Knödel in allen Variationen

von Martin Sieberer

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Tyrolia
Erscheinungsdatum: 01.09.2008

Rezension aus FALTER 42/2008

Anschwellender Kochbuchstrom

Der Strom der Bücher schwillt an, und der kleine Nebenfluss der Kochbücher trocknet keinesfalls aus. Im Gegenteil: Essen, Kochen, zumindest das Lesen darüber, möglicherweise das Besitzen von Büchern, gewiss aber die Produktion von Büchern zu diesem Thema wird zu einer nicht abebbenden Mode. Die Bücher werden schöner, fantasievoller, besser und vielfältiger. Das hundertste Kochbuch des vierhundertsten Spitzenkochs braucht man nicht so unbedingt, aber "Kochen mit der Bibel", das hat möglicherweise was.
Drei Trends greifen wir aus der Fülle heraus: erstens die Grundsatzwerke, mit Interesse am Physikalischen, Bäckerischen und am Kulinarischen überhaupt, ja sogar am Biblischen! Zweitens den anhaltenden, wenn nicht stärker werdenden Trend zu Asiatischem, zu Fusion-Küche, Fernöstlichem. Drittens, ebenfalls anhaltend bis zunehmend: den Trend zum Regionalen.

1. Vom Lexikon zum Molekül
Die Schweiz ist ein Land, in dem man bestens isst. Das hat zu tun mit der Konjunktur, mit einem von keinem Krieg unterbrochenen Wohlstand, mit der zentralen europäischen Lage und einer Mischung aus vier Kulturen. Es hatte aber auch mit Leuten zu tun, die diese kulinarische Kultur prägten. Die Hausfrauenküche ist nur ein Spiegel des allgemeinen gastronomischen Niveaus. Namen wie Betty Bossi oder Marianne Kaltenbach sind damit verknüpft. Letztere wird uns nun mit zwei Neuerscheinungen nahegebracht. Einmal mit einem biografischen Porträt ("Die Kaltenbach"), in dem der österreichische Journalist Christian Seiler liebevoll nachzeichnet, wie aus der Bankierstochter über private Zufälligkeiten die einflussreichste Rezeptautorin der Schweiz wurde. Zugleich bringt der Echtzeit Verlag – übrigens erst vor zwei Jahren von einem Journalisten und zwei ehemaligen Weltwoche-Art-Direktoren gegründet – eines der Standardwerke von Marianne Kaltenbach heraus, das zu ihren Lebzeiten nie erschienen ist. Sie hatte zwar die Rezepte dafür gesammelt, es aber selbst, anders als ihre Bestseller "Aus Schweizer Küchen" und "Aus Italiens Küchen", nie publizieren können. Klassische Rezepte, präzise aufgeschrieben, für die Praxis zuhause geeignet.
Richard Bertinet, ein französischer Spitzenkoch und Bäcker, richtete in Bath in Süd­england eine Back- und Kochschule ein: "The Bertinet Kitchen" bietet ein Vielzahl von ernsthaften Kursen in Brotbacken und anderen kulinarischen Sparten. "French Breads" kann zum Beispiel nur buchen, wer schon "Bread 1" oder "Bread 2" belegt hatte. No-nonsense with Mr. Bertinet! Sein neues Buch "Brot und Gebäck für Genießer" lehrt in vielen Detailfotos, wie man selber ein Brot backen kann, das höheren kulinarischen Ansprüchen genügt, und wie man den eigenen Ofen dafür adaptieren kann. Der Brotbackboom ist in angelsächsischen Ländern stärker entwickelt als bei uns und wird dort von französischen Bäckern beflügelt. Wer in New York oder sonst wo kulinarisch etwas auf sich hält, setzt seinen eigenen Grundteig an oder redet zumindest drüber. Dieses Buch hilft dem Brottrendbewussten in beiden Fällen.

