Reportagen aus dem Reichsrat 1898/1899

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Kurzbeschreibung des Verlags:

Von 1897 bis 1899 lebte Mark Twain in Wien und tauchte dabei nicht nur in das kulturelle und gesellschaftliche Leben der Donaumetropole ein, er nahm sich als wacher Beobachter seiner Zeit auch der politischen Themen an. Seine Besuche im Parlament am Ring inspirierten ihn zu zwei Reportagen, die bis heute nichts an Aktualität eingebüßt haben: Es ist die Zeit der nationalen Spannungen, die slawischen Völker fordern energisch mehr Rechte, was von den deutschsprachigen Eliten brüsk zurückgewiesen wird. Im Abgeordnetenhaus gehen die Wogen hoch. Mark Twains Berichte liefern ein anschauliches Bild dieser Tage, die den Untergang der Donaumonarchie einläuteten. Begleitet wird die Edition durch ein besonderes Hörbuch: Hermann Beil liest Mark Twains Reportagen über das Hohe Haus.

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FALTER-Rezension

Mark Twain aus dem Parlament

Es ist ohne Zweifel das Buch der Stunde zum Wiederlesen für alle, die das wiedereröffnete Parlament schon gesehen haben oder noch sehen wollen: Von 1897 bis 1899 lebte Mark Twain in Wien und beobachtete den Untergang der Donaumonarchie -auch im Reichsrat. Seine Besuche im Parlament am Ring inspirierten ihn zu zwei Reportagen, die bis heute nichts an Aktualität eingebüßt haben.

Barbaba Tóth in Falter 3/2023 vom 20.01.2023 (S. 23)


Kein Ausgleich in Wien, keine Einheit an der Donau

Mark Twain schildert, wie die Reformunwilligkeit der Habsburger Eliten die Donaumonarchie auseinandergerissen hat

Geschichte wiederholt sich nicht, aber manchmal reimt sie sich. ­Diese ­Worte werden Mark Twain ­zugeschrieben und sie passen gut zu seinen „­Reportagen aus dem Reichsrat“. Twains ­Beiträge in dem Buch datieren aus dem Jahr 1897 und behandeln hauptsächlich eine mehrtägige Sitzung des Parlaments der ­Habsburger-Monarchie – ­eines Reichs mit rund 50 Millionen ­Einwohnern „vieler Nationen, ­Nationalitäten und Nationalitätensplitter“ (Karl-Markus Gauß).
Historiker und Politiker vergleichen die k.u.k. Monarchie heute mit der Europäischen Union und sehen im Habsburger-Reich eine Art Vorgänger. ­Gewisse Parallelen sind offensichtlich: So müht sich auch in der EU eine Vielzahl unterschiedlichster Nationen, durch Ausgleich von Macht und Interessen eine Form von Einheit zu schaffen. So halten Twains ­Beobachtungen aus dem 19. Jahrhundert für das Projekt der Union ein paar Lektionen bereit.
Twain war 1897 nicht irgendwer, sondern der berühmteste US-amerikanische Schriftsteller. Wenig bekannt ist, dass Twain­ neun Jahre seines Lebens in Europa verbrachte und sich vom September 1897 bis Mai 1899 in Wien aufhielt. ­Twain schilderte für sein Publikum in den USA Beobachtungen und Wirren auf dem „Flickenteppich und zugleich Rummelplatz Europas“, wie er Österreich-Ungarn nannte. Twain, der sich selbst einen „großen Übertreiber“ nannte, schreibt in dem Werk mit freundlichem Spott über den Reichsrat des Habsburger-Staates: „Während andere gesetzgebende Körperschaften vor allem mit dem Kopf arbeiten, tut es die österreichische vor allem mit dem Herzen.“

Mit diesem Bonmot spielte er darauf an, dass die Abgeordneten des Reichsrates neben ihrer politischen Zugehörigkeit auch entlang ihrer nationalen Zugehörigkeit gruppiert waren – was die parlamentarische Arbeit massiv verkomplizierte, weil sich ­inhaltliche und nationale Fragen zu einem Knoten verknäulten. Folgt man Twain, dann hätte dieser Knoten aber entwirrt werden können. Für den Druck, aufgebaut durch das Zusammenspiel von notorischem Reformstau und der an Bedeutung gewinnenden Nationalitätenfrage, hätte sich durchaus ein Ventil angeboten: der Verzicht der Krone (und der mit ihr verbündeten Gruppen) auf zumindest einen Teil ihrer Privilegien.
So gab es 1897 etwa ein Wahlrecht, das Großgrundbesitzer enorm bevorteilte. Frage man auf der Straße, notierte Twain, wieso das Wahlrecht solcherart beschaffen sei, so höre man: „Offenkundig war eine Verfassung beabsichtigt, die dem Volk möglichst wenig Mitsprache bei seinen eigenen Angelegenheiten einräumt und die weit reichenden Vorrechte der Krone möglichst uneingeschränkt bewahrt; und so, wie sich die Verfassung in der Praxis auswirkt, wird deutlich, dass dieses Ziel erreicht wurde.“
Eine Stärkung der Einheit der Donaumonarchie wurde durch diese Politik jedenfalls versäumt. Dabei wäre diese stärkere Einheit durchaus möglich gewesen, analysierte Twain weiter, „wären nur genügend Konjunktive in die Tat umgesetzt worden: Hätte die Krone ihre mündlichen Zusagen wahr gemacht (zu welchen sie unter widrigen Umständen bereit gewesen war); hätte sie die schriftlichen Zusagen in der bestehenden Verfassung erfüllt; hätte sie nicht nur eine kleine Minderheit ins Vertrauen gezogen, sondern die gesamte Nation, und überall eine faire und vernünftige Aufteilung des Wahlrechts gewährt.“
Herrscher und Besitzende zeigten sich in der Machtfrage aber weitestgehend reform­unwillig: auf Kosten des Zusammenhalts im Reich. Die Zentrifugalkraft im Staat wurde stärker, entfernte die Nationen voneinander und im Parlament in Wien ging damit auch ein Anstieg nationalistischer und antisemitischer Agitation einher. Aus ­Twains Erfahrungen im Reichsrat kann Europa heute dreierlei lernen: Zu großer Unwille bei der Reform der Macht- und Mitbestimmungsfrage, zwischen den Nationen wie auch in ihnen selbst, rächt sich. Einheit funktioniert nicht ohne ein Grundgefühl von Gerechtigkeit. Und nicht das Insistieren auf ererbte Privilegien erhält Staaten und Gemeinwesen, sondern Kompromisse und die Bereitschaft zum Ausgleich.

Wolfgang Zwander in Falter 43/2017 vom 27.10.2017 (S. 20)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783701734276
Erscheinungsdatum 01.10.2017
Umfang 176 Seiten
Genre Sachbücher/Geschichte
Format Hardcover
Verlag Residenz
Übersetzung Csuss Jacqueline
Gelesen von Hermann Beil
Übersetzung Parlamentsdirektion, Richter Werner

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