Der unsichtbare Mensch
Wie die Anonymität im Internet unsere Gesellschaft verändert

von Ingrid Brodnig

€ 18,90
Lieferung in 2-7 Werktagen

Verlag: Czernin
Format: Taschenbuch
Genre: Sachbücher/Politik, Gesellschaft, Wirtschaft/Gesellschaft
Umfang: 176 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.02.2014

Rezension aus FALTER 7/2014

Unendliche Weiten, empörende Höhen

Vom Auszucken und vom Erwachsenwerden: Ingrid Brodnigs Buch seziert nüchtern und präzise die Schwächen der Internetgesellschaft

Ingrid Brodnig, die Leiterin des Medienressorts im Falter, hat bei mir eine Art Erleuchtung verursacht. Und zwar noch bevor ihr neues Buch "Der unsichtbare Mensch. Wie die Anonymität im Internet unsere Gesellschaft verändert" erschienen ist. Dass es nun erschienen ist, freut mich sehr, es hätte mich allerdings noch mehr gefreut, wenn es schon vor einem halben Jahr erschienen wäre.
Dann hätte ich nicht nachträglich mit ihr gesprochen, sondern quasi am Abgrund vorbeugend. Ich hätte meine eigenen Erfahrungen mit dem anonymen Posten durchaus anders verarbeiten können. Ich hätte mit meinen Forderungen konkreter und damit konstruktiver werden können.
Die wesentlichen Punkte in Ingrid Brodnigs Buch sind klar und fundiert präsentiert. Viele Fakten waren mir bis dato absolut unbekannt, und umso erfreulicher ist es, diesen wichtigen Tatsachen auf übersichtlich zusammengefasste Art und Weise begegnen zu können. Brodnig erzählt von dem ersehnten Wechsel der Identität, wie im Falle des chinesischen Dissidenten Michael Anti, von Tor und von politischem Widerstand und von Kinderpornografie und der namenlosen, aggressiven Masse eines uneinschätzbaren, jagenden Kollektivs.
Brodnig untersucht unterschiedlichste Aspekte des Internets, ohne sie zu werten: Es ist dies eine kühle und distanzierte Betrachtung möglicher Welten mit gründlicher Recherche und Verknüpfungen verschiedener Aussagen von Experten oder Betroffenen oder anonymen Usern.

Das Beispiel Michael Anti
Manche wiederum tragen ihren Namen stolz vor sich her, wie der Blogger Michael Anti, für mich eines der spannendsten Kapitel im Buch. So weich sei sein echter Name gewesen, schildert er Ingrid Brodnig in einem Interview, dass er die kantige Version gebraucht habe, um Mut zu schöpfen, öffentlich gegen das Regime in seinem Heimatland China anzutreten. Eben Anti zu sein.
Michael Anti wusste zudem, dass der neue Name seine Identität in China nicht verschleiern würde können: Das System kennt alle, durchdringt alles. Verstecken zwecklos. Michael Anti wählt seinen Namen also nicht zu seinem Schutz, wie viele anonyme User (und solche, die denken, anonym zu sein und zu bleiben), sondern zu seiner Transformation.
Mittlerweile lebt er in den USA. Seine Papiere sind auf Michael Anti ausgestellt. Die sogenannte virtuelle Realität und jene außerhalb des Internets verschwimmen. Durchdringen einander. Überlappen sich. Das hat gute und weniger gute Effekte auf unser Leben, und Brodnig durchleuchtet sie der Reihe nach.

Internet als Tool der Demokratie
Das Internet: ein wesentliches Tool der Demokratie. Die Annahme, dass die steigende Furcht vor der Stellungnahme mit Echtnamen auch ein Anzeichen einer ins Wanken geratenen Demokratie sei, ist so bestechend wie nachvollziehbar. Ich gestehe, ich hatte diese Tatsache nicht im Auge, als ich in meinem Kommentar in derStandard.at offensiv zu Echtnamenpflicht aufrief – oder zu intensiver Pflege des Online-Gartens.
Mag sein, dass ich – entsetzt über die Heftigkeit mancher Aggressionen und Dekonstruktivismen in den Onlineforen – ­darauf vergessen habe, wie verletzlich wir innerhalb eines totalitären Systems werden.

Die leichte Erregbarkeit
Dennoch halte ich fest, dass Österreich kein totalitäres System ist und es meiner Meinung nach theoretisch in den überwiegenden Fällen zumutbar wäre, den Einzelnen zu seiner Meinung stehen zu lassen.
Gleichzeitig wissen wir nun dank Snowden, wie fragil eben diese Demokratie und die Rechte des Einzelnen, was seine Privatsphäre anbelangt, sind. Brodnig geht aber noch weiter. Die Bedrohung, die von der Anonymität und der leichten Erregbarkeit anonymer Gruppen ausgeht, ist ebenso nicht zu unterschätzen wie die Vernetzung und Entwicklungsoption der kon­struktiven Möglichkeiten im Netz.
Die Fokussierung kleiner, aber lautstarker Gruppen von sogenannten Maskulisten, die auf frauenpolitisch relevante Foren und Blogs zugreifen, um dort den Austausch mehr als aggressiv zum Erliegen zu ­bringen, und die darum bemüht sind, eine große Menge Gleichgesinnter vorzutäuschen, ist de facto unzensiert ein Pro­blem. Es kann nicht sein, dass an einem Ort, der zum freien Austausch konzipiert worden war, das Recht des Lauteren durchgesetzt wird.
Denn das Ziel dabei ist klar: das Gegenüber zum Verstummen zu bringen, indem man es in Angriffen und Einschüchterungen erstickt. Diese Angriffe und Einschüchterungen sind ebenso verunsichernd wie verletzend.

Ruf nach einer neuen Achtsamkeit
Brodnig weist durchaus auch andere Wege durch das Labyrinth des Internets. Wo der Augenkontakt, die reale Begegnung fehle, müsse eine neue Achtsamkeit aufgebaut werden. Sie ruft sowohl die User als auch die Forenbetreiber zur Verantwortlichkeit auf.
Diese Verantwortlichkeit ist etwas, das in jeder Demokratie unerlässlich ist und ohne die die Zivilgesellschaft zunehmend an Zusammenhalt und Präsenz verliert. Kippt die Stimmung innerhalb eines Blogs oder eines Forums, werden die vernünftigen Stimmen leise oder verabschieden sich.
Was bleibt, ist eine triumphierende Troll-Vorhölle der Ex-Kommunikation. Es darf bezweifelt werden, dass dies jener Zustand ist, der von den Anbietern erwünscht wird. Man sagt, dass das Achten der Grenzen anderer ein Entwicklungsprozess sei. In diesem Sinne muss und darf das Internet erwachsen werden.

Julya Rabinowich in FALTER 7/2014 vom 14.02.2014 (S. 18)


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