hochbetagt
15 Porträts

von Günther Brandstetter, Marietta Mühlfellner

€ 29,00
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Verlag: Verlag Anton Pustet Salzburg
Format: Hardcover
Genre: Ratgeber/Lebenshilfe, Alltag/Lebensführung, Persönliche Entwicklung
Umfang: 240 Seiten
Erscheinungsdatum: 04.09.2017

Rezension aus FALTER 51-52/2017

Der alte Mann und die Zelle

Wer will schon hinter Gittern sterben? Wie geht es alten Menschen im Gefängnis? Wovor haben sie Angst? Ein Besuch bei Albert Kronsteiner

Zu Silvester wird er vor dem Fenster stehen. Es gibt nur ein Fenster im Leben von Albert Kronsteiner, und vor dem wird er zu Silvester stehen. Er wird durch das Glas und die Gitter schauen, das Feuerwerk sehen oder die Teile des Himmels, die es erhellt. Er wird das Fenster berühren und Sehnsucht haben. Schon wieder ist ein Jahr vergangen. Schon wieder ist das Ende näher gekommen. Und noch immer liegt sein Leben darnieder.
Der Mann, den wir in dieser Geschichte Albert Kronsteiner nennen, war ein glücklicher Mann. Ein Jahr und drei Monate vor seiner Pension räumte er den Beamtenschreibtisch und nahm eine Auszeit – ein Jahr und drei Monate sollte das „Sabbatical“ dauern. Er wollte noch etwas erleben, ehe er zu alt dafür sein würde; er wollte heim, zu seiner Frau, zu seinem Haus, zu seinen Katzen, zu seinem Salzwasserpool auf seinen 880 Quadratmetern Grund. 36 Jahre würden ihm noch bleiben, wenn er so alt würde wie seine Mutter, 36 Jahre gleichmäßig verteilter Faustballspiele, Gartenarbeiten und vieler fetter Braten von seiner Frau.
Noch bevor der Pensionsbescheid eintrifft, holt Herrn Kronsteiner sein biografischer Super-GAU ein. Am Abend vor der Silvesternacht 2009 stehen zwei Polizisten vor seiner Tür: „Herr Kronsteiner, Ihnen wird vorgeworfen, Sie hätten ...“ Albert Kron­steiner verrät nicht, wie dieser Satz zu Ende ging, und so wichtig ist das auch nicht. Es macht nicht den Eindruck, als schäme er sich des Grundes, für den er zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Die Tat ist jedenfalls schon viele Jahre her. Und das, was Herrn Kronsteiner vorgeworfen wird, verjährt nicht so schnell.

„Nach schwerem Abschied von Josefa“ sind die ersten Wörter, die er am 15. März 2015 in sein Tagebuch schreibt. Josefa ist der Name seiner Frau, der 15. März 2015 jener Tag, an dem Albert Kronsteiner ins Gefängnis kommt. 67 Jahre ist er damals alt. Seit diesem Tag besteht sein Leben aus Gängen und Gängen und Türen und Türen. Manche führen zur Arbeit, manche zum Essen, manche zum Besuchsraum und zu seiner geliebten Frau. Schwer zu sagen, wie viele Schlösser jeden Tag vor ihm geöffnet und hinter ihm geschlossen werden.
In der Zelle, die Herr Kronsteiner bevorzugt „Nachtraum“ nennt, oder „Ruheraum“, riecht es unsauber: wie wenn vier Männer auf 18 Quadratmetern leben. Sie ist Teil des sogenannten Seniorenvollzugs im Gefängnis Su­ben an der Grenze Oberösterreichs zu Deutschland. 20 alte Männer sind hier gemeinsam mit Herrn Kronsteiner untergebracht. Ihre Zelle wird nachmittags nicht abgesperrt wie bei den anderen Häftlingen. Sie müssen auch nicht arbeiten, wenn sie nicht wollen; Albert Kronsteiner will.
Aufwachen um 6 Uhr, dösen bis 6 Uhr 15, Morgentoilette, Bettenbau, dann hilft er seinem gehbehinderten Mithäftling in den Tag. Dann Frühstück, und um 7 Uhr 15 zur Arbeit in die Bücherei. 4500 Bücher müssen aus einer Kartei digital erfasst werden. Jedes Buch erfordert eine Inhaltsangabe durch Herrn Kronsteiner, dafür bekommt er 1,46 Euro netto in der Stunde. Der größere Lohn ist ihm, dass so die Tage schneller vergehen.
11 Uhr Mittagessen, dem Zellenkollegen helfen, dann Kaffee und wieder in die Bücherei. Um 14 Uhr 45 Hofgang, dann tarockieren, um 17 Uhr Abendessen, dann wieder helfen, dann wieder tarockieren, und dann geht er wieder schlafen. Die Männer tarockieren fast jeden Tag. Sie spielen um die Ehre – was immer das ist.
Albert Kronsteiner ist neugierig und leutselig. Er redet schnell, organisiert und durchdacht – als würde er nichts anders tun, als gute Unterhaltungen zu führen. Seine Gesichtszüge sind zart, an ihm scheint alles klein zu sein. Sein Rumpf, seine Füße. Sein Gang ist der eines jungen Mannes, beweglich, flink, so gefällt er sich. Wie damals, als er noch Faustball spielte – bis ins Nationalteam hatte er es geschafft. Sein Haar ist weiß, aber voll – genug für zwei Männer seines Alters. Im Gefängnis altert man schneller, aber so schnell auch wieder nicht.