Grundsätzliches Interesse an Kochen hat in letzter Zeit auch zwei ganz andere Formen angenommen. Einerseits gibt es schon länger ein grundsätzliches Interesse an physikalischen Vorgängen. Der französische Physiker Hervé This ist hier der Vorläufer. In Werner Gruber ("Die Genussformel") hat er einen österreichischen Nachläufer gefunden; mit Witz und Ironie beleuchtet der akademisch-physikalische Koch bekannte Fragen wie die, warum das Fleisch in der Pfanne gern kleiner wird, wenn man es brät. Stilistisch nicht immer so brillant, wie der Autor es gerne hätte, bringt das Buch doch unterhaltsame Aufklärung.

Hier Physik, da Molekularküche. Ferran Adrià ist jener Name, mit dem selbst weniger Kochinteressierte eines verbinden: die Revolution der Küche, die eben unter dem Stichwort "Molekulare Küche" läuft. Der spanische Koch kreiert kulinarische Erlebnisse im Labor, nachvollziehen kann sie in seinem Restaurant nur, wer sich Jahre vorher einen Termin zuweisen lässt. Brauchbare Anleitungen bieten seine teuren Kochbücher eher nicht; hier springt dieses Büchlein in die Bresche. Wem der Sinn nach Zuckerwattewolken steht, nach Grünteenudeln, Safran-Air, lauwarmem Spinatgelee und dergleichen, der ist hier richtig.

Grundsätzlicher geht es nicht. "Kochen mit der Bibel" nimmt seine Sache ernst. Exegetisch genau werden Textstellen aus dem Alten und dem Neuen Testament erklärt, dazu gibt es den historischen Hintergrund. Passende Gemälde machen das insgesamt wunderschön gemachte und ausgestattete Buch zu einer wirklichen Bereicherung des Kochbuchregals. Die Rezepte scheinen manchmal für Anfänger etwas rätselhaft (wie der Freundschaftskuchen, dessen Teig man acht Tage gehen lässt), aber immerhin bedenkenswert. Manche wirken durchaus lohnend. Selbst wenn man sie nicht nachkocht, lässt einen das Buch belehrt und erfreut zurück.

2. Von Ayurveda bis Wagamama
Sehr zivilisiert kommt die ayurvedische Kochkunst daher. Wer einmal in Indien eine Ayurvedatherapie gemacht hat, weiß, dass indisches Essen mit ayurvedischer Mäßigung nun ja, sagen wir einmal, nicht gerade aufregend schmeckt. In einem kleinen Ort im Moseltal gelegen, bietet das Hotel Parkschlösschen Ayurvedakuren an; die Küche muss die gehobenen Bedürfnisse eines europäischen Publikums befriedigen und zugleich den Prinzipien von Ayurveda (was auf Indisch soviel bedeutet wie Lebenskunst) genügen. Soll heißen, sie hat den in Doshas (Typen) eingeteilten Essern das Entsprechende zuzuführen. Neben praktikablen Rezepten bietet "Ayurvedische Kochkunst" auch eine Einführung in diese Typenlehre, also in Ayurveda insgesamt. Dabei bleibt das ganze nachkochbar, lebenskünstlerische Hausmannskost sozusagen.

Unzweifelhaft schick kommt hingegen "Der Geschmack Vietnams" daher. Ursprünglich in Terence Conrans Londoner Verlag erschienen, zeigt es die Ästhetik von dessen Produkten wie etwa dem Fressführer "Eating London" sowie von Conrans Lokalen und Designprodukten. Der Autor passt in dieser Hinsicht zum Konzept. Der stilbewusste Konsument schaut ja dem Koch in die Augen bzw. auf Frisur und Gewand, ehe er auf den Teller schaut. Koch Bobby Chinn ist halb Ägypter, halb Chinese, geboren in Neuseeland, aufgewachsen in Europa und zuhause in San Francisco, führt aber ein Restaurant in Hanoi. Tatsächlich bekommt man in seinem Buch nicht nur einen Einblick in Vietnams Küche, sondern auch einen Hauch vietnamesischen Lebensgefühls, gesehen durch die Brille internationaler Stylishness.
Ebenfalls einem Trend entspricht "Das Wagamama-Kochbuch". Wagamama? Das ist eine in London entstandene Kette, ein Gastronomie-Konzept. Was treibt Leute dazu, sich so zu ernähren, wie es ihnen eine – und sei es noch so schicke – Systemgas­tronomie, anbietet? Man bestellt dort nach Nummern und bezahlt dafür nicht allzu viel. Das Buch verspricht, mit wenigen frischen Zutaten schnell ein schmackhaftes Resultat zuwege zu bringen. Gekocht wird mit dem Wok, die Richtung ist japanisch, die Fotos sind hübsch; warum es allerdings Restaurantfotos zur Animation braucht, soll mir einer erklären. Außer, es handelt sich nicht um ein Kochbuch, sondern um Werbung für ein Food-Konzept.

