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Vorwort: Brigitte Hamann
Verlag: Czernin
Format: Hardcover
Genre: Ratgeber/Hobby, Haus/Fotografieren, Filme, Videofilmen
Umfang: 158 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.09.2003

Rezension aus FALTER 39/2003

In wenigen Wochen schließt Wiens bekanntestes Obdachlosenasyl. Ein Buch und eine Ausstellung befassen sich mit den Menschen in dem Männerwohnheim Meldemannstraße, in dem zwischen 1910 und 1913 Adolf Hitler lebte. Der "Falter" bringt daraus Bilder und Interviews mit letzten Bewohnern.

Wien Brigittenau, Meldemannstraße 25-29. Hier befindet sich eines bekanntesten Obdachlosenasyle Österreichs. Dass die Adresse im 20. Bezirk zum Ziel von Touristen, Historikern und Journalisten geworden ist, liegt nicht an seiner Bekanntheit als Obdachlosenunterkunft: In dem vor fast hundert Jahren im roten Wien als fortschrittliche Sozialeinrichtung eröffneten Männerwohnheim lebte von 1910 bis 1913 Adolf Hitler.

Demnächst wird das berühmt-berüchtigte Asyl für immer geschlossen, die Bewohner werden in andere Einrichtungen übersiedelt. Zum Ende der Meldemannstraße erscheint ein Buch, in dem die Geschichte und Geschichten des Hauses und seiner Bewohner dokumentiert sind. Bilder der Fotografin Hertha Hurnaus für das Buch sind in einer Ausstellung in der Künstlerhaus-Passage-Galerie zu sehen. Der Falter bringt vorab Fotos und Passagen aus dem Buch, dokumentierte Gespräche, die mit den letzten Bewohnern des Hauses Meldemannstraße geführt wurden.

Herbert V., 68:

"Es ist hier nicht auszuhalten"

Ich wohne hier seit einem Jahr. Ich will so schnell wie möglich wieder raus, es ist hier nicht auszuhalten. Mit niemandem rede ich, bestohlen wurde ich auch schon. Den ganzen Tag lese ich meine Groschenromane, Zeitungen lese ich schon lange nicht mehr. Was interessiert es mich, dass jemand erschlagen worden ist, dass eine Trafik ausgeraubt worden ist? Das alles interessiert mich nicht mehr. Politik sowieso nicht. Früher habe ich viel mehr Freude am Leben gehabt, in der Meldemannstraße ist mir die Freude vergangen. Ich bin der Herbert, der arme Hund.

Wilhelm Z., 81:

"Mein Zimmer ist das Hitlerzimmer"

Ich bin mir sicher, dass ich im ehemaligen Hitlerzimmer wohne, das habe ich so gehört. Mein Zimmer ist das Hitlerzimmer. Dieses Jahr verbringe ich meine zweiten Weihnachten in der Meldemannstraße. Mir gefällt es hier. Die Leute hier sind freundlich, die meisten zumindest. Manche sind aber auch unfreundlich.

Der Wiener Bürgermeister schreibt mir jedes Jahr eine Postkarte zum Geburtstag. Man kennt mich in Wien, ich bin ein Original. Ich habe immer meine Uniform an, meine Polizeikappe auf dem Kopf, an meiner Brust sind viele Orden angeheftet. Die Orden habe ich gesammelt, auf Flohmärkten. Viele habe ich beim großen Flohmarkt gefunden, der jeden Samstag an der Wienzeile stattfindet. Seit ein paar Jahren kennt man mich nur noch in Uniform, ich habe überhaupt nichts mehr anderes anzuziehen. Nur noch meine grüne Uniform mit den Orden. Und mit der Schleife am Ärmel. Rot-weiß-rot. Ich bin ja ein stolzer Österreicher.

Franz K., 66:

"Zelle sage ich spaßeshalber"

In meine kleine Wohnung habe ich einige Gartenzwerge gestellt. Eigentlich habe ich gedacht, dass sie Glücksbringer sind. Doch Glück haben sie mir bisher nicht viel gebracht. Sie sind auch so schön. Seit elf Jahren wohne ich hier. Am Anfang habe ich noch in einem Saal mit dreißig Leuten geschlafen, man hat damals fast eine Pistole unter dem Kopfkissen benötigt, so rau waren die Sitten. Seit einigen Jahren habe ich jetzt meine eigene Wohnung. Zelle sage ich dazu spaßeshalber. 1991 bin ich aus dem Gefängnis gekommen, direkt in die Meldemannstraße. Zehn Jahre saß ich wegen Raubes, diese Zeit, das mag komisch klingen, ist aber schnell vergangen, weil ich im Gefängnis immer gearbeitet habe. Ich habe meinen Tag- und Nachtstrom gehabt. Meine Radioanlage. Gesessen bin ich für einen Raub, mit Gewalt habe ich zugeschlagen. Ich habe einmal jemandem ein Ohr abgeschnitten, weil er mir einen hohen Geldbetrag schuldig war. Dafür bin ich sechs Jahre im Gefängnis gesessen. Seit elf Jahre bin ich jetzt straffrei, ich bin jetzt zu alt für solche Sachen.

