Bio?
Die Wahrheit über unser Essen

von Peter Laufer

€ 19,90
Lieferung in 2-7 Werktagen

Vorwort: Thomas Weber
Übersetzung: Sigrid Schmid
Übersetzung: Karin Miedler
Verlag: Residenz
Genre: Sachbücher/Natur, Technik/Natur, Gesellschaft
Umfang: 288 Seiten
Erscheinungsdatum: 24.02.2015


Rezension aus FALTER 11/2015

Bohnen aus Bolivien oder Mist und Müll

Ökologie: Zwei neue Bücher widmen sich der Nahrungsmittelproduktion, im Biobereich und in der Tierzucht

In einem Supermarkt in Oregon kauft Peter Laufer schwarze Bohnen und Walnüsse, beides mit Bio-Siegel versehen. Als der US-amerikanische Enthüllungsjournalist die Herkunftsangaben sieht, staunt er nicht schlecht. Werden im bettelarmen Bolivien schwarze Bohnen und im korrupten Kasachstan Walnüsse in biologischer Landwirtschaft angebaut? Dass die Beantwortung dieser Frage mit umfangreicheren Recherchen verbunden sein würde, dürfte Laufer klar gewesen sein.
Er versucht zunächst, von der US-Zertifizierungsbehörde nähere Auskunft zu erhalten, wo er auf ein von Bürokratie und Mitarbeitermangel geprägtes System trifft, das auf Fragen gar nicht eingestellt ist. Deswegen geht er andere Wege – in vollem Bewusstsein, dass diese nur ihm als versiertem Journalisten offenstehen.

Seine Recherchen führen ihn zu einer bolivianischen Bauernfamilie. Laufer ist überrascht, doch noch biozertifizierte Bohnen zu finden, aber noch mehr erstaunt ist der Bauer – darüber, dass jemand wegen seiner Bohnen aus den fernen USA zu ihm reist. Der Kontrast zwischen den auch für westliche Maßstäbe nicht gerade billigen Lebensmitteln und der materiellen Armut, in der Bauern in solchen Ländern leben und arbeiten, gibt zu denken. Von den teuren Preisen der Bio-Zertifizierungen profitierten nicht die Bauern – das scheint eine weltweite Konstante zu sein.
Leider ist Laufer bei seinen weiteren Recherchen weniger Erfolg beschieden. Denn je größer die Entfernungen sind und je stärker in der Landwirtschaft auf Export gesetzt wird, desto eher kann betrogen werden. Und desto geringer sind dabei auch tatsächlich die Hemmungen. Das gilt für Bio ebenso wie für den weltweiten Handel mit Lebensmitteln generell. Ein Teil des Problems besteht darin, dass die Produzenten ihre eigenen Kontrolleure bezahlen.
Laufer findet auch positive Beispiele – etwa in Österreich. Er interviewt heimische Bio-Größen wie den "Zurück zum Ursprung"-Erfinder Werner Lampert, Joachim Massani, den zurückhaltenderen Leiter des Qualitätsmanagements von Spar, den Grünen-Agrarexperten Wolfgang Pirklhuber und einen pensionierten Beamten des Gesundheitsministeriums. Dieser erklärt, ein wichtiges Prinzip der Bio-Landwirtschaft in Österreich sei, dass der ganze Hof auf Bio umstellen müsse, was laut EU-Vorschriften nicht vorgesehen ist, die deswegen für Bio-Puristen nicht glaubwürdig sind.
Eine interessante Frage stellt der Betreiber eines bekannten Bio-Hofes in Niederösterreich: "Warum ist es nicht Vorschrift, auf konventionell erzeugten Lebensmitteln den Totenkopf abzubilden, wie auf Giftfässern? Warum müssen die Biobauern für die Zertifizierung zahlen?"

Den Missständen in der konventionellen Landwirtschaft widmet sich Tanja Busse in ihrem Buch "Die Wegwerfkuh". Sie weist nach, dass die Forderung nach Effizienz, die in der Landwirtschaft in den letzten Jahrzehnten um sich gegriffen hat, ein alles andere als effizientes System zur Folge hat. Und stellt deswegen die Frage: Was ist eigentlich Effizienz? Was meinen die Vertreterinnen und Vertreter der Agrarindustrie damit, und was lassen sie dabei unberücksichtigt?
Etwa Milchkühe, die trotz einer natürlichen Lebenserwartung von 20 Jahren schon nach drei Jahren geschlachtet werden, weil sie zu einer so hohen Milchproduktion getrieben werden, dass sie davon krank werden. Immer öfter kommt es auch vor, dass trächtige Kühe geschlachtet werden, was lange ein Tabu war.
Der Grund liegt in den Preisen von Hormontests, die für zu teuer erklärt werden, obwohl sie im Vergleich zum Verlust von Kälbern eigentlich günstig wären. Ebenso wenig effizient ist es, Schweinerassen zu züchten, die mehr Ferkel werfen, als sie Zitzen haben.
Busse macht deutlich, dass ein gravierender Unterschied zwischen Mist und Müll besteht: In der Kreislaufwirtschaft traditioneller Höfe fällt Mist an, der verwertet werden kann, wohingegen in der konventionellen Landwirtschaft viel unbrauchbarer Müll produziert wird. Zu Müll, Ausschuss, Abfall deklariert werden auch viele Nutztiere, schwächere Individuen der sogenannten "Hochleistungsrassen".
Busse konzentriert sich auf Deutschland, aber ihre Analysen sind für die gesamte konventionelle Landwirtschaft gültig. Ein großes Problem stellt die zunehmende Abhängigkeit der oft verschuldeten Landwirte von wenigen großen Konzernen dar, die nicht nur Saatgut, Dünger und Pestizide herstellen. In der Geflügelmast verkaufen Konzerne Küken, Futter und Medikamente an die Landwirte und nehmen ihnen die schlachtreifen Hühner ab. Die Preise bestimmen die Konzerne. Das Risiko und die Aufzuchtskosten tragen die Bauern.

Es sei etwa notwendig, schwache Ferkel sofort zu töten, anstatt sie wie früher oft üblich hochzupäppeln, wird Bauern eingeredet. Das führt zu einer voranschreitenden Verrohung, prangert Busse an. Ihr Buch macht deutlich, wie sehr der neoliberale Wegwerf- und Schnell-schnell-Gedanke Menschen, Tiere und Landschaft zunehmend ruiniert. Der allgemeine Burnout, verstanden als die Erschöpfung von Landschaften, Böden, Tieren und Menschen, ist systembedingt.
Zu Busses Quellen zählen die zahlreichen Bauern, die aus diesem System ausgestiegen sind. Sie sind es auch, die der Autorin Anlass zu Hoffnung geben. Auch die Tatsache, dass sich von Konsumentenseite immer mehr Widerstand regt, ist für Busse ein Zeichen dafür, dass es so in der Landwirtschaft nicht weitergehen kann.

Karin Chladek in FALTER 11/2015 vom 13.03.2015 (S. 38)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
Warenkorb anzeigen