Braunau am Ganges

von Adolf Holl

€ 17,90
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Verlag: Residenz
Genre: Belletristik/Essays, Feuilleton, Literaturkritik, Interviews
Umfang: 144 Seiten
Erscheinungsdatum: 17.02.2015


Rezension aus FALTER 11/2015

Hitler steckt uns immer noch in der Gurgel

Religionskritik: Adolf Holl legt ein fantastisches Buch über Hitler und Hindus, Religion und Gewalt vor

Der Theologe und Kirchenkritiker Adolf Holl wird heuer 85. Obwohl oder gerade weil sein Buch "Jesus in schlechter Gesellschaft" von 1971 ihm die Suspendierung vom Priesteramt einbrachte, hat er nicht aufgehört, über Religion nachzudenken und zu schreiben.
Zu seinen Lebensthemen gehört aber auch der Nationalsozialismus, der seine Kindheit und Jugend prägte. Erst als er sein Buch "Braunau am Ganges" geschrieben hatte, erzählt er im Gespräch mit dem Falter, konnte er Adolf Hitler auch aus seinen nächtlichen Träumen verbannen und sich so persönlich von dessen Schatten­existenz befreien.
Aber was hat Hitler mit Indien zu tun und Braunau mit dem Ganges?

Falter: Auf der ersten Seite Ihres Buches entsteigen Sie in Indien dem Flugzeug, sehen einen Vogel und sagen, das ist Hitler. Können Sie das genauer erklären?
Adolf Holl: Ein amerikanischer Journalist hat vor etlichen Jahren die wichtigsten Autoren über Hitler interviewt und schloss daraus, wir Westler würden mit Adolf Hitler nicht fertig. Das heißt: Unsere Suche nach dem Bösen ist erfolglos geblieben. Trotz aller westlichen Gedankenproduktion, Philosophie, Soziologie und Wirtschaftswissenschaft ist es nicht gelungen, mit dem Herrn Hitler und dem, was er angerichtet hat, in irgendeiner Weise zurechtzukommen.
 
Man kann ihn nicht einfach vergessen. Er lebt weiter, und sei es im Internet.
Holl: So ist es. Man kann ihn weder runterschlucken noch ausspucken – er steckt uns in der Gurgel. Wenn wir mit unserem Kognitionssystem nicht weiterkommen, so mein Grundgedanke, probieren wir für die Dauer der Lektüre das System der Hindus aus. Hier bräuchte Hitler ein paar Millionen Wiedergeburten, um endlich ins Nirwana zu gelangen. Das ließe selbst Hitler schrumpfen.
 
In Ihrem Buch wird Hitlers Hund Blondie als Wladimir Putin wiedergeboren. Ist das nicht frivol?
Holl: Ich muss hier einen Trick verraten. Das Buch ist einerseits sachhaltig, ich erzähle die letzten 100 Jahre der indischen Geschichte mit den Engländern. Gleichzeitig führe ich ab der ersten Seite Alleingespräche. Das habe ich vom heiligen Augustinus übernommen, von dessen "Soliloquia". Ich, der Autor, habe ein Visavis, mit dem ich spreche, und das vertritt die Hindus. Das Ganze funktioniert wie ein Theaterstück, und die Hauptperson ist ein Gott, Lord Schiwa.
 
Daneben lassen Sie Vermittler zwischen Indien und Europa wie die Esoterikpionierin Helena Blavatsky oder den Sektenführer Bhagwan auftreten, aber auch den indischen Faschisten Subhash Chandra Bose.
Holl: Ich versuche mich mit meinem Publikum in merkwürdige religiöse Gefilde zu bewegen, die auch politisch wirksam sind. Subhash Chandra Bose wäre in Indien nach dem Zweiten Weltkrieg vermutlich so wichtig geworden wie Nehru oder Gandhi, er starb aber bereits 1945. Bose kam aus Bengalen, wo es einen Tempel mit Lord Schiwa und seiner Gefährtin Kali gibt, keine sehr freundlichen Gestalten. Bose ist heute noch in indischen Tempeln zu besichtigen, und zwar mit einem Elefantenkopf. Die Inder haben kein Problem, in aller Ruhe Räucherstäbchen vor ihm anzuzünden. Wir im Westen bringen so etwas nicht mehr zusammen.
 
