Der Preis der Macht
Österreichische Politikerinnen blicken zurück

von Lou Lorenz-Dittlbacher

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Verlag: Residenz
Format: Hardcover
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Biographien, Autobiographien
Umfang: 276 Seiten
Erscheinungsdatum: 18.09.2018


Rezension aus FALTER 44/2018

Vom „Burschi“, das irrte, und gefühlten Entmannungen

Lou Lorenz-Dittlbachers Buch über Frauen, die sich an die Macht kämpften, lässt Zeitgeschichte hinter den Kulissen erleben

Diesmal soll es gelingen, ist Maria Rauch-Kallat entschlossen: Es ist der zweite Anlauf der langgedienten ÖVP-Politikerin, die „Töchter“ in den offiziellen Text der Bundeshymne zu reklamieren. Als ihr Klubobmann, Karlheinz Kopf, davon Wind bekommt, schickt er einen männlichen Abgeordneten nach dem anderen ans Rednerpult – er glaubt, wenn die Männer die Redezeit aufbrauchen, kann er verhindern, dass Rauch-Kallat den Antrag einbringt. „Ich dachte nur: ,Burschi, da irrst du dich‘“, erzählt Rauch-Kallat. Er hat sich geirrt.

Reif für eine Frau an der Spitze?

Als „ZiB 2“-Anchorwoman Lou Lorenz-Dittlbacher in der Nacht vor den US-Präsidentenwahlen ihre damals sechsjährige Tochter zu Bett brachte, dachte sie: Am nächsten Tag in der Früh würde sie ihr sagen können, „dass eine Frau im Jahr 2016 alles erreichen kann“. Sogar das Weiße Haus erobern. Doch im Morgengrauen war klar: Das Rennen hatte ein Mann gemacht, der unter anderem mit frauenfeindlichen Aussagen aufgefallen war. Da fragte sich die Journalistin: Wie sieht das eigentlich für meine eigene Tochter aus? Kann sie zumindest theoretisch alles werden, ist Österreich bereit für eine Frau an der Spitze? Also bat sie für ihr Buch „Der Preis der Macht“ frühere Spitzenpolitikerinnen aus allen politischen Lagern zum Gespräch, von Österreichs erster Vizekanzlerin, Susanne Riess, über die ÖVP-Präsidentschaftskandidatin Benita Ferrero-Waldner bis zur ehemaligen grünen Spitzenkandidatin Ulrike Lunacek.

Die große Stärke des Buchs: Die Interviewten gewähren ebenso offene wie reflektierte Einblicke in ihre Lebensläufe. Hier lässt sich Zeitgeschichte hinter den Kulissen erleben. Man blickt der vierjährigen Rauch-Kallat über die Schulter, wie sie als Wirtshaustochter schnapsen lernt („das hat mir in meiner politischen Karriere unglaublich geholfen“) und als junge Politikerin einem Kollegen sagen muss: „Nimm die Hand von meinem Busen.“ Man erfährt, dass die designierte Europastaatssekretärin Brigitte Ederer (SPÖ) nicht nur öffentlich angezweifelt wurde: „Man hat gefragt, was ihn (Kanzler Franz Vranitzky, Anm.) dazu treibe, so eine wichtige Frage einer Frau zu übergeben“ – auch ihre eigene Mutter verstand das nicht. Man liest, wie Heide Schmidt, spätere Gründerin des Liberalen Forums, und Susanne Riess-Passer, wie sie damals hieß, dagegen kämpften, immer bloß als Jörg Haiders Marionetten zu gelten.

Gemeinsam ist allen die Erfahrung, wie sehr Männer sie klein zu halten versuchten. Sogar Wohlgesonnene: Obwohl Alois Mock Ederer für ihren Einsatz schätzte (unvergessen sein Bussi vor laufender Kamera), bezeichnete er sie als „Maskottchen“ der EU-Verhandlungen. Andere lassen körperliche Distanz vermissen, reiten auf äußeren Attributen herum (Ederers angebliche „Piepsstimme“) oder werfen Frauen das angeblich typische Gefühlige vor („Landesmutti“ Waltraud Klasnic). Auch dass Klasnic erst in letzter Minute gefragt wurde, ob sie „es macht“, nachdem Gerhard Hirschmann als Landeshauptmann abgesagt hatte, ist kein Einzelfall. Ebenso lesen wir, wie Männer bis ins Absurde gefühlsgeleitet agieren: Die Aussicht, „Landeshauptfraustellvertreter“ (an der Seite von Gabi Burgstaller) genannt zu werden, sei für viele „fast einer Entmannung“ gleichgekommen.

Gewaltiger Kraftaufwand

„Viele“, schließt die Autorin, „mussten weit mehr kämpfen und sich beweisen, als man das aus der Außensicht beurteilen konnte.“ Ganz an die Spitze des Staates hat es keine dieser Frauen geschafft. Und doch haben sie, unter gewaltigem Kraftaufwand, die Grenzen des Möglichen weit verschoben. Die Generation von Lou Lorenz-Dittlbachers Tochter hat also eine Chance.

Gerlinde Pölsler in FALTER 44/2018 vom 02.11.2018 (S. 17)


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