Lampedusa
Große Geschichte einer kleinen Insel

von Ulrich Ladurner

€ 19,90
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Verlag: Residenz
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Gesellschaft
Umfang: 144 Seiten
Erscheinungsdatum: 28.01.2014


Rezension aus FALTER 11/2014

Die kürzeste Verbindung zwischen Afrika und Europa

Geografie: Ulrich Ladurner erzählt die Geschichte der kleinen Insel, die näher bei Afrika liegt als bei Europa

Lampedusa liegt 210 Kilometer von der sizilianischen Küste, aber weniger als 120 Kilometer von der Küste Afrikas entfernt und gehört trotzdem zu Italien und damit zur Europäischen Union. Die kleine Insel anzusteuern heißt deswegen schlicht und ergreifend, die kürzeste Verbindung über das Mittelmeer nach Europa zu wählen. Das birgt Gefahren, wie inzwischen allgemein bekannt ist. Immer wieder ertrinken Flüchtlinge unweit der Insel.

Dass Strandungen bei und auf Lampedusa nicht erst seit dem späten 20. Jahrhundert vorkommen, zeigt die Tatsache, dass Lampedusa als Vorbild für die Insel in Shakespeares letztem Drama "Der Sturm" diente, auf die der Zauberer Prospero und seine Tochter Miranda sich aus einem kaum seetüchtigen Boot retten.

Ulrich Ladurner erzählt von einem nördlich der Alpen weitgehend unbekannten Teil der europäischen Geschichte, der die Mittelmeerländer Jahrhunderte lang prägte und bis heute nachwirkt: Bis ins 18. Jahrhundert hinein plünderten muslimische Piraten aus dem heutigen Algerien und Tunesien die Küsten, überfielen Schiffe, verschleppten Christen als Sklaven. Auch Geiseln wurden genommen, oft lange gefangen gehalten und erst gegen Lösegeld wieder freigelassen.

In dieser "Tradition" sieht Ladurner auch den zeitgenössischen "Piraten" und langjährigen Diktator Libyens, Muammar al-Gaddafi. Manche Leser mögen sich noch an Schlagzeilen rund um die bulgarischen Krankenschwestern erinnern, denen Gaddafi 2000 bis 2007 unter fadenscheinigen Begründungen den Prozess machte und die er erst gegen Zahlung eines hohen Lösegeldes wieder freiließ.

Aufgrund dieser historischen Erfahrungen und seit die Bilder überladener albanischer Flüchtlingsschiffe Anfang der 1990er-Jahre über die Bildschirme flimmerten, bestimmt diffuse Angst vor dem Überranntwerden die Haltung vieler Einwohner der nördlichen Mittelmeerstaaten gegenüber ihren südlichen Nachbarn.

Ladurner zeigt, wie diese Angst gerade in Italien unter Berlusconi und der Lega Nord auch immer wieder politisch geschürt wurde. Er betont, dass Italien selbst Jahrhunderte lang von Armut, Auswanderung und Binnenmigration von Süd nach Nord bestimmt war und somit die verzweifelte Suche nach einem besseren Leben, die die afrikanischen Flüchtlinge oft antreibt, gerade in Italien verstanden werden sollte.

Wie der Zeit-Redakteur, der Anfang der 1990er-Jahre zum ersten Mal auf Lampedusa war, bezeugen kann, wurden die Flüchtlinge aus dem Maghreb und den südlicheren Ländern Afrikas anfangs von den italienischen und EU-Behörden noch nicht versteckt und bewegten sich inmitten der rund 6000 permanenten Einwohner Lampedusas relativ frei.

Der vorherrschenden Meinung, die Migranten seien "eh alles Wirtschaftsflüchtlinge", widerspricht er: Die große Mehrheit der rund 360 Menschen, die im Oktober 2013 vor Lampedusa ertranken, kam aus den Bürgerkriegsländern Syrien, Somalia und Eritrea. "Diese Menschen hatten sich aufgemacht in Richtung eines Kontinents, der seit 1945 in weiten Teilen keinen Krieg mehr kennen gelernt und darüber offenbar vergessen hatte, was Krieg für die Menschen bedeutet."