Auf dem Tisch in der Zelle stehen viele Tablettendosen, die meisten gehören nicht ihm. Im Vergleich mit seinen Kollegen steht Herr Kronsteiner im Saft. Zucker, Cholesterin, ein bisschen Prostata, aber nichts Bedenkliches. Einmal hatte ein Mann in der Nebenzelle einen Herzinfarkt. Wenn so etwas in der Nacht passiert, kann es dauern, bis ein Arzt kommt.
Herrn Kronsteiners Mutter hat immer gesagt, man müsse das Leben ausnutzen, bis zum Schluss. Mit 90 Jahren hat sie ihn noch im Kegeln geschlagen. Er denkt oft an sie, „als liebende, als tatkräftige Person“, sagt er. So ähnlich wollte Herr Kronsteiner das für sich auch, genießen und geliebt werden, bis die Lichter ausgehen. Und jetzt sitzt er hier, in der Justizvollzugsanstalt in Suben am Inn. Mindestens sieben Monate noch.
Seine Strafe hat er heute angenommen. Er weigert sich, darüber nachzudenken, was anders hätte sein können oder was noch anders werden könnte. Suben macht pragmatisch. Die Zeit im Gefängnis ist „ein Lebensabschnitt“, sagt er, der ihm etwas gezeigt hat, was er bisher nicht kannte. „Es ist wieder was anderes“, sagt er, als hätte er sein Wohnzimmer in einer neuen Farbe gestrichen.

Letztlich ist es doch so: Die Gesellschaft hegt wenig Interesse an Menschen wie Herrn Kronsteiner. Ein gesichtsloser alter Mann im Gefängnis, ohne Zukunft und ohne eine Vergangenheit, die es wert wäre, erzählt zu werden. Männer wie er haben die Chance verwirkt, ihre Träume wahr werden zu lassen. Herrn Kronsteiners junge Mithäftlinge werden auf den Arbeitsmarkt vorbereitet, auf einen guten Einstieg in die Gesellschaft. Welche ist seine Perspektive?
Albert Kronsteiner macht sich Gedanken darüber, was einmal von ihm übrig bleiben wird. Er will nicht als Verbrecher erinnert werden – wer will das schon? Früher hat er der ganzen Nachbarschaft geholfen. Wenn irgendwo in der Siedlung etwas tropfte oder Funken schlug, war Herr Kronsteiner gefragt. Er war geschickt und half gerne. Er weiß nicht, ob das nach seiner Entlassung noch so sein wird. Die Jahre im Gefängnis werden immer ein Teil von ihm bleiben, werden ihm immer anhaften, wie ein Geruch, eine Marke am Revers.
Herr Kronsteiner arbeitet noch an dem Bild, das Menschen von ihm haben. Das er selbst von sich hat. Im Gefängnis ist Herr Kronsteiner zur Hand, er hilft den Wachen, wo er kann, und wenn andere Häftlinge an Formularen scheitern, füllt er sie mit ihnen aus. Herr Kronsteiner ist onkelhaft und fügsam. Manchmal hat man das Gefühl, er spielt vieles, er spielt sich, den Mann, der er gewesen sein möchte.
Herr Kronsteiner bereut nicht, was er getan hat oder nicht getan hat, er hat bis heute kein Geständnis abgegelegt. Wenn man ihn fragt, wovon er sich wünschte, es in seinem Leben anders gemacht zu haben, fallen ihm das Faulsein in der Schulzeit und seine erste Hochzeit ein. Er wird nicht sentimental, zumindest nicht sehr, wenn er über solche Dinge redet.
Viele alte Menschen im Gefängnis fürchten sich vor dem Tod, davor, ihre letzten Jahre eingesperrt verbracht zu haben. Dann beginnt man nachzudenken: Das eigene Bett wird leer werden – auf die eine oder andere Weise. Albert Kronsteiner verwehrt sich diesem Gedanken. „Ich habe nicht vor, hier zu sterben“, sagt er – er will nicht wissen, was wäre, wenn er krank würde, wenn er hier leiden oder sterben müsste. Er habe kein Interesse am Tod, aber „irgendwie habe ich Angst davor“.
Vor 40 Jahren starb seine Tochter, mit nur vier Jahren. Sie wurde mit einem Loch in der Herzscheidewand geboren, das Herz des Mädchens hat schwach gepumpt. Als sie vier Jahre alt war, ließen sie die Eltern operieren. Sie überlebte den Eingriff nicht. Die Liebe der Eltern litt darunter, sie trennten sich. Es dauerte viele Jahre, bis Herr Kronsteiner begann, über seinen eigenen Tod nachzudenken.
Nach dem Urteil hat seine Frau ihm
vorgeschlagen, sich gemeinsam mit ihm umzubringen – sie würde mit ihm gehen. Zu der Zeit nahm Herr Kron­steiner Antidepressiva, Mutan und Trittico, es ging ihm schlecht. Er dachte darüber nach, in die Dominikanische Republik zu flüchten, oder in den Tod. „Wenn Sie keinen Boden mehr unter den Füßen haben, denken Sie über alles nach“, sagt er. Doch dann sei ihm das Leben doch zu schön erschienen.
Wenn er kommt, der Tod, will er nicht davonlaufen, sagt Herr Kron­steiner, er will gehen, ohne zu leiden und ohne Leid zu bewirken. „Bevor ich umgedreht und aufs Klo gebracht werden muss oder im Kopf nicht mehr klar bin, soll es vorbei sein“, sagt er, und das sagen die meisten. Wie es wirklich wäre, wenn er dann, in dieser Sekunde, wenn seine Haut durchsichtig, seine Knochen spröde sind und sein Herz müde, wie es dann wirklich wäre, ob er dann doch noch kämpfen wollen würde um das Leben, das könne er heute nicht beantworten.
Jeden Abend schreibt Herr Kronsteiner in sein Tagebuch. Er schreibt auf, was passiert ist. Über das, was anders war, was herausstach, was ihn in diesem faden Leben ein wenig reizte: wenn seine Frau zu Besuch kam, wenn ihn ein Arzt untersuchte, wenn er ein wunderschönes Blatt beim Tarockieren hatte. Auf den letzten Seiten des Tagebuchs hat er viele große Zahlen untereinandergeschrieben. Jeden zweiten Tag subtrahiert er 48 Stunden davon. Wenn er bei 0 angekommen ist, darf er hier raus. Es ist quälend zu sehen, wie langsam die Zeit vergeht, aber es muss getan werden.
Herr Kronsteiner will auch im Gefängnis teilhaben an der Welt. An der, die hinter den hunderten Türen und Gängen und Mauern liegt. Jeden Tag lässt ihm seine jüngere Tochter die Kronen Zeitung schicken. Die Hefte stapeln sich auf dem Sessel neben seinem Bett. Die Zeitungen und die Fotos von seiner Familie sind seine Brücke raus aus diesem Ort ohne Lust und ohne Vertrauen.
Der Gedanke an die Freiheit nährt Herrn Kronsteiner und hält ihn am Leben. Mit dem Tag seiner Entlassung will er es noch einmal beginnen lassen. „Wenn man kein Ziel hat, stirbt man“, sagt er. Sein gegenwärtiges Ziel ist der Adresswechsel und dem ist alles untergeordnet: gute Führung und weg hier, wieder in seinem Bett schlafen, ein Bier trinken, seine Frau küssen.
Und wenn er das geschafft hat, muss er „sehen, welche Ziele ich dann brauche“. Herr Kronsteiner hat keine Angst vor draußen, seine Pension ist sicher, seiner Familie geht es gut, seine Kinder und Enkel sind mit ihrem Leben zufrieden.

