Die alte Johanna

Roman
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Kurzbeschreibung des Verlags:

Die 13-jährige Johanna kommt voller Hoffnung auf eine Ausbildung in ein kleines niederösterreichisches Dorf. Doch dort angekommen, muss sie auf einem Bauernhof arbeiten, unentgeltlich und unter katastrophalen Bedingungen. Johanna teilt das Schicksal vieler unehelicher Mädchen im Österreich der 1930er-Jahre, das geprägt ist durch Armut, politische Unruhen und den aufkommenden Nationalsozialismus.
Jahrzehnte später muss Johanna einsehen, dass sie nicht mehr allein in dem Haus leben kann, in dem sie ihre acht Kinder großgezogen hat und in dem ihr Mann gestorben ist. Trotz der ewigen Geldknappheit, trotz der Vorurteile gegen das »rote Gesindel« am unteren Ende des Dorfes gelang es ihr, ihren eigenen Weg zu finden und ihre Familie zusammenzuhalten. Nun aber ist die Zeit gekommen, wo sie, die immer gegeben hat, auch nehmen lernen muss.
Renate Welsh erzählt einfühlsam und ergreifend über Johannas Leben und verknüpft es mit dem Schicksal einer ganzen Generation. Mit »Die alte Johanna« ist ihr eine grandiose Fortsetzung ihres Jugendbuchklassikers gelungen, die das Leben einer bemerkenswert starken und mutigen Frau resümiert.

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FALTER-Rezension

Warme Füsse

Die Schuhe machen den Unterschied. Als Johanna ein junges Mädchen war, musste sie bis Allerheiligen barfuß gehen. Um die Füße zu wärmen, stieg sie in frische Kuhfladen auf der Weide, wo sie die Tiere zu hüten hatte.

Es ist eine der vielen Geschichten, die die Schriftstellerin und Kinderbuchautorin Renate Welsh in ihrem Buch „Johanna“ aus dem Jahr 1979 erzählt. Aber es ist die ausschlaggebende, wie die Leserinnen und Leser nun in der Fortsetzung „Die alte Johanna“ erfahren.

Johanna ist keine fiktive Figur, sondern sie war Welshs Nachbarin in einem Dorf in Niederösterreich. Vor ein paar Jahren starb sie. Die beiden Frauen lernten einander 1965 kennen. Als Johanna immer wieder aus ihrem Leben erzählte, entstand in Welsh der Wunsch, ein Buch darüber zu schreiben. Doch die Nachbarin wehrte ab. Wie sollte sich eine Arzttochter in das Leben der Tochter einer ledigen Magd hineinfühlen?

Als Johanna eines Tages zu Besuch kam, sagte sie zu Welsh: „Wenn Sie wüssten, was wir beim Hüten getan haben, würden Sie nicht die Füße mit mir unter einen Tisch stecken. Da würde Ihnen ja grausen vor mir.“ Aber Welsh wusste es bereits. Nicht, weil es ihr jemand gesagt hatte, sondern weil es ihr logisch vorkam, wie die Mädchen ihre frierenden Zehen wieder in Bewegung gebracht hatten. Johanna war baff. „Na gut“, sagte sie, „wenn Ihnen das logisch vorkommt, dürfen Sie auch ein Buch über mich schreiben.“

Auf dem Titelbild des Romans „Johanna“ sind nackte Kinderfüße zu sehen, auf „Die alte Johanna“ Beine in festem Schuhwerk. Der Roman, der heuer im Frühjahr erschienen ist, beginnt damit, dass die mittlerweile über 80-jährige Protagonistin aus ihrem eigenen Haus in das ihrer Tochter zieht, weil sie allein nicht mehr für sich sorgen kann. Es fällt ihr schwer, das zu akzeptieren. Ihre Selbstständigkeit hatte sie sich hart erkämpft.