Mithilfe solcher Assoziationen, aber vor allem durch die sachliche Beschreibung von Ereignissen wie im Jänner 2009, als tausende Flüchtlinge gemeinsam mit vielen Einwohnern Lampedusas gegen die mangelnde Solidarität Festlanditaliens und Europas protestierten, wendet sich Ladurner gegen billigen Populismus.

So erinnert er daran, dass es zwar oft heiße, das Boot sei voll, dass aber einer anderen Metapher in diesem Kontext viel zu wenig entsprochen wird: Wir sitzen alle in einem Boot.

Karin Chladek in FALTER 11/2014 vom 14.03.2014 (S. 33)



Rezension aus FALTER 5/2014

Sie glaubten, sie hörten die Möwen schreien

Lampedusa markiert die Grenze Europas. Der Reporter Ulrich Ladurner hat die Insel besucht und Anarchie vorgefunden: Ein Vorabdruck aus seinem neuen Buch

Keiner weiß genau, wie viele Menschen in den letzten beiden Jahrzehnten im Mittelmeer ertrunken sind, mehr als 20.000 dürften es nach seriösen Schätzungen gewesen sein. Die größte bekannte Tragödie ereignete sich am 3. Oktober 2013 wenige hundert Meter vor der Küste Lampedusas.
Gegen vier Uhr morgens kam ein mit Flüchtlingen randvoll besetzter Fischkutter in Sichtweite der Insel. Die Insassen des Bootes sahen die spärlichen Lichter der Insel. Sie waren erleichtert, endlich glaubten sie sich am Ziel. Die meisten kamen aus Syrien, Somalia und Eritrea.
Die Somalis unter ihnen hatten einen Krieg hinter sich gelassen, der seit mehr als zwei Jahrzehnten das Land heimsucht und von dem niemand weiß, wann und wie man ihn beenden könnte.
Syrien wurde zu dem Zeitpunkt, als der Fischkutter nach Lampedusa kam, seit mehr als zwei Jahren von einem grausamen Bürgerkrieg erschüttert, dessen Ende ebenfalls nicht absehbar war. Und in Eritrea regiert eine Militärdiktatur, welche die jungen Männer zum Dienst in der Armee presst und sie dort häufig quält.
Gekommen waren die Flüchtlinge über Libyen, wo sie von Schleppern in der Stadt Misrata eingeschifft worden waren. Mit der jüngeren Geschichte dieser Stadt hat es eine besondere Bewandtnis. In den frühen Sommermonaten des Jahres 2011 wurde sie von Truppen des libyschen Herrschers Gaddafi eingeschlossen und belagert.
Gaddafi wollte mit allen Mitteln den Aufstand, der im Februar gegen ihn losgebrochen war, niederschlagen. Die Schlacht um Misrata hatte dabei einen starken symbolischen Charakter erhalten. In den westlichen Medien wurde sie zu einer Heldenstadt, zu einer Art libyschem Stalingrad hochstilisiert. Die Rebellen konnten den Belagerungsring schließlich sprengen, mit tatkräftiger Hilfe der Nato-Kampfbomber. Misrata war befreit – und wurde zu einem Korridor für Flüchtlinge und zu einem Paradies für Schlepper, die mit dem Menschenschmuggel Millionen verdienten.

