Nackte Helden und andere Geschichten von Frauen

von Irene Prugger

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Verlag: Skarabäus
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 172 Seiten
Erscheinungsdatum: 21.02.2003

Rezension aus FALTER 21/2003

Irene Pruggers erzählt geistreich vom ganz normalen Wahnsinn zwischen Frauen und Männern und zwischen Tirol und Jesolo.

Es gibt Bücher, aus denen möchte man ganz viele Sätze zitieren. Aber was zeigen einzelne Sätze? Und dann möchte man erklären, wie sie geschrieben sind, mit welcher Genauigkeit, Detailfreude, mit welchem Esprit. Aber das sind ja nur Wörter (und dazu ziemlich abgegriffene). Wenn es sich, wie in diesem Fall, um Erzählungen handelt, dann möchte man die Themen, die Geschichten wiedergeben oder zumindest andeuten - aber es sind so viele, so viel bedeutsames, vieldeutiges, angedeutetes pralles Leben ...

Also fängt man am besten mit zwei, drei besonders gelungenen Geschichten an. "Nackte Helden" heißt der Erzählband der Tirolerin Irene Prugger, "Nackte Helden und andere Geschichten von Frauen", genau genommen. Dabei sind die Heldinnen natürlich Frauen, und die Männer meistens nur im durchschauenden Blick ihrer Gefährtinnen entblößt.

Etwa Karl in "Muscheln vom Strand in Jesolo", nicht mehr jung und mit einem Bauch, der "sich gedunsen wölbte und den Rand der Schwimmhose unter sich einkringeln ließ". Gemeinsam mit den "ringförmigen Wülsten" des Bauchs seiner Frau Helga geben sie "ein Paar ab, das ausschließlich auf den Strand von Jesolo passte". Vom Alter erhofft sich Helga schon lange keine Würde mehr, "bloß das Ende der quälenden Sehnsucht". Während Karl, bewaffnet mit einer neuen Brille, seine Träume mit barbusigen Schönheiten ausstattet, gibt sich Helga im Hotelzimmer, grimmig der Wahrheit des eigenen Leibes ins Auge blickend, einem Fremden hin: "Dann legte sie sich hin und ließ ihn über sich, 1000 Kilometer von zuhause und mindestens genauso weit von der Liebe entfernt."

Cornelia in "Niemandsland" begegnet ihr "Held" in der Bank - als Kidnapper. Seine Dummheit, "unter all den in der Schalterhalle zur Auswahl hingestreckten Personen ausgerechnet sie als Schutzschild zu wählen" - sie, die sonst ständig übersehen wird -, löst in Cornelia nur Schadenfreude aus. "Sie konnte niemanden schützen." Aber sowenig wie der Räuber begreift, dass er die Falsche ausgesucht hat, begreift die Polizeistreife, dass sie die Richtigen wären: zur Verhaftung. Und Cornelia beginnt sich zu fragen, inwieweit man sich der Flucht eines anderen anschließen kann. Ein unfreiwilliger Richtungswechsel, der zu einem Neubeginn zu drängen scheint - aber es kommt doch ganz, ganz anders.

Es sind Frauen Anfang zwanzig, Mitte dreißig oder auch schon sechzig, gefangen in Geld-Zwängen und Liebes-Engen, Frauen, die wissen, dass ihresgleichen "nur auf Abwegen überholen" kann, die sich keine Hoffnungen (mehr) machen und doch weitergehen. Die Transformationsprozesse, die Prugger vorrangig interessieren, werden ausgelöst von einer Erkenntnis. Und die Stärke ihrer Protagonistinnen - beileibe keine so genannten Powerfrauen - liegt darin, diese Erkenntnis auszuhalten.

Zum Beispiel Luise in "Metamorphose", eine der beeindruckenden älteren Frauen, die in einem Faschingsschabernack vor die Entscheidung gestellt wird, in ihr jetziges Leben zurückzukehren oder als junges Mädchen "recycelt" zu werden - und diese verweigert, indem sie einfach die Türe aufreißt und durch die helle Wintersonne nach Hause stapft. Oder Anne in "Nachbarn", die unvermutet über die Ähnlichkeit ihres Gatten mit der jungen Nachbarsfrau stolpert und zur Einsicht gelangt, dass beiden das ihr so vertraute Misstrauen gegenüber dem Anschein der Dinge fehlt. Oder Martha in "Alternde Frauen", die nach ihrem sechzigsten Geburtstag plötzlich mit zweideutigen wilden Träumen und eindeutigen Anträgen zu kämpfen hat, im Gegensatz zu ihrer Freundin Hilde aber nur beinahe ein Blutbad anrichtet. "Weißt du, worin der Hochmut des Alters besteht?", fragt Fred, Hildes Mann, Martha, als sie seine Anzüglichkeiten nicht verstehen will. "Darin, dass wir so tun, als hätten wir noch immer nichts zu versäumen."

Kirstin Breitenfellner in FALTER 21/2003 vom 23.05.2003 (S. 68)


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