Haider Light
Handbuch für Demagogie

von Walter Ötsch

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Czernin
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 18/2016

Norbert, der Profi

FPÖ-Kandidat Norbert Hofer dominierte den Fernsehwahlkampf. Was macht er anders?

Norbert Hofer macht aus seiner Vergangenheit ein kleines Geheimnis. Von 1995 bis 1999 besuchte er Seminare wie Rhetorik, Kommunikation, Crash-Rhetorik, Team-Design, Medienarbeit, Projektmanagement und NLP – eine Kommunikationstechnik, die nicht nur in Therapien eingesetzt wird, sondern auch missbraucht werden kann, um andere Menschen zu manipulieren. Über viele Jahre arbeitete Hofer selbst als ausgebildeter Kommunikations- und Verhaltenstrainer.
All das stand lange auch auf seiner Homepage, wie eine Archivrecherche des Falter zeigt. Seit seiner Kandidatur sind diese Details aus dem Lebenslauf verschwunden.
Wie Rhetoriktraining in der FPÖ aussieht, kann man in den Seminar­broschüren der letzten Jahre nachlesen, die die blaue Parteiakademie herausgab. Freiheitliche konnten dort etwa am Seminar „Schlagfertig statt sprachlos. Wie Sie auch an heißen Wortgefechten kaltblütig bleiben“ teilnehmen, wo sie „Standardantworten: gut einstecken, blitzschnell kontern oder den bestgeeigneten Zeitpunkt nutzen“ erlernten.
Oder das Seminar „Provokation, Polemik und Killerphrase – Abwehr und Anwendung“, mit den Unterrichtsschwerpunkten „Eristrik, die Kunst des Zwietrachtsäens nach Schopenhauer“, „faire und unfaire Argumentationstechniken: Abwehr und Anwendung von verbalen Attacken, Untergriffen, Scheinargumenten“ und „Methoden, die dazu dienen, Ruhe zu bewahren“.
Dass die FPÖ mit 35 Prozent vergangene Woche ihr historisch bestes Ergebnis auf Bundesebene einfuhr, ist nicht nur dem Flüchtlingsthema geschuldet. Es liegt auch an Hofers souveränen Auftritten im Fernsehen. Die Auseinandersetzungen mit seinen Kontrahenten – so zeigen es zumindest Umfragen nach den TV-Duellen – hat er dominiert.
Aber was macht er anders?
Der Falter besucht Walter Ötsch in Linz. Ötsch ist nicht nur Professor für Ökonomie und Kulturgeschichte, er ist auch Kommunikationstrainer, hat „Das Wörterbuch für NLP“ geschrieben und sezierte im Jahr 2000 den Kommunikationsstil von Jörg Haider.
Er erklärte damit in allen Einzelheiten die rhetorischen Tricks der FPÖ-Kommunikation. Über Norbert Hofer sagt er: „Ich habe selten einen so gut trainierten Politiker gesehen.“ Dann klappt er seinen Laptop auf, um vier Schlüsselmomente in Hofers Fernsehwahlkampf zu analysieren.

