ihre Kernklientel ginge: "Damit die illegale Putzfrau oder Altenpflegerin zur selbstständigen Unternehmerin werden kann, braucht es eine Ansprechstelle, die ihr beratend zur Seite steht, im Idealfall kostenlos und in mehreren Sprachen", schreibt Hamann, stellt aber fest, dass der grenzüberschreitenden Solidarität die protektionistische Grundhaltung der meisten Gewerkschafter im Weg stünde.
Fest steht: Es müssen noch einige Grenzen im Denken gesprengt werden, bevor Frauen, die weltweit die unersetzliche menschliche Grundversorgung gewährleisten, dafür anerkannt werden und ein Leben ohne ständige existenzielle Sorgen führen können. Hamann plädiert für persönliche, transferierbare, in allen Ländern einlösbare Versicherungs- und Rentenkonten. Nicht nur für hochbezahlte Manager, sondern auch für die vielen Menschen, die weltweit freiwillig oder gezwungenermaßen ein Leben mit mehreren räumlichen Mittelpunkten führen – allen voran die Leistungsträgerinnen der transnationalen Care-Ökonomie.

Karin Chladek in FALTER 11/2012 vom 16.03.2012 (S. 38)


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