The Art of Projectionism

von Frederick Baker

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Verlag: Czernin
Format: Taschenbuch
Genre: Kunst/Fotografie, Film, Video, TV
Umfang: 302 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.10.2007

Rezension aus FALTER 48/2008

Alles ist Walzer? Alles ist Leinwand!

Alles ist Leinwand. Von der Disco bis zur Kunstgalerie – die Projektoren sind aus dem Kino ausgebrochen und allgegenwärtig geworden. Eine neue Kunstform ist entstanden: der Projektionismus. Und Wien ist seine europäische Hauptstadt.
Im Zentrum dieser Szene steht
der "Salon Projektionist" am Neubaugürtel, die weltweit erste permanente Galerie für Projektionskunst, kürzlich eröffnet von Gery und Eva Herlbauer aka "4youreye" – in Wien. Als fünftbeste VJs der Welt (laut dem ­Londoner Szenemagazin DJ Kicks) schufen sie zusätzlich zu Jan Lauths langjährigen Ausstellungen im "Vpooort" in der Electric Avenue des Museums­quartiers die erste kommerzielle Plattform für die österreichische VJ-Szene.
Und die ist mannigfaltig, wie Salongründerin Eva Bischof-Herlbauer erklärt: "Obwohl Projektionen und Visuals aus den verschiedenen kulturellen Genres heute kaum mehr wegzudenken sind, sind die Künstlerinnen und Künstler, die hinter diesen visuellen Ereignissen stehen, in der Öffentlichkeit erstaunlich unsichtbar. Und das wollen wir ändern."

Es ist kein Zufall, dass Wien eine weltweite Trendsetterrolle im VJ-Bereich einnimmt. Hier wurde bereits im Barockzeitalter der Projektionismus eingeleitet. Noch heute kann man in der Karls-, Peters- oder in der Piaristenkirche, alle in Zentrumsnähe, die barocken Projektionen in Form von Fresken bewundern – massenmediale Kunst mit emotionsgeladenen Inhalten gab es schon damals.
In der Kandlgasse werden heute indes die lichtstärksten Theaterprojektoren der Welt produziert. Von ­Ludwig Pani entwickelt, werden sie seit 1962 eingesetzt, etwa bei Opernaufführungen unter Herbert von ­Karajan. Der Wiener Bühnenbildner Günther Schneider-Siemssen hauchte den Kulissen mit symbolhaften Projektionen Leben ein. Die neueste Generation dieser Projektoren macht den Airport-Tower in Wien-Schwechat zum (werbefinanzierten) Projektionskunstwerk, es handelt sich dabei um eine der technisch kompliziertesten Projektionen der Welt. Die Ungarin Dora Berkes bringt gerade ihre in Budapest entwickelten "Ray Paintings" nach Wien: Dabei spannt sie bemalte Glasplatten hinter Projektoren. Kürzlich erstrahlten ihre "Beam Beings" auf der Fassade der TU am Karlsplatz, die technische Ausrüstung dafür kam aus der Kandlgasse.
Am anderen Ende des Spektrums stehen Partys in Lokalen wie dem Flex am Donaukanal. Hier – in der Technoszene – versetzen Projektionskunstwerke die Gäste in andere atmosphärische Welten.
VMS, "Video Moving System", ist die neueste technische Entwicklung der Projektionskunst. Das ebenfalls in Wien von Thomas Kühne und Udo ­Kapeller entwickelte System ermöglicht den Künstlern eine maximale Beweglichkeit der Projektionen.
"Es entstehen zeitgebundene Unikate", sagt Eva Bischof-Herlbauer. "Sie werden gespeist aus Computeranimation, TV-Samples und selbstproduziertem Material. Sammelwut und Umdeutungskraft schaffen eine verwirrende Vielfalt."

Das Wesentliche an der Kunst eines VJs ist, sich auf die Musik des DJs einzustimmen und damit synchron zu werden. Wenn VJ und DJ aufeinander eingestellt sind, kann das Publikum eine Art von elektronischer Trance erleben. In der Praxis jedoch proben VJ und DJ kaum. Sie wissen im Normalfall nicht, was der jeweils andere spielen wird. Daher erfordert diese Kunstform etwa dieselben Improvisationskünste, die auch Jazzmusiker für ihre Darbietungen benötigen.
Fritz Fitzke sieht sich selbst als Projektionskünstler. Der Wiener entwickelte kürzlich eine spezielle halbkreisförmige Leinwand, auf die er die visuelle Begleitung seiner langjährigen Kollegen Peter Kruder und Richard Dorfmeister projiziert. ­Fitze hat gerade die Visuals für den Hof des winterlichen Museumsquartiers gestaltet, gemeinsam mit Lisa ­Malle und Johannes Menneweger aka "Pixkompressor".
Die Wiener VJs haben inzwischen ihre eigene Berufsbezeichnung erfunden, "Visualist", ein Anglizismus, der in der englischsprachigen Welt nicht verwendet wird.
Eva Bischof-Herlbauer nennt eine Wiener Eigenheit: die vielen weiblichen Visualistinnen. Julia Zdarsky aka "Starsky" oder Eva Fischer aka "E:v/a" sind nur zwei davon. Eva Fischer gründete mit "Sound:frame" ein VJ-Festival, das im März im Wiener Künstlerhaus zum dritten Mal stattfinden wird. Dann wird Wien ein Monat lang im Griff des Projektionismus sein. Die Bilder tanzen. "Alles Leinwand" löst "Alles Walzer" ab.

Frederick Baker in FALTER 48/2008 vom 28.11.2008 (S. 42)


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