Hofer gegen Van der Bellen
Im ORF-Duell „Die 2 im Gespräch“ sitzen sich Hofer und der von den Grünen unterstützte Kandidat Alexander Van der Bellen gegenüber. Van der Bellen ist am Wort, er verschränkt seine Hände und streckt den Zeigefinger Richtung Hofer.
Alexander Van der Bellen: Ich halte Sie für eine Marionette von Strache und Kickl. Und das Nächste ist dann ...
Norbert Hofer: Sie zeigen da mit dem Finger so böse auf mich.
Van der Bellen: Sorry.
Walter Ötsch: Durch seine Kommunikationsschulung besitzt Hofer ein hohes Wissen über die Wirkung von Körpersprache. Und er setzt es gekonnt ein. Hofer weiß, wie die nonverbalen Signale von ihm und seinem Kontrahenten auf den Zuschauer wirken. Indem er Van der Bellens Zeigefinger thematisiert, bringt er ihn dazu, dass dieser körperlich reagiert und seine Gestik verändert.
Das ist ein massiver Eingriff: Denn Hofer gibt seinem Gegner ein Kommando, und der befolgt es. Er hat damit gleichzeitig ein Dominanzsignal gesetzt und Van der Bellens Angriff unterbrochen. Van der Bellen sagt „Sorry“, lacht, aber seine Energie ist gebrochen, der Angriff ist weg und die Zuschauer haben inhaltlich den Faden verloren. Dass er sich hier von Hofer führen hat lassen, liegt daran, dass Van der Bellen beziehungsorientiert ist. Er kommuniziert normal und will ein Gespräch führen. Die FPÖ hingegen zielt mit ihrer Kommunikation darauf ab, einen Dialog zu verhindern.
Hofer bei der Wahlfahrt
In der ORF-Wahlfahrt fährt ORF-Journalist Hanno Settele mit den Spitzenkandidaten durch Österreich. Das Politainment-Format zielt darauf ab, den Politiker unterhaltsam vorzustellen.
Hanno Settele: Was ist geschehen bei ihrem Paragleit-Unfall?
Hofer: Das ist eine blöde Geschichte (...) Man knallt am Boden auf. Ich war damals sehr austrainiert, Gott sei Dank, hab alles angespannt, aber die Knie fahren einmal hinein in die Rippen. Dann brechen einmal die Rippen. Mit dem Steißbein auf den Boden und dann sind fünf Wirbel gebrochen. Dann liegst du da und spürst deine Beine nicht mehr. Dann weißt du eh schon, was los ist. (...) Es war zuerst der Befund Querschnittlähmung komplett.
Settele: Puh.
Ötsch: Hofers Unfall ist eine schlimme Geschichte, auf einer persönlichen Ebene verdient er unser Mitleid. Aber das hat nichts mit dem Wahlkampf zu tun. Er macht aus einem höchstprivaten Schicksalsschlag eine öffentliche Inszenierung und zeigt vor, wie man eine Geschichte erzählt. Er spielt seinen Unfall mit seinem ganzen Körper nach, der Zuschauer kann sich so besser in seine Situation versetzen. Er schafft es, Settele und das Publikum zu rühren.
Genau das ist die Idee. Wenn jemand eine bewegende Geschichte mit einem teilt und der dadurch gerührt wird, knüpft er damit ein Band. So entsteht Freundschaft. Die hohe Kunst eines guten Rhetorikers ist es, jemanden in die Gefühlswelt zu führen. Die FPÖ macht Gefühlspolitik. Meist mit Wut, in diesem Fall mit Mitleid.
Die Wahlfahrt zeigt auch, wie wandlungsfähig Hofer ist. Er stellt sich auf das Fernsehformat ein. In anderen ORF-Sendungen attackiert er den ORF als Staatsfunk, aber hier verläuft das Gespräch mit dem ORF-Journalisten völlig amikal. Der Journalist und er bewegen sich im Einklang, wenn der eine nach links schaut, schaut der andere auch nach links. Hofers Körperhaltung sagt: „Bitte hör mir zu.“ Und Settele verstärkt durch seine Kommentare den gefühlsmäßigen Impact. Hätte die FPÖ einen Werbeclip gedreht, hätte sie’s nicht besser machen können.

