In den Händen der Ärzte
Ignaz Semmelweis - Pionier der Hygiene

von Anna Durnová

€ 22,90
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Verlag: Residenz
Genre: Sachbücher/Natur, Technik/Biographien, Autobiographien
Umfang: 248 Seiten
Erscheinungsdatum: 03.03.2015


Rezension aus FALTER 11/2015

Heilende Hände oder die Erfindung der Hygiene

Medizingeschichte: Anna Durnová legt eine präzise, sachliche Studie über den Arzt Ignaz Semmelweis vor

Nur Gott weiß die genaue Anzahl der unschuldigen Frauen, die durch meine Hände den Tod fanden!" Das notiert jener Mann, der als "Retter der Mütter" in die Medizingeschichte eingegangen ist. Die große Erkenntnis des Ignaz Philipp Semmelweis (1818–1865), die Bedeutung der Hygiene bei der Behandlung von Patienten, ist mittlerweile zur Selbstverständlichkeit geworden.
Mitte des 19. Jahrhunderts ­kämpfte der ungarische Arzt, der in Wien lebte und arbeitete, an mehreren Fronten um ­seinen Befund. In der Praxis konnte sich nur mit Mühe durchsetzen, dass sich ­Ärzte ihre Hände desinfizieren. ­Hygienische ­Maßnahmen galten vorwiegend dem "­Miasma", der giftigen Ausdünstung in der Luft.
In der Theorie war der Widerstand weit heftiger. Im medizinischen Diskurs wurde Semmelweis mit teilweise unseriösen Mitteln verunglimpft. Dass er selbst die Sterblichkeit unter seinen Patientinnen erhöhte, war eine der ersten statistischen Erkenntnisse der Medizingeschichte – und eine, die Semmelweis selbst erst verdauen musste.
Die Politikwissenschaftlerin Anna Durnová verzichtet darauf, die Reihe vorhandener Semmelweis-Biografien um ein Exemplar zu bereichern, und konzentriert sich auf die etwa 15 Jahre von Semmelweis' ersten Erkenntnissen als Assistenzart bis zur Veröffentlichung seines Hauptwerks im Jahr 1861. Der eingegrenzte Zeitausschnitt erlaubt Präzision: Die alltäglichen Abläufe an der Ersten Abteilung der Geburtshilfe am Wiener Krankenhaus schildert die Autorin mit nüchterner Brutalität. Ärzte wechselten vom Leichensezieren direkt zur Geburtshilfe. Dazwischen wurden die Hände gerade mal mit Seife gewaschen. Die Sterblichkeitsraten unter den Gebärenden erreichen zeitweise fast 20 Prozent.
Wie der junge Arzt den Zusammenhang zwischen "Leichengift" und Kindbettfieber an immer mehr Indizien festmacht, liest sich wie Detektivarbeit. Manchmal durchbrechen blumige Phrasen den sonst sachlichen Stil. So erfahren wir über den zweiten zentralen Wirkungsort des Arztes, dass "die Sonne der Chlorkalklösung" auch in Budapest aufgegangen sei.
Erhellender sind die sozialgeschichtlichen Zusammenhänge. Die Patientinnen an der Frauenklinik waren zum guten Teil Ausgestoßene der Gesellschaft, verarmte Frauen, Mütter unehelicher Kinder, die sich eine Geburt zu Hause nicht leisten konnten. Diese Stichprobe von Semmelweis' Untersuchungen stellt wohl einen weiteren Grund dar, warum sich seine Erkenntnisse nicht leicht durchsetzten. Seine Rolle als Pionier evidenzbasierter Medizin wird nur angedeutet und hätte etwas mehr Aufmerksamkeit vertragen.
Semmelweis' Ende wird angenehm sachlich abgehandelt. Die Autorin bleibt bei den Fakten seiner Einlieferung in die Irrenanstalt Döbling durch Kollegen und seines darauf folgenden Todes. Sie erwähnt die Spekulationen, die es um das "Verschwinden" des unbequemen Arztes gibt, redet aber keiner Verschwörungstheorie das Wort. Durnová stilisiert Semmelweis weder zum Märtyrer noch zum Querulanten. Ihr Buch stellt eine spannende Studie über einen Wendepunkt der modernen Medizin dar.

Andreas Kremla in FALTER 11/2015 vom 13.03.2015 (S. 43)


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