Roman S., 45:

"Ich brauch nur meine Ruhe"

Die furchtbaren Sachen in diesem Haus habe ich locker weggesteckt. Seit ich auf meinem Stockwerk bin, haben wir zwanzig Tote gehabt. Nur auf unserem Stock! Das ist ein bisschen eine harte Sache. Einer hat sich versoffen, der andere hat sich mit Pulver umgebracht, wieder ein anderer hat sich zu viel gespritzt. Ich brauche das nicht, ich brauch keine Spritzen, ich brauch gar nichts, ich brauch nur meine Ruhe. Wenn ich die nicht habe, dann verschaffe ich sie mir schon. Auch wenn ich angetrunken bin - ich wehr mich schon gegen jeden, der mir Übel will. Ich hau ihm eine auf die Pappn, aber nicht auf dem Stockwerk, sondern im Garten. Und das wars. In der Früh sind wir dann wieder gute Haberer. Da gibt man sich wieder die Hand, da geht man wieder auf ein Trankl, und das wars. Passt.

Rudolf H., 35:

"So übel ist es hier gar nicht"

Ich war verheiratet, Scheidung. Das alles. Alimente zahlen, die Wohnung verlieren. Wichtig war, dass die Kinder in der Wohnung bleiben können. Ein Jahr lang habe ich sie dann nicht gesehen, seit einem halben Jahr gibt es mit meiner Exfrau aber wieder eine Zukunft. In der Meldemannstraße bin ich seit März vergangenen Jahres. So übel ist es hier nicht: Es gibt Leute, die ausgezogen sind in einen Gemeindebau, die besuchen uns regelmäßig. Dort, so jammern sie, hätten sie keine Nachbarn, mit denen man reden kann. Die kommen tatsächlich immer wieder zurück. Hier kann ich mit allen reden, hier habe ich meine Freunde und Kollegen. Ich bekomme jetzt auch eine Wohnung. Ich bin auch von den Schulden befreit. Am 18. April 2003, das habe ich mir in großen Buchstaben hier in meinem Zimmer an die Wand geschrieben, war ich schuldenfrei. 30.000 Euro war mein Schuldenberg hoch.

Karl M., 43:

"Pass auf, dass nicht du hineinkommst"

Auf unserem Stockwerk ist es ziemlich ruhig. Gesoffen wird auf jedem Stock, bei uns hält sich das aber in Grenzen. Ich darf nicht so viel trinken, ich bin Epileptiker, ein Bier geht gerade. Dreimal habe ich schon einen Köpfler gemacht. Umgefallen bin ich da einfach. Einer, der das beobachtet hat, hat gemeint: Ich habe Angst gehabt, du gehst in eine andere Welt. Aber so schnell stirbt man nicht, ich überhaupt nicht, ich bin zäh.

Ich habe kein Problem damit, in der Meldemannstraße zu wohnen, in allen Kaffeehäusern in der Umgebung haben sie mich gern. Wenn einer etwas Abfälliges sagt, antworte ich: Pass auf, dass nicht du auch einmal hineinkommst. Für mich war es kein langer Weg, das kann von heut auf morgen gehen. Manchen gehört hier einfach mehr geholfen, viel mehr. Da sind grausige Sachen passiert: Einer pinkelt auf die Semmel und isst sie dann. Na, Mahlzeit, wirklich. Ich wünsch das keinem, dass er hier hereinkommen muss. Wenn es aber sein muss, dann bleibt einem nichts anderes über. Ein Bett, ein bisschen Privatsphäre muss sein.

Engelbert K., 55:

"Viele haben sich schon verabschiedet"

Gut, ich bin selber schuld, ich habe Geld gehabt, ein Haus in Vorarlberg hat mir gehört: Was kostet die Welt? Was habe ich heute? Blöde Zettel habe ich in der Hand, Bescheinigungen vom AMS, Geburtsurkunde, Staatsbürgerschaftsnachweis. Ich habe immer alles beieinander, weil sonst bist ja niemand. Ich habe ein Sparbuch. Ich habe einen Videorekorder, einen Fernseher, aber trotzdem bist eine Null, musst in der Meldemannstraße leben. Auf meinem Sparbuch sind 450 Euro. Vielleicht kann man mit 500 Euro etwas machen, vielleicht bekomme ich damit eine Chance. Es geht einmal rauf, einmal runter. Ich war oft ganz unten und habe mich wieder aufgerafft, es kommt immer nur auf dich selber an. Ich werde 55, mich muss aber einer erschlagen, damit ich unten bleib. Wo ich schon überall unterwegs war, alles habe ich gesehen, ich habe ein Handy, einen Fernseher, aber das ist ja alles unnötig. Nötig ist nur irgendeine menschliche Ansprache. Viele haben sich hier schon verabschiedet, ich meine sich selbst umgebracht, ich aber nicht! Niemals.