Hofer gegen Hundstorfer
Im ORF-Format „Die 2 im Gespräch“ kommt es zu mehreren Schlagabtauschen zwischen Hofer und dem SPÖ-Kandidaten Rudolf Hundstorfer. Sie beide rittern um Wähler aus dem Arbeitermilieu.
Rudolf Hundstorfer: Sind Sie jetzt wirklich bereit, sich von Ihrer Burschenschaft zu distanzieren, die in ihrer Festschrift drinnenstehen hat: „Die Nation Österreich ist eine Fiktion“.
Hofer: (Lacht.)
Hundstorfer: Ist Ihnen das ein Lachen wert? Wirklich? Für mich ist die Nation Österreich keine Fiktion. Und ich würde Sie dringlich bitten, da auch etwas klarzustellen.
Hofer: Sie sind heute derartig verzweifelt und deprimiert. Als ich Sie gesehen habe vor sechs Wochen, waren Sie noch ein fröhlicher Mensch und heute sind sie derartig verbissen und deprimiert. (...) Es steht in den Statuten überhaupt nichts davon, dass Österreich keine Nation ist. Und ich weiß, Sie tun sich schwer beim Unterscheiden. Sie haben ja schon 2006 oder 2005 als ÖGB-Verantwortlicher eine Anwesenheitsliste unterschrieben (...) und haben damit 1,5 Milliarden Euro an Gewerkschaftsgeldern überwiesen.
Ötsch: Das ist ein Beispiel dafür, wie Hofer auf Vorwürfe reagiert. Wenn ihn jemand angreift, lacht er. Das Lachen ist antrainiert. Es dient dazu, konventionelle Gesprächsmuster zu durchbrechen. Normalerweise würde man sich empören, aber Hofer lacht und signalisiert, der Vorwurf sei lächerlich und der, der ihn vorbringt ebenso.
Die Vorwürfe beantwortet er nie inhaltlich, sondern macht stattdessen eine Reihe von Manövern. Er sagt, „in den Statuten“ seiner Burschenschaft stehe nichts davon, dass Österreich keine Nation sei. Die Rede war aber von einer Festschrift. Das ist so, wie wenn er auf den Vorwurf „Im oberen Zimmer liegt eine Leiche“ mit dem Satz „Im unteren Zimmer liegt überhaupt keine Leiche“ antwortet. Danach kommt sofort der Angriff auf die Person. Es geht nicht mehr um Hofers Haltung zu seiner Burschenschaft, sondern um irgendwelche Machenschaften von Hundstorfer.
Hundstorfer reagiert darauf, sie begeben sich in ein Hickhack und reden nur noch über den Vorwurf gegen Hundstorfer. Je mehr Zeit ein Angegriffener mit dem Vorwurf verbringt, desto unglaubwürdiger wird er. Ich nenne die Strategie der FPÖ „Wirbelmachen“, denn auf eine sachliche Frage kommt meist ein Stakkato an Vorwürfen, oft sind sie sehr persönlich – etwa Hundstorfer sei „verbissen“. Dieses Kommunikationsmuster der FPÖ dient der Zerstörung des Dialogs.
Hofer agiert dabei ähnlich wie damals Jörg Haider und heute Heinz-Christian Strache, aber im Gegensatz zu diesem ist er souveräner. Hofer hat eine völlig kontrollierte Körperhaltung und zeigt fast keine mimische Regung. Für manche mag das wie eine Maske wirken, aber es vermittelt Autorität. Je ruhiger jemand ist, desto überlegener wirkt er. Den Körper ruhig zu halten ist ein Hochstatus-Signal.