„Sie war das uneheliche Kind einer Bauernmagd, die das uneheliche Kind einer Bauernmagd war, die das uneheliche Kind einer Bauernmagd war, aufgewachsen bei Pflegeeltern, die gut zu ihr, aber selbst arm waren“, schreibt Welsh über Johanna. Und mit diesem Satz ist viel gesagt. Wie Welsh überhaupt immer das sagt, was notwendig ist, und mit ein paar Worten die Tür zu einer anderen Welt öffnet.

Johanna erlebte, wie viele ihrer Leidensgenossinnen- und genossen, eine grausame Jugend. Kinder lediger Mütter gab es unzählige. Doch nicht die Väter wurden geächtet, sondern die Frauen und deren Töchter und Söhne. Als Johanna eine Lehre machen wollte, hörte sie den Satz, den sie nie vergessen sollte: „Das wäre ja noch schöner, wenn ledige Kinder schon was wollen dürften.“ Dabei blieb es.

Johanna kam von ihrer burgenländischen Pflegefamilie in die Gemeinde, aus der ihre Mutter stammte. Der Bauer, dessen Magd sie nun war, ließ sie hart arbeiten, ohne Bezahlung. Dennoch sollte sie dankbar sein. Sie bekäme schließlich genug zu essen und keine Schläge.

Doch die „Dirn“, wie man Arbeitskräfte wie Johanna bezeichnete, beharrte auf ihrem Recht. Nach vier Jahren erhielt sie ihren ersten Lohn. „Johanna“ endete damit, dass die junge Frau schwanger wurde. Aber sie durchbrach den Teufelskreis ihrer Vorfahren. Peter, der Vater des Kindes, und sie würden heiraten. Er war Bauer und Sozialist. Im Dorf nannte man die Familie „das rote Gesindel am Ende des Dorfes“.

In der Fortsetzung mäandern die Erinnerungen Johannas durch die Jahrzehnte, unterbrochen von Begegnungen mit ihren erwachsenen Kindern in der Gegenwart. Welsh schließt mit „Die alte Johanna“ das einfühlsame Porträt einer Frau ab. Es beschreibt das Schicksal vieler Menschen, die unbeachtet geblieben sind.

Johannas Wunden verheilten nie ganz. Als Welsh im Frühjahr 1968 ihre Nachbarin fragte, ob sie mit ihr nach Gloggnitz einkaufen fahren wolle, sagte diese, sie müsse sich erst umziehen. Welsh, selbst im Arbeitsgewand, meinte, das sei doch nicht nötig. „Sie können sich das leisten, ich nicht“, antwortete Johanna.

Bis zu ihrem Tod würde Johanna dafür sorgen, dass alles perfekt war. Niemand sollte ihr etwas nachsagen können. Trotzdem hatten es auch ihre Kinder schwer. „Aus denen kann nichts werden“, sagte der Volksschuldirektor, „bei der Familie.“ Sie durften nicht in eine höhere Schule wechseln. Als ein Sohn Jahrzehnte später den Titel Professor verliehen bekam, war der Direktor unter den Gratulanten und „hatte es immer schon gewusst“.

Renate Welsh ist vor allem für ihre Kinder- und Jugendbücher bekannt. Die beiden „Johanna“-Bände bieten Lektüre für alle Generationen.

„Wärst du gern jemand anderer gewesen?“, fragt Sophie, Johannas Enkelin, ihre Großmutter. „Hör mal!“, antwortet diese. „Ein Leben sucht man sich doch nicht aus, wie ein paar Schuhe!“ Doch Sophie lässt sich nicht beirren und die beiden denken gemeinsam nach. Über das Starksein und das Einverstanden-sein-Müssen und ob ein hartes Leben eine gute Schule sei.

Zwei Frauen, eine am Anfang, eine am Ende ihrer Biografie. Kein Teufelskreis, sondern ein Lebensweg.

Stefanie Panzenböck in Falter 28/2021 vom 16.07.2021 (S. 30)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783707607246
Erscheinungsdatum 21.04.2021
Umfang 192 Seiten
Genre Belletristik/Erzählende Literatur
Format Hardcover
Verlag Czernin
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