Markus P., 35:

"Neben mir ist der Ali gelegen"

Die erste Zeit nach dem Gefängnis war nicht schön und ziemlich zäh. Weil als Neuling in der Meldemannstraße bekommst nur ein ganz kleines Zimmer mit ganz dünnen Wänden. Neben mir ist der Ali gelegen, das war ein Schwuler. Der hat mich gleich in der ersten Nacht aufgeweckt und mir gesagt: Hey, ich würde gern zu dir rüberkommen. Ich habe mir das aber im Gefängnis erspart, ich habe ja nichts gegen Homosexuelle. Aber mich sollen sie in Ruhe lassen. Habe ich ihm einfach gesagt: Schleich di. Ich habe in dieser Beziehung schon Ärgeres erlebt. Ich war 15, ich war mit älteren Burschen unterwegs. Die Hörner wollte ich mir abstoßen, man kommt sich ja wichtig vor, wenn man mit den Größeren saufen geht. Da hat mich einer immer eingeladen. Auf einmal sagt er zu mir: Willst dir 5000 Schilling verdienen? Du könntest mir helfen, ein paar Sachen runterzutragen aus der Wohnung. Ich gehe dorthin, auf einmal sitzt der mit einem Tangaslip da, sagt er: Machen wir es uns gemütlich. Auf einmal schaltet er den Videorekorder ein, einen Pornofilm hat er mir gezeigt, einen extrem harten. Massieren wollte er mich dann. Red jetzt nicht weiter, habe ich ihm gesagt, sonst muss ich dich niederhauen.

Karl H., 45:

"Weil ich sonst nirgends hin kann"

Es gibt Menschen, die wollen dich vernichten, es gibt Menschen, die wollen dich aufbauen. Ich bin wegen meiner Scheidung da. Ich habe dadurch sechs Millionen Schilling verloren, das hat wehgetan. Jetzt verdiene ich wieder 1700 Euro, ich habe es geschafft. Jetzt arbeite ich als Allrounder, gelernt habe ich Schalungstechniker. Warum bin ich immer noch da, seit zwei Jahren? Ich sage nicht: weil ich hier alles habe. Das ist Blödsinn. Ich bin da, weil ich sonst nirgends hin kann. Ich bin kein schlechter Kerl, ich schau nicht schlecht aus; eine Prinzessin auf dem Gaul kommt deswegen aber nicht vorbei, und sagt: Karli, ich nimm dich.

Sechs Jahre habe ich keine Frau angeschaut. Warum hat mir meine Frau mein Herz gebrochen? Ich habe sie geliebt, so wie sie war, mit ihren Fehlern. Mir zwei kommen zu was, das habe ich gespürt. Und diese Frau hat mir das Herz gebrochen. 30.000 Schilling habe ich jeden Monat nach Hause geschickt. Komme ich nach Hause, liegen Zigaretten im Aschenbecher. Frage ich sie: Was ist los? Wir haben Besuch gehabt, ein Onkel. Sie hat nichts gesagt. Man kann ja verzeihen, man muss ja nicht gleich die Fäuste springen lassen. Nach drei Monaten komme ich wieder nach Hause, zehn Tage früher als geplant. Da liegt einer im Bett, pudelnackig. Sie springt auf, sagt: Es ist nichts passiert, bitte, bleib da. Ich habe mir nur meine Papiere und frische Wäsche eingepackt. Dann bin ich weg. Am nächsten Tag habe ich die Scheidung eingereicht. Drei Jahre habe ich gebraucht, bis ich geschieden war. Sechs Millionen Schilling auf meinem Konto, zwei Millionen Bargeld habe ich verloren. Seit eineinhalb Jahren habe ich jetzt wieder eine ganz tolle Frau. 45 Jahre ist sie alt, ganz fantastisch. Sie weckt wieder mein Herz.

Franz T., 49:

"Irgendwie ist eine Kälte hier"

Frauen dürfen auch nicht in die Meldemannstraße. Sehnsucht habe ich aber nach Frauen, das geht allen so. Irgendwie ist eine Kälte hier, die kann man nicht beschreiben. Die Wärme einer Frau fehlt. Das ist das Problem. Eine Nacht habe ich eine Freundin von mir herinnen gehabt, die hat bei mir übernachtet. Verraten hat mich dann einer. Das ist alles kalt hier, eine kalte Atmosphäre. Hier gibt es keinen Zusammenhalt, außer man gehört in eine Runde, in der man trinkt.

Wolfgang Paterno in FALTER 39/2003 vom 26.09.2003 (S. 72)


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