Wozu sollten wir? Bose ging doch eine Art Allianz mit Hitler ein!
Holl: Bose war ein gewaltbereiter Politiker, der nach dem Grundsatz vorging: Die Feinde meiner Feinde sind meine Freunde. Seine Feinde waren die Engländer, die ihn ins Gefängnis warfen, wo er Tuberkulose bekam, die er dann in Wien auskurierte. Er traf nicht nur Hitler, sondern auch Himmler. Mein Vorgehen besteht darin, reale politische Informationen langsam, aber sicher in mythologisches Reden und Schreiben zu verwandeln. Zum Beispiel, wenn ich schreibe: Lord Schiwa hatte Lust auf einen Atomkrieg.
 
Warum schreiben Sie nicht über den Islam? Das wäre doch aktueller!
Holl: Die Frage habe ich erwartet. Ich habe mich mit dem Islam ausführlich in "Der lachende Christus" von 2005 befasst. Das Land mit der lebhaftesten religiösen Realität ist heute allerdings Indien. China kann man vergessen, in Europa gibt es auch wenig lebhafte Religiosität außer Pfarrhofsjausen, Freundlichkeit, ein bisschen Feminismus und Umweltverantwortung. Für einen Schriftsteller wie mich sind das nebensächlich Dinge. Im Islam gibt es Gewalttätigkeiten, von denen wir ständig hören, und ich werde mich hüten, hier zu verallgemeinern. Aber das zähle ich nicht zu religiöser Lebhaftigkeit, es stellt eher einen Schutzschild oder eine Tarnung dar.
 
In der Mitte Ihres Buches sitzen Sie als Mitglied der Hitlerjugend auf einer Parkbank, die für Juden verboten ist. Aber man hat nicht den Eindruck, Sie würden von vergangenen Dämonen vor sich hergetrieben.
Holl: Ich habe die Warnungen aus meinem Freundeskreis zur Kenntnis genommen, mit den Gräueln des Nationalsozialismus nicht leichtfertig umzugehen. Ich weiß auch, dass bei allen Versuchen, das Unsägliche ins Erinnerungsgeschehen zu heben, auch deren Vergeblichkeit mitgemeint ist. Das Denkmal für die ermordeten Juden Europas in Berlin hat mich etwa persönlich ratlos zurückgelassen. Aber als katholischer Kaplan in den 1950er- und 1960er-Jahren hatte ich mindestens einmal im Jahr, in der Karwoche, vorzulesen: "Sein Blut komme über uns und unsere Kinder." Das ist laut Evangelium die Stimme der Juden. Diese bösartige Stelle kam 20 Jahre lang über meine Lippen, und das muss ich wissen, solange ich lebe.

Die katholische Kirche geht mittlerweile kritisch mit ihrer Rolle im Nationalsozialismus um. Im Wiener Stephansdom hängt ein Kreuz, in dessen Sockel ein Behälter mit Asche aus Auschwitz eingelassen ist.
Holl: Als junger Priester vertrat ich die Meinung, man sollte den Dom und sein defektes Dach nicht wieder renovieren, damit es den Gläubigen hie und da beim Beten auf den Kopf regnet, um also ihre Erinnerung etwas lebhafter zu gestalten – nämlich daran, dass sie möglicherweise zugeschaut haben, als die Wiener Juden mit der Zahnbürste das Trottoir säuberten. Die Grundvoraussetzung ist für mich bei allem, an das "Heil Hitler" von Kardinal Innitzer zu erinnern, der den "Anschluss" Österreichs an Hitlerdeutschland begrüßte.
 