Unprätentiös und klassisch, aber umso beeindruckender kommt "Thai-Küche" daher. Dieses Buch vermittelt kein Lebensgefühl, sondern grundsolide Informationen über eine Küche, nämlich die thailändische. Das tut es äußerst sorgfältig und gut illustriert, mit reichlich Informationen über Land und Leute, Regionen und Tischsitten, Religion und Feste. Eine ausführliche Warenkunde hilft dem interessierten Koch wirklich weiter, zumal sie entsprechend bebildert ist – so findet man sich auf dem Markt und im Asia-Shop zurecht. Dieses Buch kann ich wirklich jedem empfehlen, der thailändisch kochen möchte oder sich nur dafür interessiert. Ein No-nonsense-Buch, wie es fast nur Angelsachsen zusammenbringen. Und günstig auch noch!

3. Knödel, Schnitzel, Chorizo
Das Waldviertel ist eine Region voller Naturschönheiten und Kulturdenkmäler, aber arm an Kultur. Daran ändern die vielen ehrenwerten Bestrebungen, das zu verbessern, wenig. Kultur kann man nicht in ein paar Jahrzehnten verordnen, die muss jahrhundertelang wachsen. Deswegen gibt es natürlich keine wirkliche Waldviertler Küche, das weitgehende Fehlen von Kulinarik gehört zu den Grunddefiziten dieses wunderbaren Landstrichs. Solche Schwächen merkt man natürlich dem "Waldviertel-Kochbuch" an, das dennoch Regionales sammelt und appetitlich präsentiert.

Eine unwahrscheinliche Waldviertler Erfolgsstory legt Johannes Gutmanns Buch "Auf der Sonnenseite" dar. Gutmann gründete und leitet die Kräuter- und Gewürzfirma Sonnentor. In diesem Buch schildert er seine Erfolgsstory, die auch jene seine bäuerlichen Produzentenpartner ist. Das kommt frisch und modern aufgemacht daher. Bei den Rezepten verzichtet man bewusst auf Regionales und schweift aus – von Asiatischem bis zu Äthiopischem, Hauptsache gut gewürzt.
"dreimahl" ist so was von überhaupt nicht regional, außer dass seine Autorin Vorarlbergerin ist und ihren Dialekt für Kapitelüberschriften einsetzt, die allerdings nicht immer dem linguistischen Alemannisch-Härtetest standhalten: "z'guate alte ländlekalb" ist natürlich nicht das "z'guate" (zugute), sondern "s'guate" (das gute). Nebbich. Die Rezepte bringen klassische moderne Fusionküche und sind witzig dazu, also absolut überregional, aber durchaus anregend. Ein paar der superpfiffigen Fotos hätte sich der Verlag durchaus schenken können. Die Originalität der Amann'schen Küche überzeugt auch so.

Jeder aufgescheuchten Trendiness unverdächtig ist Ewald Plachutta, Wiens erfolgreicher Rindfleischkoch, ein Mann, der mit der Wiederbelebung der Wiener Rindfleischkultur ein Vermögen machte. Man ist versucht zu sagen, dass das oft gesuchte Bürgerliche in Wien weder in Politik, Wirtschaft noch in der Kultur zu finden ist, sondern lediglich in der Wiener Küche. Von Apfelkren bis Zwiebelrostbraten und zum unerlässlichen Wiener Schnitzel – Ewald Plachutta dekliniert in "Meine Wiener Küche" Gutbürgerliches durch. Nicht schick, aber rund und nahrhaft wie eine gute Rindssuppe.

