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Verlag: Studien Verlag
Genre: Sozialwissenschaften allgemein
Erscheinungsdatum: 24.03.2009

Rezension aus FALTER 24/2009

Armut ist unter uns, auch wenn wir nicht hinsehen

Selbst schuld, wer arm ist. Auch wenn die sozial erwünschte Antwort der Österreicher auf die Frage nach den Ursachen von Mittellosigkeit vermutlich anders lauten würde: An der Realität Armut haften hartnäckig Attribute wie Depression, Kinderreichtum, Sucht oder fortgeschrittenes Alter. Man sieht nicht genau hin, weil die Angst vor dem eigenen Existenzverlust die Sinne lähmt. Menschen, die von Armut betroffen sind, stehen zumeist nicht im Zentrum des Erwerbslebens. Und gerade dieses Erwerbsleben bestimmt den individuellen Wert von Sozialleistungen entscheidend.

1,1 Millionen Menschen in Österreich gelten als armutsgefährdet. 450.000 sind "manifest arm". Dazu kommt die Gruppe der Fremden, die in der Regel über keine ausreichenden materiellen Mittel zur Sicherung des Lebensbedarfs verfügen und sie auch nicht rechtmäßig erwerben können, weil ihnen dazu eine Arbeitserlaubnis oder eine Niederlassungsbewilligung fehlt. Armut ist im Alltag kaum sichtbar, denn sie schränkt die Mobilität der Betroffenen und somit die Teilhabe an der Gesellschaft ein. In den Einkaufsstraßen der Großstädte wird man ihrer gewahr, als lebende Mahnmale wachen sie vor den Kaufhäusern.
Der Sammelband "Handbuch Armut in Österreich" kommt zur richtigen Zeit in den krisenbestimmten Diskurs über gerechte Verteilung. Im Mittelpunkt des vorliegenden Bandes stehen wohlfahrtsstaatliche Überlegungen, wobei eingangs naturgemäß die grundlegende Frage nach der sozialen Gerechtigkeit gestellt wird. Das Maß für die Akzeptanz bestimmter Dimensionen menschlicher Beziehungen oder Situationen ist da etwa als Definition zu lesen. Inwieweit sollen soziale Risiken Teil des gesellschaftlichen Konsens sein, und wie viele Ressourcen sind dafür
erforderlich? Neben dem Zugang zu monetären Transferleistungen sind es aber auch die sozialen Güter, die eine ebenso
wichtige Rolle für ein selbstbestimmtes Leben spielen.
Auf europäischer Ebene wurden mittels der offenen Methode der Koordinierung, die in den 90er-Jahren als "soft law" der Europäischen Kommission eingeführt wurde, um unverbindliche Empfehlungen an die Mitgliedsstaaten vorzunehmen, moralische und kausale Normen für die Bekämpfung von Armut eingeführt. Erstaunlicherweise kam es aber erst mit der Umstrukturierung der Lissabonstrategie 2006 zu einer Adaption der Armutsindikatoren. Waren es bisher vorwiegend die Einkommenskonzepte, die für die Erfassung von Armut herangezogen wurden, so wurden nun, auch nach der Bekräftigung der Lissabonschlagworte "Beschäftigung" und "Wachstum", Einflüsse der Lebenslage und der sozialen Isolierung berücksichtigt.
Ein großes sozialwissenschaftliches Nachschlagewerk wurde da mit dem "Handbuch Armut in Österreich" geschaffen. Dabei haben die Herausgeber darauf geachtet, die Beiträge überschaubar zu halten und vom großen Thema soziale Gerechtigkeit zu den Spezialthemen wie etwa den Gründen für die "Nichtinanspruchnahme von Sozialhilfe" oder dem "Working Tax Credit" schrittweise überzuleiten. Letzteres ist eine in Großbritannien entwickelte sozialpolitische Methode, die Beschäftigung ankurbeln und gleichzeitig Armut bekämpfen soll. Hierzulande sollte sie mit der "Steuergutschrift für Niedrigeinkommensbezieher" umgesetzt werden.
Das "Handbuch Armut" richtet sich vorwiegend an Experten nicht nur aus dem sozialwissenschaftlichen Kontext, sondern auch aus den praktischen Feldern der sozialen Arbeit. Auch wenn sich die Texte teilweise thematisch überschneiden, sind die unterschiedlichen Perspektiven eine inhaltliche Bereicherung und die damit
einhergehende Redundanz eine Möglichkeit der Verfestigung der komplexen Thematik.

Eines wird immer wieder sichtbar: Fehlende Daten zu Einkommens- und Vermögensverteilung erschweren die zielgerichtete Erforschung von Armut. Die Problematik der regionalen Armutserhebung aufgrund der unterschiedlichen landesbezogenen Regelung von Sozialhilfe und der vermeintlich neutralen Statistik Austria überantwortete Sozialberichte, die bisher vom Bundesministerium für Gesundheit und Soziales kamen, tragen dazu bei, dass die symbolische Bedeutung von Armut hierzulande gesellschaftlich unterbewertet bleibt.
Auch so wichtige Wissenschaftsgebiete wie die Ungleichheitsforschung haben in Österreich verhältnismäßig wenig Tradition, obgleich ihr theoretischer Ansatz die Dynamiken der sozialen Unterschiedlichkeiten betrachtet und somit eine Perspektive zur Verhinderung von Armut bereitstellen könnte.

Marianne Schreck in FALTER 24/2009 vom 12.06.2009 (S. 19)


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