Meine Wurzeln sind anderswo
Österreichische Identitäten

von Barbara Coudenhove-Kalergi

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Verlag: Czernin
Format: Hardcover
Genre: Geschichte/Neuzeit bis 1918
Umfang: 180 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.04.2001

Rezension aus FALTER 32/2001

Barbara Coudenhove-Kalergi über Heimat, den Flieder in Prag, die "falschen Böhmen" und darüber, warum sie mehr über das Schicksal der Sudetendeutschen weiß als Jörg Haider.

Im September 1999 affichierte die Wiener FPÖ gelbe Plakate mit dem Spruch "Stopp der Überfremdung". "Da wird vermittelt, dass alles, was von draußen kommt, bösartig ist und gefährlich für unsere Identität und unsere Heimat", meinte Barbara Coudenhove-Kalergi und hatte die Idee für ein Buch: Erhard Busek, Ioan Holender, Wolfgang Petritsch, Barbara Rett, Coudenhove selbst und andere honorige Österreicher schreiben "Meine Wurzeln sind anderswo".

Coudenhoves Vorfahren stammen aus halb Europa und aus Asien. Sie wurde in Prag geboren und musste 1945, mit zwölf Jahren, über Bayern nach Salzburg flüchten. Heute lebt die ehemalige ORF-Journalistin als Autorin und Kommentatorin in Wien.



Falter: Frau Coudenhove, wo fühlen Sie sich zu Hause, wo ist Ihre Heimat?

Barbara Coudenhove-Kalergi: Ich mag das Wort Heimat eigentlich gar nicht mehr unhinterfragt aussprechen. Weil viele Leute, die außerhalb Österreichs geboren wurden, finden, dass sie mehrere Heimaten haben. Also ich fühle mich in Österreich schon wohl und zu Hause, aber Prag, meine Heimatstadt, ist mir natürlich auch nach wie vor lieb und wert.

Was macht Heimat aus: Menschen oder Orte?

Beides. In unserem Buch gibt es da die verschiedensten Definitionen. Es gibt Leute, die sagen, es ist ein Duft, ein bestimmtes Licht, die Sprache.

Für Sie ist es der Duft des Flieders?

Ja. Wenn man hinaufgeht zum Hradschin, besonders im Frühjahr, wenn der Flieder blüht und alles duftet, und man sieht dieses unglaubliche Panorama, das ist schon etwas Wunderschönes.

Das Verhältnis zwischen Ihren beiden Heimaten, Österreich und Tschechien, ist derzeit gespannt.

Die Österreicher können die Tschechen nicht leiden. Die ganze Aufregung um Temelín hat damit zu tun, dass es ein böhmisches Graffelwerk ist. Es gibt ja auch in Ungarn Atomkraftwerke, in Deutschland, in Frankreich. Das hat auch damit zu tun, dass die Tschechen in Wien zur Zeit des Bürgermeisters Lueger, Anfang des Jahrhunderts, als es eine große Zuwanderung gab, nur dann das Heimatrecht bekamen, wenn sie sich verpflichteten, Deutsch zu reden. Wenn man tschechisch redend erwischt wurde, dann konnte man ausgewiesen werden. Daher kommt das Vorurteil "der falsche Böhm".

Die FPÖ will den EU-Beitritt Tschechiens nicht nur von Temelín abhängig machen, sondern auch von der Abschaffung der BenesÇ-Dekrete. Können Sie als Betroffene das verstehen?

Ja, wir haben diese wirklich schlimmen Dinge, die sich im Jahr 45 abgespielt haben, selber erlebt. Da gabs Mord und Totschlag, und viele, die seit Generationen dort ansässig waren, wurden ihres Besitzes beraubt und mussten zu Fuß das Land verlassen. Diese Dekrete aufzuheben ist etwas anderes, weil diese zwei oder drei Dekrete ein Teil von über hundert Dekreten sind, die faktisch die Grundlage der Gesetzgebung sind. Da plötzlich zwei aufzuheben ist juridisch wirklich schwer möglich. Es ist sozusagen die Grundlage des Nachkriegs-Rechtssystems. Die Tschechen sagen, das ist "totes Unrecht", es gilt nicht mehr, aber es formell aufheben, das geht nicht. Ich glaube auch, dass es für die meisten Vertriebenen gar nicht so darauf ankommt, dass sie etwas zurückbekommen. Die Tschechen sind viel ärmer als die Österreicher. Was die Leute aufregt und zu Recht aufregt, ist, dass ihr Unrecht nicht anerkannt wird, dass man einfach darüber hinweggeht und vergisst.

Eine offizielle Entschuldigung wäre Ihnen also wichtiger?

Ja, und es erscheinen nun in Tschechien auch viele Artikel, viele Bücher, es gibt Historiker, die das, was man Vergangenheitsbewältigung nennt, jetzt ernsthaft in Angriff nehmen. Und ich wundere mich dann manchmal, wenn jemand wie der Herr Haider, der in seinem arisierten Bärental sitzt, ausgerechnet mir - also denen, wenn man so will, denen ihr Erbteil weggenommen worden ist - das Leiden der Sudetendeutschen erklären will. Da glaube ich wirklich, dass diejenigen, die das erlebt haben, besser darüber Bescheid wissen.

Eva Weissenberger in FALTER 32/2001 vom 10.08.2001 (S. 14)


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