Haben Sie tatsächlich von Hitler
geträumt?
Holl: Er kam häufig – und verriet mir einmal sogar seine Telefonnummer. Hitler hielt mich im Traum mit den sechs Zahlen seiner Nummer zum Narren. Ein anderer Traum: Im Jahr 1945, als Hitler schon nicht mehr in der besten Verfassung war, verlieh er in der Reichskanzlei einigen Pimpfen einen Orden. Er verlangte meinen Ausweis und zerriss ihn. Für mich war es ein sehr interessanter Traum, weil er mir offenbar einen neuen Namen geben wollte, wie beim Eintritt in einen Orden. Hitler hat meine alte Vergangenheit zerrissen. Das Traumgeschehen ist also religionsgeschichtlich bestens informiert.
Manchmal gibt es dort natürlich auch nur einfachen Blödsinn, der aus Tagesresten besteht. Nachdem ich "Braunau am Ganges" geschrieben hatte, ist er mir im Traum nicht mehr gekommen. Ich konnte mich also persönlich von seiner Schatten­existenz befreien.
 
Das Buch endet in Hartheim, in der oberösterreichischen Tötungsanstalt der Nazis, und das Schlusswort wird den Frauen überlassen.
Holl: Zur Frauenfrage eine Predigt zu halten missfällt mir. Aber nachdem die männliche Hälfte der Weltbevölkerung in den letzten 5000 Jahren nur das zustande brachte, was wir jetzt vor uns haben, wäre es an der Zeit, den Gedanken zu kultivieren, jetzt sollen einmal die Frauen zeigen, was sie zusammenbringen. Die Chancen werden ihnen ja zunehmend eingeräumt, sicher noch immer zu wenig, aber immerhin gibt es Frauen in hohen und höchsten politischen Positionen.
 
Abgesehen von den Philosophinnen Hannah Arendt und Simone Weil kommen in Ihrem Buch wenig sympathische Figuren vor.
Holl: Lustig, dass Sie da niemand Sympathischen finden (Holl blättert im Register, Anm.). Also bitte – Franz von Assisi ist da! Der ist mir noch immer relativ sympathisch, auch wenn er, würde er jetzt bei der Tür hereinkommen, wie ein Iltis stinken würde. Außerdem – Jesus kommt sehr oft vor. Ich gestehe, er ist mir im ganzen Register am ehesten sympathisch.
 
Über Jesus heißt es an einer Stelle ein wenig kryptisch, er dürfe "erst beim jüngsten Gericht an Zerstörung denken".
Holl: Da ich mit Jesus seit 60 Jahren sozusagen auf Du und Du bin, darf ich ihn gelegentlich am Barte zupfen, wenn er denn einen hat. Er steht mir wirklich nahe. In einer Neuauflage zu meinem Franziskus-Buch schreib ich einmal: "Und so entfernen sich die beiden Gestalten des Jesus und des Franz von Assisi von uns …" Die genau dokumentierte Biografie des Franz von Assisi füllt die Lücken in der Biografie von Jesus Christus, von dem wir in Wirklichkeit wenig wissen. Ich ließ die beiden in der Abendsonne zu einer Gestalt verschmelzen und dachte dabei an Charlie Chaplin, der mit seiner Freundin in die Sonne hineingeht. Weiter hieß es: "und die beiden verschmelzen allmählich zu einer Figur, bis diese in der untergehenden Sonne des Christentums verschwindet". Mehr kann ich dazu nicht mehr sagen.
 
Ist das Ihr Schlusswort zum Christentum? Demnächst feiern Sie ihren 85. Geburtstag. Wovon handelt Ihr nächstes Buch?
Holl: Das verrate ich nicht, das ist ein ungelegtes Ei. Aber 30 Seiten sind schon auf der Welt.