Hofer in der Elefantenrunde
In der ORF-Elefantenrunde stehen alle Kandidaten, nur Hofer sitzt in der Mitte. Grund ist seine Behinderung, die die FPÖ im Wahlkampf immer wieder betont. Die Diskussion leitet ORF-Moderatorin Ingrid Thurnher.
Ingrid Thurnher: Herr Hofer, würden Sie als Bundespräsident in diesen Tagen kommentieren, dass wieder 500 Menschen im Mittelmeer ertrunken sind?
Hofer: Das hab ich schon getan, weil das etwas ganz Schreckliches ist.
Thurnher: Als Bundespräsident würden Sie’s auch tun?
Hofer: Ja, auch in dieser Funktion. Weil klar ist, dass ein falsches Signal ausgesandt worden ist. Das, was Merkel getan hat, „wir schaffen das“, hat ja erst dieses Problem mitverursacht. Dass viele Menschen mit einer Hoffnung kommen und dann aber erkennen müssen, dass wir das eben nicht schaffen. Wozu ich mich aber auf jeden Fall geäußert hätte, wäre dieser Deal mit der Türkei. Ich halte das für ganz fürchterlich. Da wird am Weltfrauentag mit Gummigeschoßen auf Frauen geschossen ...
Ötsch: Hier zeigt sich, wie unterschiedlich sein Mitleid ist, wenn man vergleicht, wie lange er über seinen eigenen Unfall spricht, aber wie zynisch er die Frage über 500 Ertrunkene im Mittelmeer beantwortet. In der Gefühlspolitik der FPÖ gibt es WIR – die Österreicher – und DIE – die Fremden. Mit den DIE hat die FPÖ niemals Mitleid, die 500 Todesopfer spielen für sie keine Rolle. Hofer beginnt seine Antwort auf die Frage, ob er sich zu den Ertrunkenen äußern würde, mit dem Satz: „Das hab ich schon getan, weil das etwas ganz Schreckliches ist.“
Die Zustimmung ist ein rein rhetorischer Trick, damit er nicht Nein sagen muss und als hartherzig dasteht. Nach dem Satz würde man erwarten, dass er Mitleid zeigt. Aber er dreht alles mit einem Halbsatz um. Im Fachausdruck heißt das Reframing, man kann lernen, sofort so zu kontern. Er nimmt sich aus der Frage raus, was er brauchen kann und stellt sie in einen anderen Kontext.
Mit der Formulierung „weil klar ist“ schafft er eine Kausalkonstruktion, die zwar völlig unlogisch ist, aber die die Zuseher durch das „weil“ mitnimmt. Viele merken gar nicht, dass er von etwas ganz anderem redet. Nämlich von Merkel, der Türkei, Frauen und Gummigeschoßen. Kommunikation ist wie Kartenspielen, er spielt zügig drei bis vier Karten und ist sofort bei anderen Themen, nämlich bei denen, über die er reden will.
Dabei hat ausgerechnet er kurz davor den Satz gesagt: „Ich gebe ehrliche Antworten, wenn ich gefragt werde.“ In Wahrheit macht er genau das Gegenteil. Solche Sätze dienen nur dazu, sich selbst in die Höhe zu heben.

Benedikt Narodoslawsky in FALTER 18/2016 vom 06.05.2016 (S. 25)


