Thomas Bernhard
Eine Biografie

von Manfred Mittermayer

€ 28,00
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Verlag: Residenz
Genre: Sachbücher/Kunst, Literatur/Biographien, Autobiographien
Umfang: 456 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.10.2015


Rezension aus FALTER 41/2015

Sachlich bis zur Selbstverleugnung

Der Germanist Manfred Mittermayer legt eine ebenso genaue wie distanzierte Thomas-Bernhard-Biografie vor

Aufgeregt hat er sich wie kein Zweiter, und wenn es einmal wieder so weit war, konnte man das Beben bis weit entfernt von seinem oberösterreichischen Vierkanthof spüren. Er war ein verbaler Kraftlackel, der keinen Streit ausließ, aber wenn es um ihn selbst ging, empfindsam wie eine Mimose. Mit Journalisten redete er kaum, umso häufiger schrieben sie über ihn. Er gab den misanthropischen Einzelgänger und lebte doch in einem Geflecht fester Beziehungen: zunächst zu seinem Großvater, dann zu seiner mütterlichen Freundin, die er seinen „Lebensmenschen“ nannte. Über sie knüpfte er neue Freundschaften, bevorzugt aus besten Kreisen. Als er aber Erfolg hatte und genug Geld, sich ein Haus nach dem anderen zu kaufen, wurde ihm ein Makler zum engsten Vertrauten in allen Fragen des Lebens.
Thomas Bernhard, mittlerweile ein Klassiker der Weltliteratur, könnte selbst als literarische Erfindung durchgehen. Aber er war eben eine reale Person, und nun hat sich der Salzburger Germanist Manfred Mittermayer darangemacht, ihm eine große Biografie zu widmen. Es ist nicht die erste, aber die bisher umfangreichste, die außerdem auf der genauen Kenntnis des Nachlasses beruht: Kaum ein anderer hat Bernhard so lange und intensiv erforscht wie Mittermayer, der auch zu den Herausgebern der eben abgeschlossenen kommentierten Werkausgabe zählt.

Die Zeit war reif für solch ein Standardwerk, und doch mag man den Autor um seine Arbeit nicht immer beneiden. Denn auch ein enthusiastischer Bernhard-Leser muss sich irgendwann einmal eingestehen, dass dieser Mann nicht nur schwierig, sondern regelrecht unsympathisch war: rücksichtslos, egoistisch, gierig, nachtragend. Das muss man als Biograf erst einmal aushalten. Die Außenwelt sollte von seinem Privatleben nichts erfahren, in den fünf schmalen autobiografischen Bänden stellte Bernhard sein Leben bis zu den frühen Erwachsenenjahren aus seiner ganz speziellen Sicht dar. Die testamentarischen Verfügungen über den Umgang mit seinem Nachlass und die davon abweichenden Regeln, die seine Erben durchgesetzt haben, durchblicken vermutlich nur ein paar Spezialisten.
Mittermayer entzieht sich all diesem Ungemach, indem er die größte denkbare Distanz einnimmt. Sein Ton ist kühl und sachlich, jede Behauptung wird präzise belegt. Er profitiert von den Kenntnissen, die er sich (zusammen mit Kollegen) bei der Arbeit an der Werkausgabe angeeignet hat. Wirklich neue Erkenntnisse wird man in der Biografie also kaum finden, was überhaupt nicht als Vorwurf gemeint ist: Werden doch die wenigsten Bernhard-Leser die 22 Bände der Werkausgabe im Regal stehen haben. Auch ihnen ist nun also verfügbar, was in den letzten Jahren aus dem Nachlass, aus dem Archiv des Suhrkamp-Verlags und aus Augenzeugenberichten über die biografischen Voraussetzungen von Bernhards Schreiben bekannt wurde.

Leben und Werk nehmen bei Mittermayer fast den gleichen Raum ein. Entstehungsumstände der Prosa und der Stücke, Inhaltsangaben, Rezeption, dazu die großen interpretatorischen Linien, denen die Sekundärliteratur der letzten Jahrzehnte folgt: Bisweilen liest sich diese Biografie wie ein Handbuch. Wer sich ein bisschen mit Bernhard auskennt, wird manche dieser Passagen etwas schneller lesen, um dann dort wieder einzuhalten, wo die biografische Recherche neue Einblicke in Bernhards Arbeitsweise ermöglicht.
Das betrifft insbesondere die frühen Jahre, den Stoff der Autobiografie. 1931 vaterlos in ärmliche Verhältnisse geboren, die Kindheit unter dem Eindruck von Nationalsozialismus und Krieg, mit 18 Jahren schwer erkrankt und eigentlich bis ans Ende seines Lebens nie mehr richtig gesund: Die virtuose Wut, mit der Bernhard seine Erinnerungen an diese schwarzen Jahre aufgeschrieben hat, ließ auch seine entschiedensten Kritiker nicht kalt. Dass es der Dichter dabei mit den Tatsachen nicht immer ganz genau nahm, ist freilich niemandem entgangen.
Mittermayers akribische Darstellung der Zeit bis zum literarischen Durchbruch zeichnet ein detailreiches Bild der Salzburger Provinz, die fürchterlich lange gebraucht hat, um von den nationalsozialistischen Jahren Abstand zu gewinnen, führt dann aber auch vor, wie Bernhard durch Verfremdungen, Erfindungen, Auslassungen und (naturgemäß!) Übertreibungen jenes Bild der Nachkriegsjahre verfertigt hat, das den Ruf Salzburgs – zumindest in liberalen Kreisen – für einige Jahre erst einmal gründlich ruiniert hat.

Die fünf Erinnerungsbände setzen eine Zäsur in Bernhards Werk. In den folgenden Romanen (also ab „Beton“, 1980) spielen autobiografische Versatzstücke eine immer größere Rolle, im Skandal um „Holzfällen“ (1984), als sich ein früherer Weggefährte Bernhards als Romanfigur verächtlich dargestellt sah, mit massiven juristischen Konsequenzen. Dass Mittermayer diese Hintergründe ausleuchtet, werden ihm viele Leser danken: aus indiskreter Neugier, gewiss, aber auch, weil dieses Wissen Bernhards Prosa in einem anderen Licht erscheinen lässt.
„Holzfällen“ gilt laut Mittermayer als Bernhards stärkster Text. Ob er sich dieser Einschätzung anschließt, bleibt sein Geheimnis, wie es überhaupt ein ­bewundernswertes Kunststück ist, sich als Biograf über mehr als 400 Seiten mit einem Autor zu beschäftigen, ohne eine einzige Bewertung abzugeben oder auch nur ­irgendeine Regung zu zeigen. Aber vielleicht kann man nur so eine Studie über Bernhard und alles, was mit Bernhard zusam­menhängt, tatsächlich zu Ende bringen: ­indem man, wie es der Meister von sich selbst behauptet hat, konsequent in die entgegengesetzte Richtung geht.

Tobias Heyl in FALTER 41/2015 vom 09.10.2015 (S. 25)


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