Dieses Buch ist eine runde Sache: Es bringt "Knödel in allen Variationen". Martin Sieberer ist ein Tiroler Meisterkoch, dessen Bücher hier schon das eine oder andere Mal gewürdigt wurden. Dieses Knödelbrevier, verfasst mit einer Kollegin und zwei Kollegen, ist brauchbar und österreichisch, also durchaus für den Regionaltrend qualifiziert. Kleines Manko: Der Sponsor, eine Tiroler Brauerei, hat sich auf jeder Seite hineinreklamiert – manchmal passt Bier zu den Rezepten, manchmal aber wirkt das aufdringlich.

Ein Monument der spanischen Kochkunst ist ein Buch mit dem schlichten Titel "1080 Rezepte". Der Verlag nennt es, gewiss nicht zu Unrecht, die "Bibel der echten spanischen Küche". An den hier dargebotenen Rezepten werden sich die Gegner Ferran Adriàs aufmunitionieren können. Hier findet man – zusammengestellt von Mutter und Tochter, beide Rezeptautorinnen, Erstere seit 50 Jahren (!) –, keine sphärisierten Rosenwassermurmeln und keine Anchoviswassergelatine. Hier gibt's Eintöpfe und Suppen, Wild und Innereien, Frittiertes und Souff­liertes. Hier geht's um die Wurst, pardon, um die Chorizo, und die kommt schon einmal in ihrer deftigstmöglichen Form daher, mit Kartoffeln und Speck. Sollte man im Regal haben. Wird man brauchen können.

Armin Thurnher in FALTER 42/2008 vom 17.10.2008 (S. 52)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

1080 Rezepte
Molekulare Küche (Rolf Caviezel)
Kochen mit der Bibel (Anthony F. Chiffolo, Rayner W. jun. Hesse)
Auf der Sonnenseite (Johannes Gutmann)
dreimahl (Denise Amann, Andrew Rinkhy)
Plachutta - Meine Wiener Küche (Ewald Plachutta, Mario Plachutta)
Ayurvedische Kochkunst (Eckehard Fischer)
Der Geschmack Vietnams (Bobby Chinn)
Thai-Küche
Das Wagamama Kochbuch (Hugo Arnold)
Brot und Gebäck für Genießer (Richard Bertinet)
Die Genussformel
Das Waldviertel Kochbuch (Inge Krenn, Rupert Schnait)
Aus Frankreichs Küchen (Marianne Kaltenbach)
Die Kaltenbach (Leandra Graf, Christian Seiler)

