Der dritte Mann. Auf den Spuren eines Filmklassikers.
343 S/W-Abbildungen

von Brigitte Timmermann, Frederick Baker

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Czernin
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 12/2003

Brigitte Timmermann und Frederick Baker rekonstruieren in einem üppig ausgestatteten Bildband die abenteuerliche Produktionsgeschichte des Filmklassikers "Der dritte Mann".

Man kann sie an den Fingern einer Hand abzählen: diejenigen Filme, die Historiker, Cinephile und Filmwissenschaftler gleichermaßen begeistern und die so sehr dazu einladen, bis ins kleinste Detail erforscht und dokumentiert zu werden wie "Der dritte Mann". Carol Reed, der bekannte britische Regisseur, machte das Nachkriegswien von 1948/49 zu einem seiner Hauptdarsteller. Und nicht nur hierzulande sind Topoi wie Riesenrad, Schwarzmarkt oder die Verfolgungsjagd durchs Kanalnetz bis heute untrennbar mit dem Titel verbunden. Aber wie viel man bislang nicht wusste!

Nun hat die Wiener Stadthistorikerin Brigitte Timmermann, die seit mehreren Jahren "auf den Spuren" dieses Filmklassikers wandelte, die wohl definitive Produktionsgeschichte zum "Dritten Mann" vorgelegt. Sie zeichnet die schwierigen Bedingungen nach, unter denen der Film, diese erste internationale Großproduktion, die nach dem Krieg in Österreich gedreht wurde, entstand: recherchierte die Schauplätze, studierte die Drehpläne, befragte unzählige Mitarbeiter, ging etlichen längst vergessenen Biografien nach - etwa jenen der "Doubles" von Orson Welles (Otto Schusser, Komparse) und von Joseph Cotten (Heinz Lazek, Boxeuropameister und Edelstatist bei der Wien-Film).

Schon aus dem Neben- und Miteinander der beiden Stars aus den Vereinigten Staaten mit englischen, österreichischen und manchen gerade erst aus dem Exil heimgekehrten Kräften bekommt man ein Bild von den damaligen Verhältnissen: der Teilung der Stadt (in die vier alliierten Zonen) und jener der Welt (wir befinden uns am Höhepunkt des Kalten Krieges). Graham Greene beispielsweise, Drehbuchautor des Films, war jahrelang für den MI6, die britische Auslandsspionageabwehr, tätig und unterhielt Kontakte etwa zu einem gewissen Peter Smolka (alias Smollett). Der war ein ehemaliger "Februarkämpfer", der bereits seit den Dreißigerjahren für den sowjetischen Geheimdienst arbeitete (und seinerseits, wie auch Greene selbst, mit dem legendären Doppelspion Kim Philby befreundet war) und den Schriftsteller mit den Feinheiten der Wiener Halbwelt vertraut machte.

Was heute wie reines Agentengarn anmutet, hatte dazumal also einen durchaus realen Hintergrund. Ihm verdankt sich manch unvergessene Szene des Films - etwa die, die dem ersten Auftritt des "toten" Harry Lime (Welles) vorausgeht und in der sein vom Alkohol leicht illuminierter Freund (Cotten) auf der Mölkerbastei in die stockfinstre Nacht hinausschreit: "What kind of spy do you think you are - satchelfoot?"

Vielleicht ist es gerade dieser Reichtum an Geschichten, die Lust am Erzählen, die auch ein gravierendes Problem des Buches offensichtlich macht. Es ist unkritisch, ja, in der Einschätzung mancher der handelnden Personen völlig untragbar. In den Anmerkungen zu Greene etwa werden dessen rassistische Pamphlete aus den Dreißigerjahren - unter anderem gegen den "dunklen, fremdländischen Manager" oder "den ungarischen Produzenten" (wie zum Beispiel Alexander Korda, mit dem er hier zusammenarbeitete!) - mit keinem Wort erwähnt. Die zweifelhafte Vergangenheit des Produktionsassistenten Karl Hartl (schon während des Kriegs leitender Produzent der Wien-Film) anekdotisch verbrämt und Paul Hörbiger, allen Ernstes, wieder einmal zum Widerstandskämpfer geadelt.

Die zig kleinen Fehler (aus dem englischen Regisseur Winner wird ein US-amerikanischer gemacht, aus dem Anti-Nazi-Film "Night Train to Munich" eine Komödie, aus "FP 1" der "erste Sci-Fi-Film der Ufa" und aus dem gebürtigen Ungar Pressburger ein Deutscher etc.) sind nur für ein Fachpublikum relevant. Befremdlich aber ist, wie sorglos Frederick Baker, der "Autor" des großartigen Bild-Essays, der das gesamte Buch flankiert, gelegentlich mit dem Material anderer umgeht. Darunter auch mit einem der berühmtesten Bilder aus dem Nachkriegswien überhaupt: zwei Kinder mit Schubkarren, die im Prater bei einem liegen gebliebenen Panzer spielen. - Otto R. Croÿ hat es aufgenommen, aber den Namen des Fotografen sucht man hier vergebens.

Michael Omasta in FALTER 12/2003 vom 21.03.2003 (S. 32)


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