Erich Klein in FALTER 11/2015 vom 13.03.2015 (S. 32)



Rezension aus FALTER 11/2015

"In Indien würde Hitler zu einem lächerlichen Vogel zusammenschrumpfen"

Hitler und kein Ende? Die Lieblingsfrage aller europäischen Diskurse beantwortet der Wiener Theologe und Religionssoziologe Adolf Holl in seinem neuen Buch "Braunau am Ganges" gleich zu Beginn mit dem lakonischen Satz: "Das ist gut möglich." Zumindest im Internet werde der Massenmörder aus dem oberösterreichischen Braunau weiterleben. Die eigentliche Frage in Bezug auf Hitler müsse allerdings lauten: Wie wird eine säkulare Gesellschaft diese schon zu Lebzeiten und erst recht posthum sakralisierte Ungestalt namens Hitler wieder los?

Adolf Holl greift zu einem Gedankenspiel: Im Denken der Hindus mit seinen tausendfachen Wiedergeburten schrumpfe das Symbol des absolut Bösen zu einer bloßen Kreatur zusammen. In Indien würde Hitler zu einem lächerlichen Vogel. Und: "Fest steht, dass die Swastika nicht vom Nordpol auf die Hitlerfahne geflogen ist, sondern aus Indien. Die Bezeichnung des Hakenkreuzes im Sanskrit lässt an Glück und Segen denken, nicht an das Unheil Hitler. So stellt sich die Frage, ob Religion unschuldig bleiben kann." Aber Holls provokante und zugleich anarchistische Ausführungen beschränken sich nicht auf die Symbolebene. Sogleich steht die Frage nach der Schuld aller Weltreligionen im Raum.

In knapper Sprache und unterschiedlichen Genres, vom Sachtext über Traumerzählungen bis zu mythologischer Rede, werden Paralleluniversen entfaltet: Reiseeindrücke, indische Geschichte, Tagespolitik, Meldungen über Massenvergewaltigungen indischer Frauen und Hindugottheiten wirbeln durcheinander. "Ein indischer Computerspezialist geht in seinen Tempel, zündet ein Räucherstäbchen vor seiner Gottheit an und arbeitet dann weiter an seinen Programmen." Wie soll das gehen?
Antworten darauf sucht Adolf Holl einerseits in den wechselseitigen Einflüssen zwischen Indien und Europa in den letzten 150 Jahren. Seine Gewährsleute sind der Philosoph Arthur Schopenhauer, die Esoterikerin Helena Blavatsky, die britische Theosophin Annie Besant, der Religionswissenschaftler Mircea Eliade oder der faschistische Politiker Subhash Chandra Bose, aber auch zeitgenössische indische Gurus und Psychoanalytiker. Zugleich führt Holl aber auch ein intimes Gespräch mit indischen Göttern wie Lord Schiwa und dessen Begleiterin Kali, die vor keinerlei Gewalttätigkeiten zurückschrecken. Wie steht es also mit dem Bösen?, fragt er. Und: Was hat das Ganze mit dem Burnout der westlichen Kultur und deren Dauersinnsuche zu tun?

Adolf Holls Fragen sind bisweilen ebenso suggestiv wie seine Antworten: "Wozu der Hokuspokus der Brahmanen?", heißt es am Schluss. "Die Hindus verneigten sich nach dem Zähneputzen vor der aufgehenden Sonne, sofern sie auf dem Land lebten wie ihre Vorfahren. Braunau am Ganges liegt immer im Osten."
Holls Buch verlangt eine langsame, konzentrierte Lektüre, und seine Fabulierkunst grenzt immer wieder an Phantastik. Das verwundert aber auch nicht weiter, schließlich ist Adolf Holl – wie Franz Schuh einmal bemerkt hat – "einer der besten Schriftsteller Österreichs".

Erich Klein in FALTER 11/2015 vom 13.03.2015 (S. 33)


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