Rezension aus FALTER 42/2008

Anschwellender Kochbuchstrom

Die Schweiz ist ein Land, in dem man bestens isst. Das hat zu tun mit der Konjunktur, mit einem von keinem Krieg unterbrochenen Wohlstand, mit der zentralen europäischen Lage und einer Mischung aus vier Kulturen. Es hatte aber auch mit Leuten zu tun, die diese kulinarische Kultur prägten. Die Hausfrauenküche ist nur ein Spiegel des allgemeinen gastronomischen Niveaus. Namen wie Betty Bossi oder Marianne Kaltenbach sind damit verknüpft. Letztere wird uns nun mit zwei Neuerscheinungen nahegebracht. Einmal mit einem biografischen Porträt ("Die Kaltenbach"), in dem der österreichische Journalist Christian Seiler liebevoll nachzeichnet, wie aus der Bankierstochter über private Zufälligkeiten die einflussreichste Rezeptautorin der Schweiz wurde. Zugleich bringt der Echtzeit Verlag – übrigens erst vor zwei Jahren von einem Journalisten und zwei ehemaligen Weltwoche-Art-Direktoren gegründet – eines der Standardwerke von Marianne Kaltenbach heraus, das zu ihren Lebzeiten nie erschienen ist. Sie hatte zwar die Rezepte dafür gesammelt, es aber selbst, anders als ihre Bestseller "Aus Schweizer Küchen" und "Aus Italiens Küchen", nie publizieren können. Klassische Rezepte, präzise aufgeschrieben, für die Praxis zuhause geeignet.Grundsätzlicher geht es nicht. "Kochen mit der Bibel" nimmt seine Sache ernst. Exegetisch genau werden Textstellen aus dem Alten und dem Neuen Testament erklärt, dazu gibt es den historischen Hintergrund. Passende Gemälde machen das insgesamt wunderschön gemachte und ausgestattete Buch zu einer wirklichen Bereicherung des Kochbuchregals. Die Rezepte scheinen manchmal für Anfänger etwas rätselhaft (wie der Freundschaftskuchen, dessen Teig man acht Tage gehen lässt), aber immerhin bedenkenswert. Manche wirken durchaus lohnend. Selbst wenn man sie nicht nachkocht, lässt einen das Buch belehrt und erfreut zurück.Richard Bertinet, ein französischer Spitzenkoch und Bäcker, richtete in Bath in Süd­england eine Back- und Kochschule ein: "The Bertinet Kitchen" bietet ein Vielzahl von ernsthaften Kursen in Brotbacken und anderen kulinarischen Sparten. "French Breads" kann zum Beispiel nur buchen, wer schon "Bread 1" oder "Bread 2" belegt hatte. No-nonsense with Mr. Bertinet! Sein neues Buch "Brot und Gebäck für Genießer" lehrt in vielen Detailfotos, wie man selber ein Brot backen kann, das höheren kulinarischen Ansprüchen genügt, und wie man den eigenen Ofen dafür adaptieren kann. Der Brotbackboom ist in angelsächsischen Ländern stärker entwickelt als bei uns und wird dort von französischen Bäckern beflügelt. Wer in New York oder sonst wo kulinarisch etwas auf sich hält, setzt seinen eigenen Grundteig an oder redet zumindest drüber. Dieses Buch hilft dem Brottrendbewussten in beiden Fällen.Grundsätzliches Interesse an Kochen hat in letzter Zeit auch zwei ganz andere Formen angenommen. Einerseits gibt es schon länger ein grundsätzliches Interesse an physikalischen Vorgängen. Der französische Physiker Hervé This ist hier der Vorläufer. In Werner Gruber ("Die Genussformel") hat er einen österreichischen Nachläufer gefunden; mit Witz und Ironie beleuchtet der akademisch-physikalische Koch bekannte Fragen wie die, warum das Fleisch in der Pfanne gern kleiner wird, wenn man es brät. Stilistisch nicht immer so brillant, wie der Autor es gerne hätte, bringt das Buch doch unterhaltsame Aufklärung.Hier Physik, da Molekularküche. Ferran Adrià ist jener Name, mit dem selbst weniger Kochinteressierte eines verbinden: die Revolution der Küche, die eben unter dem Stichwort "Molekulare Küche" läuft. Der spanische Koch kreiert kulinarische Erlebnisse im Labor, nachvollziehen kann sie in seinem Restaurant nur, wer sich