Rezension aus FALTER 42/2000

Hugo Portisch, als Persönlichkeit selbst der Inbegriff des guten, das heißt: nicht durch die Verführungen der Macht korrumpierten politischen Journalisten, stellt im Vorwort des Buches anerkennend fest, auf die Idee sei selbst er nicht gekommen, die Geschichte der Zweiten Republik als die Geschichte ihrer Kanzler zu schreiben. Peter Pelinka, einst Chefredakteur der damals gerade in die Unabhängigkeit entlassenen AZ, lange Zeit auch Kolumnist des Falter, jetzt Chefredakteur von News, kennt Politik seit über 20 Jahren aus der Nähe. Er verfügt also über die wesentliche Voraussetzung für eine Biografie der Politik: die persönliche Anschauung. Wo er diese nicht besitzt - bei den Nachkriegs- und Vor-Kreisky-Kanzlern Figl, Raab und Gorbach und beim einzigen Kanzler einer VP-Alleinregierung, Klaus - ersetzt Pelinka die Anschauung durch präzise Recherche. Das Ergebnis ist kein Geschichtenbuch, auch nicht eines, das die Macht der Persönlichkeit in der Geschichte absolutiert, sondern ein Buch, das die Wirkung des Machthabers mit den politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zeitströmungen, in denen er steht, klug vermittelt. Materialreich werden die Werdegänge und die Schlüsselentscheidungen der einzelnen Kanzler herausgearbeitet. Von "Figl von Österreich" über den "Sonnenkönig Kreisky" bis zu Schüssel entsteht eine lebendige Ahnengalerie des neuen, des zweitrepublikanischen Österreich - und was wäre einem Land angemessener, in dem der Feudalismus längst nicht ausgestorben ist, als eine Ahnengalerie? Auch wenn wir beim letzten Bild, dem "Hasardeur als Dompteur" nicht nur Gutes ahnen!Österreichs politische Krise zu Beginn des 3. Jahrtausends - kein Zweifel, hier wird Klartext geredet, hier wird weit ausgegriffen. Gerfried Sperl, der Chefredakteur des liberalen Standard, nimmt es aber vor allem im Detail genau. Zum Beispiel zeichnet er minutiös die Ereignisse nach, die tatsächlich zum Ende von Rot-Schwarz geführt haben. Er weist nach, dass Schüssel nicht von Anfang an Schwarz-Blau im Sinn hatte und geschickt die Fehler Klimas ausnützte, der abgehoben von seiner Partei agierte und auf die Position des Finanzministers nicht verzichten wollte. Zugleich wird deutlich, dass von Anfang an der "Rechtsverbinder" Bartenstein die FP-Option offen hielt. Sperl versteht es, seine Protagonisten intellektuell und kulturell festzumachen; an Bartenstein zeigt er, wie die Wende im Milieu der steirischen, von Josef II. Krainer ermutigten nationalkatholischen Rechten wurzelt. Sperl hat mit vielen Protagonisten gesprochen, teilweise unter erhellenden Prämissen: Zum Beispiel befragte er Regierungsmitglieder über ihre Empfindungen am Tag der Angelobung, als sie durch den Tunnel zum eisigen Präsidenten schlichen. Die Stärke des Buchs, die Genauigkeit und der vielfältige Einsatz von Statements und Dokumenten, ist auch seine Schwäche. Oft ähnelt es einer Materialsammlung. Allerdings ist mir eine gute Dokumentation lieber als schlechte Polit-Literatur; die mitunter etwas bruchstückhafte Anmutung des Buchs zwingt einen aber, Defizite des Lektorats festzustellen. In dieser Hinsicht wurde bereits die falsche Schreibung zahlreicher Namen moniert; am interessantesten ist vielleicht die durchgängige Version "Bärenthaler" statt "Bärentaler". Dieser Archaismus scheint gerade bei einem Gelände unangebracht, bei dem das Bewusstsein der Vorläufigkeit der Besitzverhältnisse wachgehalten werden sollte. Aber das sind Kleinigkeiten, für die uns die Fülle der Details und der (stets deutlich angeführten!) Quellen mehr als entschädigt. Wussten Sie, dass Haider seiner Frisur mit Ginkgo-Biloba-Extrakt "matten Glanz verleiht"? Zu einer Aussage findet Sperl ebenfalls. Die Wende ist ein Systemwechsel: "Der Neo-Liberalismus erbte vom Kapitalismus dessen Schattenseite: den Faschismus." Die Hoffnung, ihn zähmen zu können, kann sich als frommer Wunsch erweisen.Der Autor, studierter Raumplaner und Politikwissenschaftler, einem kleinen Kreis bekannt durch Essays in der verblichenen Zeitschrift FORVM und fallweise im Falter, beschäftigt sich, so die trockene Autorenzeile, "mit Nationalismus und Kapitalismus". Er führt detailreich und umschweifig den Nachweis, Haider sei ein bürgerlicher Politiker. Damit steht er zwar nicht allein; es gibt eine linke Tradition der Kritik, die sich mit Thesen wie "Haider = Vranitzky" - so Markus Wilhelm, Herausgeber der Innsbrucker