Eines, sagt Herr Kronsteiner, habe er im Gefängnis gelernt. „Ich habe verstanden, dass ich intensiver leben muss.“ Die Zeit, die er hier verloren hat, will er wieder hereinholen. „Nicht in wilder Art, sondern mit Genuss.“ Mit seiner Frau will er jeden zweiten Sonntag essen gehen, oder sogar öfter. Er möchte Bälle besuchen, die beiden tanzen gerne. Er will wieder Faustball spielen, bei den Senioren. Wieder Muskeln kriegen, denn die hat er im Gefängnis abgebaut, weil er sich auf die Gockelkämpfe mit jungen Häftlingen im Kraftraum nicht einlassen will, sagt er.
Mit seinen Kindern und seinem Garten will er sich beschäftigen. Mit seiner Frau Schwammerl suchen gehen. Nie wieder will er Zeit „so bedeutungslos verstreichen“ lassen.
Für einen Menschen, dem man so wenig Zukunft zugesteht wie einem alten Mann im Gefängnis, sind Herrn Kronsteiners Träume weltlich und lebendig. Wenn er draußen ist, möchte er sich eine Photovoltaikanlage aufs Dach bauen und sich ein Elektroauto in die Garage stellen.
Dieser Mann hat Sehnsucht und echte Träume. Er erwartet etwas vom Leben, er will es verbrauchen, bis nichts mehr davon da ist. Wenn der Tod kommt, möchte Herr Kronsteiner mit nichts dastehen, mit gar nichts in seinen Taschen, nur mit sich und seinem milden Lächeln.


Das ist die leicht aktualisierte, gekürzte und angepasste Version eines Textes, der heuer im Buch „hochbetagt“ erschienen ist. Das Buch sammelt 15 Porträts alter Menschen – zeigt ihren Blick auf das Leben und den Tod

Lukas Matzinger in FALTER 51-52/2017 vom 22.12.2017 (S. 24)


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