Jahre vorher einen Termin zuweisen lässt. Brauchbare Anleitungen bieten seine teuren Kochbücher eher nicht; hier springt dieses Büchlein in die Bresche. Wem der Sinn nach Zuckerwattewolken steht, nach Grünteenudeln, Safran-Air, lauwarmem Spinatgelee und dergleichen, der ist hier richtig.Sehr zivilisiert kommt die ayurvedische Kochkunst daher. Wer einmal in Indien eine Ayurvedatherapie gemacht hat, weiß, dass indisches Essen mit ayurvedischer Mäßigung nun ja, sagen wir einmal, nicht gerade aufregend schmeckt. In einem kleinen Ort im Moseltal gelegen, bietet das Hotel Parkschlösschen Ayurvedakuren an; die Küche muss die gehobenen Bedürfnisse eines europäischen Publikums befriedigen und zugleich den Prinzipien von Ayurveda (was auf Indisch soviel bedeutet wie Lebenskunst) genügen. Soll heißen, sie hat den in Doshas (Typen) eingeteilten Essern das Entsprechende zuzuführen. Neben praktikablen Rezepten bietet "Ayurvedische Kochkunst" auch eine Einführung in diese Typenlehre, also in Ayurveda insgesamt. Dabei bleibt das ganze nachkochbar, lebenskünstlerische Hausmannskost sozusagen.Unzweifelhaft schick kommt hingegen "Der Geschmack Vietnams" daher. Ursprünglich in Terence Conrans Londoner Verlag erschienen, zeigt es die Ästhetik von dessen Produkten wie etwa dem Fressführer "Eating London" sowie von Conrans Lokalen und Designprodukten. Der Autor passt in dieser Hinsicht zum Konzept. Der stilbewusste Konsument schaut ja dem Koch in die Augen bzw. auf Frisur und Gewand, ehe er auf den Teller schaut. Koch Bobby Chinn ist halb Ägypter, halb Chinese, geboren in Neuseeland, aufgewachsen in Europa und zuhause in San Francisco, führt aber ein Restaurant in Hanoi. Tatsächlich bekommt man in seinem Buch nicht nur einen Einblick in Vietnams Küche, sondern auch einen Hauch vietnamesischen Lebensgefühls, gesehen durch die Brille internationaler Stylishness.Ebenfalls einem Trend entspricht "Das Wagamama-Kochbuch". Wagamama? Das ist eine in London entstandene Kette, ein Gastronomie-Konzept. Was treibt Leute dazu, sich so zu ernähren, wie es ihnen eine – und sei es noch so schicke – Systemgas­tronomie, anbietet? Man bestellt dort nach Nummern und bezahlt dafür nicht allzu viel. Das Buch verspricht, mit wenigen frischen Zutaten schnell ein schmackhaftes Resultat zuwege zu bringen. Gekocht wird mit dem Wok, die Richtung ist japanisch, die Fotos sind hübsch; warum es allerdings Restaurantfotos zur Animation braucht, soll mir einer erklären. Außer, es handelt sich nicht um ein Kochbuch, sondern um Werbung für ein Food-Konzept.Unprätentiös und klassisch, aber umso beeindruckender kommt "Thai-Küche" daher. Dieses Buch vermittelt kein Lebensgefühl, sondern grundsolide Informationen über eine Küche, nämlich die thailändische. Das tut es äußerst sorgfältig und gut illustriert, mit reichlich Informationen über Land und Leute, Regionen und Tischsitten, Religion und Feste. Eine ausführliche Warenkunde hilft dem interessierten Koch wirklich weiter, zumal sie entsprechend bebildert ist – so findet man sich auf dem Markt und im Asia-Shop zurecht. Dieses Buch kann ich wirklich jedem empfehlen, der thailändisch kochen möchte oder sich nur dafür interessiert. Ein No-nonsense-Buch, wie es fast nur Angelsachsen zusammenbringen. Und günstig auch noch!Das Waldviertel ist eine Region voller Naturschönheiten und Kulturdenkmäler, aber arm an Kultur. Daran ändern die vielen ehrenwerten Bestrebungen, das zu verbessern, wenig. Kultur kann man nicht in ein paar Jahrzehnten verordnen, die muss jahrhundertelang wachsen. Deswegen gibt es natürlich keine wirkliche Waldviertler Küche, das weitgehende Fehlen von Kulinarik gehört zu den Grunddefiziten dieses wunderbaren Landstrichs. Solche Schwächen merkt man natürlich