Das Boot, das am Morgen des 3. Oktober 2013 auf Lampedusa zusteuerte, war wie eine lebende Landkarte, die die Kriege und Krisen des Nahen Ostens und Afrikas abbildete. Diese Menschen hatten sich aufgemacht in Richtung eines Kontinents, der seit 1945 in weiten Teilen keinen Krieg mehr kennengelernt und darüber offenbar vergessen hatte, was Krieg für die Menschen bedeutet. Der Schock des Zweiten Weltkrieges – der Tod von vielen Millionen in den Schützengräben, die Vernichtung vieler weiterer Millionen in den Konzentrationslagern, die Verheerungen europäischer Städte durch den Bombenkrieg – hatte dazu geführt, dass Europa sich nach 1945 als Kontinent neu definieren musste. "Nie wieder Krieg!" – Diesen Satz schrieben die Europäer in das Fundament der Europäischen Gemeinschaften, die 1957 gegründet wurden. Und tatsächlich gelang es diesem Bündnis, Todfeinde zu Partnern, ja zu Freunden zu machen.
Doch Europa verbannte nicht nur den Krieg, sondern leugnete auch die Tatsache, dass Waffengewalt nicht aus der Geschichte der Menschheit verschwunden war. 1991 war nicht nur die Sowjetunion zerfallen, es ging auch Jugoslawien unter. Dieser Staat löste sich in Blut auf. Doch Europa, der "Nie wieder!"-Kontinent, schaute weg. Unter den Augen der Europäer, nicht vor ihrer Haustür, sondern in ihrem Haus, wurde die europäische Stadt Sarajevo dreieinhalb Jahre lang belagert. Doch die Europäer rührten keinen Finger. Sie konnten diesen Krieg aber auch nicht völlig ignorieren, dafür war er zu nahe, dazu kamen zu viele Flüchtlinge. Er wurde deshalb wegerklärt. Die da unten seien rückständig, deswegen sei ihnen nicht zu helfen. Man könne nur warten, bis sie endlich müde würden vom gegenseitigen Abschlachten – dann wäre der Moment gekommen, in dem Europa sich als ehrlicher Makler einschalten könne, als Vermittler, der sich mit keiner der beiden Parteien gemeingemacht hatte und daher kein Blut an den Händen habe.
So lauten die Argumente eines kriegsentwöhnten, kriegsunwilligen Europas, dessen Bewohner seit Jahrzehnten in nie gekannter Sicherheit leben und deren Regierungen einem Gesetz folgen: Wir tun erst etwas, wenn der Brand gelöscht ist.
Als die Flüchtlinge auf dem Fischkutter in der Morgendämmerung des 3. Oktober 2013 die Konturen der Insel erkannten, da entzündeten sie ein Feuer, um auf sich aufmerksam zu machen. Sie hofften, dass man ihnen nun zu Hilfe eilen würde. Aber es kam niemand, so wie auch dem brennenden Sarajevo niemand zu Hilfe gekommen war, dem sterbenden Srebrenica, dem in Flammen aufgehenden Mostar, und wie all die geschundenen Städte und Dörfer im zerfallenen Jugoslawien heißen. Anstatt dessen breitete sich das Feuer auf dem Kutter aus, Panik machte sich breit, das Schiff kenterte.
"Mein Freund weckte uns und sagte: ‚Hört ihr das?' Wir machten uns lustig über ihn. ‚Das sind doch nur Möwen. Geh wieder schlafen!'"
Grazia Migliosini war mit ihrem Lebensgefährten und anderen Freunden nachts aufs Meer gefahren. Es war eine ruhige Nacht, kein starker Wellengang, ein sternenklarer Himmel, eine leichte Brise. Ein Traum, doch es wurde ein Albtraum. Denn es waren nicht Möwen, die schrien, es waren die Ertrinkenden. Als Migliosini und ihre Freunde über die Planken ihres Bootes schauten, da sahen sie Hunderte Menschen. Diese schrien um Hilfe, ruderten mit den Armen, gingen vor den Augen der entsetzten Migliosini unter und tauchten nicht wieder auf. Die meisten konnten nicht schwimmen.
"Einige riefen: ‚Rettet die Kinder! Rettet die Kinder!' Doch die Kinder waren bereits tot."
Migliosini und ihre Freunde zogen 47 Menschen aus dem Wasser, dann mussten sie abdrehen, denn sonst drohte auch ihr Boot wegen Überlastung zu kentern. Über 360 Menschen ertranken.