Zeitschrift Foehn - hervortat. Auingers These beruht auf einer im Vorwort als Faktum ausgeführten Prämisse, dass es sich bei Demokratie und Faschismus um "zwei Varianten der bürgerlichen Herrschaft" handle. Vernachlässigt man - so man kann - diese These, die jeden Unterschied zwischen "Citoyen" und "Bourgeois" ignoriert und Faschismus mit dem NS-Regime gleichsetzt, bleibt ein gut informierter und - im Vergleich zu anderen Haider-Kritikern - erbarmungsloser Haider-Kritiker übrig. Allerdings stutzt selbst der bravste Postmarxist bei Auingers Argument, "nichts von den Gewaltmitteln eines modernen Staates, die Hitler benutzte, musste er extra erfinden". Die Lektüre zeitgeschichtlicher Werke wäre dem Autor zu empfehlen, dort ist nachzulesen, dass Hitler sich schon durch die Selbsternennung zum Führer vor- und außerstaatliche Legitimation zu verschaffen versuchte; die NS-Herrschaft also etwas wesentlich anderes war als "eine Konzentration staatlicher Macht", nämlich "außernormative Führergewalt" (Buchheim u.a.: "Anatomie des SS-Staates"), die sich außerhalb demokratischer Normen stellte. Wie gesagt, vermag man davon abzusehen (ich vermag es nicht), wird man dieser Analyse eines klassenbewussten und polemisch gestimmten Beobachters einiges abgewinnen, vor allem, weil sie sich weitgehend auf Haider-Texte stützt.Der Linzer Psychologieprofessor Walter Ötsch ist Experte für Neuro-Linguistisches Programmieren und coacht Führungskräfte in dieser Disziplin, in welcher ja auch der FPÖ und ihrem einfachen Mitglieds-Führer außerordentliche Fähigkeiten zugeschrieben werden. Dennoch porträtiert Ötsch Haider und die Seinen nicht als NLP-Benutzer, sondern bloß als Leute mit "einem umfangreichen Wissen über kommunikative Prozesse". Hier hätte man gern mehr gewusst, wenngleich einem das Buch über die Taktiken Haiders durchaus ironisch, aber umfassend die Augen öffnet. Dass Ötsch das Konzept einer Handlungsanleitung wählt, dient zwar der Ironie, legt aber die Befürchtung nahe, dass es von betroffenen gegnerischen Politikern nicht gelesen werden wird, um Haider und den Seinen zu begegnen, sondern eher, um sie zu imitieren und mit eigenen Waffen zu schlagen. Der Rest von uns ist durch Ötsch zumindest ein bißchen schlauer geworden.Dieses Österreichbuch ersetzt einen Stapel anderer. Es ist solide, denn es ist eine Art Lehrbuch. Es ist schnörkellos, denn die beiden Politologen haben keinen literarischen Ehrgeiz. Dafür ist es systematisch und hat auch den Bezugsrahmen im Auge: Österreich in der postnationalen Phase. Es gibt keine bessere und zugleich kurze Zusammenfassung des politischen Systems in Österreich. Es gibt auch keine klarere und zurückhaltendere Analyse gegenwärtiger Tendenzen: Entstaatlichung versus korporatistische Elemente der populistischen Partei; Entaustrifizierung Österreichs im europäischen Rahmen; Gender Politics; Zivilgesellschaft; Medienkonzentration. Wer zudem immer schon wissen wollte, was Sozialpartnerschaft wirklich ist oder wie österreichische und EU-Institutionen wirklich zusammenspielen, bekommt hier knappe und kompetente Auskunft.Hier kann es nur um die von den 14 EU-Mitgliedstaaten gegen Österreich verhängten Maßnahmen gehen, die man zu Recht nur mehr "Sanktionen" nennt. Die beiden Kurier-Journalisten legen einen ausführlichen Apparat vor, der aus dem kompletten Weisenbericht und einer Chronologie besteht.
Dazu kommt ein knapp 30 Druckseiten umfassender Bericht, der die politischen Ereignisse von der Verhängung bis zur Aufhebung der Sanktionen schildert.
Gewagt scheint die These, bis zu einem gewissen Maß hätten die Sanktionen "der Selbstentschuldigung" jener Länder gedient, deren Verhältnis zum Nationalsozialismus selbst ungeklärt sei: Frankreich, Holland, Belgien, Dänemark, Deutschland. Andererseits wird auch die zwiespältige Rolle der österreichischen Innenpolitiker nicht unterschlagen. Das letzte Wort hat Luxem-burgs Premierminister Jean-Claude Juncker: "Wäre der Schaden für Österreich und die EU nicht größer gewesen, hätten die 14 nicht reagiert?"

Armin Thurnher in FALTER 42/2000 vom 20.10.2000 (S. 22)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Eine europäische Affäre (Margaretha Kopeinig, Christoph Kotanko)
Österreichs Kanzler (Peter Pelinka)
Österreichische Politik (Anton Pelinka, Sieglinde K. Rosenberger)
Haider (Herbert Auinger)
Der Machtwechsel (Gerfried Sperl)

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