dem "Waldviertel-Kochbuch" an, das dennoch Regionales sammelt und appetitlich präsentiert.Eine unwahrscheinliche Waldviertler Erfolgsstory legt Johannes Gutmanns Buch "Auf der Sonnenseite" dar. Gutmann gründete und leitet die Kräuter- und Gewürzfirma Sonnentor. In diesem Buch schildert er seine Erfolgsstory, die auch jene seine bäuerlichen Produzentenpartner ist. Das kommt frisch und modern aufgemacht daher. Bei den Rezepten verzichtet man bewusst auf Regionales und schweift aus – von Asiatischem bis zu Äthiopischem, Hauptsache gut gewürzt."dreimahl" ist so was von überhaupt nicht regional, außer dass seine Autorin Vorarlbergerin ist und ihren Dialekt für Kapitelüberschriften einsetzt, die allerdings nicht immer dem linguistischen Alemannisch-Härtetest standhalten: "z'guate alte ländlekalb" ist natürlich nicht das "z'guate" (zugute), sondern "s'guate" (das gute). Nebbich. Die Rezepte bringen klassische moderne Fusionküche und sind witzig dazu, also absolut überregional, aber durchaus anregend. Ein paar der superpfiffigen Fotos hätte sich der Verlag durchaus schenken können. Die Originalität der Amann'schen Küche überzeugt auch so.Jeder aufgescheuchten Trendiness unverdächtig ist Ewald Plachutta, Wiens erfolgreicher Rindfleischkoch, ein Mann, der mit der Wiederbelebung der Wiener Rindfleischkultur ein Vermögen machte. Man ist versucht zu sagen, dass das oft gesuchte Bürgerliche in Wien weder in Politik, Wirtschaft noch in der Kultur zu finden ist, sondern lediglich in der Wiener Küche. Von Apfelkren bis Zwiebelrostbraten und zum unerlässlichen Wiener Schnitzel – Ewald Plachutta dekliniert in "Meine Wiener Küche" Gutbürgerliches durch. Nicht schick, aber rund und nahrhaft wie eine gute Rindssuppe.Dieses Buch ist eine runde Sache: Es bringt "Knödel in allen Variationen". Martin Sieberer ist ein Tiroler Meisterkoch, dessen Bücher hier schon das eine oder andere Mal gewürdigt wurden. Dieses Knödelbrevier, verfasst mit einer Kollegin und zwei Kollegen, ist brauchbar und österreichisch, also durchaus für den Regionaltrend qualifiziert. Kleines Manko: Der Sponsor, eine Tiroler Brauerei, hat sich auf jeder Seite hineinreklamiert – manchmal passt Bier zu den Rezepten, manchmal aber wirkt das aufdringlich.Ein Monument der spanischen Kochkunst ist ein Buch mit dem schlichten Titel "1080 Rezepte". Der Verlag nennt es, gewiss nicht zu Unrecht, die "Bibel der echten spanischen Küche". An den hier dargebotenen Rezepten werden sich die Gegner Ferran Adriàs aufmunitionieren können. Hier findet man – zusammengestellt von Mutter und Tochter, beide Rezeptautorinnen, Erstere seit 50 Jahren (!) –, keine sphärisierten Rosenwassermurmeln und keine Anchoviswassergelatine. Hier gibt's Eintöpfe und Suppen, Wild und Innereien, Frittiertes und Souff­liertes. Hier geht's um die Wurst, pardon, um die Chorizo, und die kommt schon einmal in ihrer deftigstmöglichen Form daher, mit Kartoffeln und Speck. Sollte man im Regal haben. Wird man brauchen können.

Armin Thurnher in FALTER 42/2008 vom 17.10.2008 (S. 52)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

1080 Rezepte
Molekulare Küche (Rolf Caviezel)
Kochen mit der Bibel (Anthony F. Chiffolo, Rayner W. jun. Hesse)
Auf der Sonnenseite (Johannes Gutmann)
dreimahl (Denise Amann, Andrew Rinkhy)
Plachutta - Meine Wiener Küche (Ewald Plachutta, Mario Plachutta)
Ayurvedische Kochkunst (Eckehard Fischer)
Der Geschmack Vietnams (Bobby Chinn)
Thai-Küche
Das Wagamama Kochbuch (Hugo Arnold)
Brot und Gebäck für Genießer (Richard Bertinet)
Die Genussformel
Das Waldviertel Kochbuch (Inge Krenn, Rupert Schnait)
Aus Frankreichs Küchen (Marianne Kaltenbach)
Die Kaltenbach (Leandra Graf, Christian Seiler)

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