In ihrem Buch über die Besiedlung Lampedusas hat die Ethnologin Heidrun Friese zahlreiche Dokumente zutage gefördert, die zeigen, wie die Bewohner vom ersten Moment an mit harten Bandagen um die knappen Ressourcen der Insel kämpfen, wie sie jede Chance nutzen, um den Stand der eigenen Familie zu verbessern, und wie sie den Staat umgehen, wann immer es ihnen nötig erscheint.
Es ist ein Kampf aller gegen alle. Dabei fällt immer wieder einmal das Wort camorrista – was so viel wie Mafioso bedeutet. Friese beschreibt diesen Kampf mit folgenden Worten: "Sich im fragilen Machtgefüge behaupten: Das Bild beschreibt die verwirrenden, stets wechselnden Konstellationen, in denen jeder gegen jeden zu intrigieren scheint und wohlwollende Freundschaft schnell in erbitterte Feindschaft umschlagen kann. Dieses Bild kennt man aus der Politik der Gegenwart!"
Der Machtkampf ist permanent und allgegenwärtig: "Nichts, was hier geschieht, ist ganz ohne Belang, jede Bewegung wird beobachtet, ihr Sinn dechiffriert (...) Nichts ist hier ohne Geschichte, nichts ist gänzlich privat, nichts ist den politischen Taktiken entzogen." Jeder scheint sich selbst am nächsten zu sein, jeder sucht auf der Insel zielstrebig und hartnäckig voranzukommen, ohne Rücksicht auf andere, ohne Rücksicht auf die Insel.

Diese anarchischen Zustände haben sich in den Körper der Insel sichtbar eingeschrieben. Lampedusa ist übersät mit Ferienhäusern für Touristen, die in den Sommermonaten zu Zehntausenden kommen. Die Insel ist mit Häusern überwuchert.
Offiziell hat Lampedusa 2000 Betten für Touristen, aber in Wahrheit kann die Insel bis zu 40.000 beherbergen. Nach Angaben des sizilianischen "Komitees zur urbanistischen Planung" würde die vorhandene Kubatur in Lampedusa für bis zu 70.000 Menschen reichen. Die allermeisten Häuser sind ohne Genehmigung gebaut worden. Sie sind illegal.
Der Gemeinderat hat seit den 1970er-Jahren keinen Bebauungsplan mehr verabschiedet. Ein solcher ist zwar immer wieder diskutiert worden, man hat ihn sogar ausgearbeitet, doch er blieb in den Schubladen liegen. Viel zu viele haben kein Interesse daran, viel zu viele wollen tun und lassen, was sie wollen, denn sie glauben, das sei der beste Weg voranzukommen. Das war zu Zeiten des Fregattenkapitäns Bernardo Sanvicente so, und das hat sich nicht geändert. Auf Lampedusa herrscht Gesetzlosigkeit.
Das Absurde daran ist, dass alle glauben sollen, in Lampedusa werde penibel auf Recht und Ordnung geachtet. Lampedusa ist Teil einer Grenze, die seit vielen Jahren im Rampenlicht der Öffentlichkeit steht. Wenn der Staat hier das Gesetz nicht durchsetzen kann, verliert er an Glaubwürdigkeit, nach außen hin wie auch nach innen. Darum hat er, seit die Flüchtlinge auf die Insel kommen, seine Präsenz verstärkt.
Carabinieri, Armeesoldaten, Küstenwache – sie alle sollen darauf achten, dass die Gesetze eingehalten werden; gemeint sind die Flüchtlingsgesetze. Es wird damit suggeriert, dass da draußen – wo die Flüchtlinge herkommen – die Gesetzlosigkeit herrsche, während in Lampedusa der Rechtsstaat walte.
Darin steckt auch eine Portion des europäischen Selbstverständnisses und des Überlegenheitsgefühls gegenüber den Ländern, aus denen die Flüchtlinge kommen. Es gibt wahrscheinlich gute medizinische Gründe, warum die Uniformierten im Hafen von Lampedusa die erschöpften, ausgelaugten Flüchtlinge unter Einsatz von Mundschutz und weißen Gummihandschuhen in Empfang nehmen.
Doch auf der symbolischen Ebene steht hier die Sauberkeit gegen den Schmutz, das Gesetz gegen die Gesetzlosigkeit. Dass dabei auf der Insel selbst anarchische Zustände herrschen, dass das Gesetz tausendfach gebrochen wird, ja dass man sich um das Gesetz wenig schert – das bleibt in der Regel verborgen. Das darf nicht auftauchen, das störte das Bild von den armen, verzweifelten Flüchtlingen, die nun in den Genuss der zwar strengen, aber immerhin gerechten Behandlung des Gesetzes eines aufgeklärten Rechtsstaates kommen werden.

Ulrich Ladurner in FALTER 5/2014 vom 31.01.2014 (S. 14)


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