Der Geschmack der Heimat
Die traditionellsten Familienrezepte Österreichs

von Kuratorium Kulinarisches Erbe Österreich

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Agrarverlag
Erscheinungsdatum: 01.09.2008

Rezension aus FALTER 52/2008

Ein Kochbuch im Zeichen der Sepplhose

Bei vielen Menschen ist es bereits eine Unverschämtheit, wenn sie Ich sagen" – und bei diesem Buch ist es, in Abwandlung des Adorno-Diktums, eine Chuzpe, dass es einen Copyright-Vermerk hat. Zum einen zeugt von Unverfrorenheit, dass ein Urheberrecht auf etwas beansprucht wird, was einem nicht gehört; zum anderen von Schamfreiheit, dass man sich zu einem solchen Machwerk bekennt.
Lässt einen der Superlativ im Untertitel, "Die traditionellsten Familienrezepte Österreichs", schon stutzen, so erst recht die Titeltypografie: Auf dem Umschlag produziert sich "Der Geschmack der Heimat" in einem gefaketen Kurrent, auf dem Schmutztitel in Fraktur. Dazu kommt ein Papier, das künstlich auf alt getrimmt ist und mit fingierten Gebrauchsspuren die Anmutung einer seit Generationen in Familienbesitz befindlichen Rezeptsammlung herstellen will. Und überdies ein typografisches Tohuwabohu, das wohl darauf abzielt, die jeweils individuelle Handschrift der Rezeptvorlage zu simulieren, das aber wirkt, als sei ein per Zufallsgenerator programmierter Satzcomputer außer Rand und Band geraten.

Wenn "Heimat" so ausschaut, wie muss sie dann erst schmecken!? Nun, die ehrenwerte Hausmannskost von "Aal mit Paradeisern" bis "Zwetschkennudeln" hat mit den Butzenscheiben, durch die da in den Kochtopf geschaut wird, nichts zu tun und selbige auch nicht verdient.
Nicht nur der Untertitel insinuiert, man habe die Rezepte in jahrelanger Feldforschung repräsentativ erhoben, auch das Vorwort, in dem von "Tausenden von eingesandten Rezepten" die Rede ist, erweckt diesen Eindruck. Etwas bescheidener schon gibt sich der Pressetext, der immerhin noch von gut 1500 Einsendungen zu berichten weiß, die auf einen in der Bauernzeitung lancierten Aufruf hin einlangten.
Erstaunlich bleibt, dass von den 96 "streng gehüteten Familienrezepten", die im Buch wiedergegeben werden, 14 aus Parschlug stammen. Das Staunen legt sich, wenn man weiß, dass aus Anlass des 800-jährigen Bestehens dieser obersteirischen Gemeinde 2003 eine Art kommunales Kochbuch erschien, das rund 750 Lieblingsrezepte der jubilierenden Bürgerinnen und Bürger enthielt.
Nicht nur von den "Parschluger Küchengeheimnisen" ließ man sich, äh, inspirieren, man riss sich auch Illustrationen und Vignetten aus Kochbüchern und -broschüren unter den Nagel. Das "Jahrbuch der Hausfrau", eines der geplünderten Rezepthefte, verzichtete ab 1968 auf die ach so lustigen Zeichnungen, die dort die Funktion von Lückenbüßern erfüllten; das "geniale Grafikteam" (so die Danksagung) streut sie 2008 übers ganze Buch.

Wo "Tradition" superlativisch dümmlich inszeniert, Historizität mit Versatzstückchen erkünstelt, Originalität mit typografischen Mätzchen simuliert wird, mutet der penetrant präsente Rundstempel "Kuratorium Kulinarisches Erbe" umso zynischer an, der mit der treuherzigen Umschrift "Traditionelle Gerichte, regionale Produkte" diesem Ausbund an Simulation Urtümlichkeit bescheinigt. Allein die Fotos von Ulli Köb, die sich mit ihren sachgerechten und stilsicheren rustikalen Arrangements wohltuend von der Sepplhosen-Ästhetik und dem Nostalgiemief des großformatigen Bandes abheben, vermitteln etwas von dieser Idee.
Zur Überlieferung der "Familienrezepte" bleibt man – mit einer Ausnahme – jegliche Information schuldig, stattdessen liefert man "Tipps" genannte "wertvolle Hintergrundinformationen" wie: "Der Scheiterhaufen zählt zu den zahlreichen Alt-Wiener Auflaufspezialitäten." Ähnliche Glanzlichter setzen die mit den heißen Tipps alternierenden pfiffigen Ratschläge von "Haubenkoch S. Kröpfl", der etwa empfiehlt, die Schönbrunner Schnitten "noch mit gehackten und gerösteten Haselnüssen" zu bestreuen, die Räucherfischsuppe mit frischen Kräutern zu verfeinern oder den Sauerkrautauf­lauf von Heidi Unger aus Parschlug geschmacklich zu verbessern, indem "man eine Lage gewürfeltes Geselchtes dazugibt" – eine Variante allerdings, die Frau Unger selbst schon zu ihrem Rezept in den "Parschluger Küchengeheimnissen" anbot.
Was den bildspendenden Rezeptbroschüren aus den 1950er- und 1960er-Jahren noch eine Selbstverständlichkeit war, nämlich die Autoren der Illustrationen auszuweisen, glaubt das Impressum im "Geschmack der Heimat" sich sparen zu können. Immerhin werden die eigenen "Urheber" dort namhaft gemacht: Für die Gestaltung zeichnet allessandridesign verantwortlich, für die "Art- und Typedirection" Thomas Gabriel. – Mahlzeit!

Walter Schübler in FALTER 52/2008 vom 26.12.2008 (S. 34)


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