Grundlsee
Roman

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Haymon Verlag
Genre: Belletristik


Rezension aus FALTER 11/2013

Das große Grab am Grundlsee

Gustav Ernst hat einen Familienroman geschrieben. Das Überraschende: Er ist nicht grauslich, sondern einfühlsam.

Wenn gleich auf den ersten Seiten eines Prosatexts von Gustav Ernst Kinder auf ihrem Vater herumtollen, dann rechnet man als Ernst-Leser schon mit dem Schlimmsten. Zu genau haben sich einige Bilder aus seinem letzten Roman "Beste Beziehungen" (2011), einem nichts auslassenden Rundumschlag über den Missbrauch von Machtverhältnissen in einer kaputten Gesellschaft, ins Gedächtnis eingebrannt.
Was in diesem Buch an seelischer und körperlicher Gewalt explizit geschildert wurde, war nichts für zartbesaitete Leser. Nun galt der Wiener Prosaautor und Dramatiker (Jg. 1944) allerdings noch nie als Freund der besonders feinen Klinge. Schon sein Theaterdebüt trug den schönen Titel "Ein irrer Hass".

Was angesichts seiner Neigung zum Kraftausdruck mitunter übersehen wird, ist, dass Ernst zumeist einfach nur präzise beobachtet und wiedergibt, wie die Lage des Landes sich in den einzelnen Köpfen, Häusern und Schlafzimmern auswirkt. Der Autor, der außerhalb seiner Texte als äußerst umgänglicher Mensch gilt, agiert, wenn man so will, als Bote – und dem wird bekanntlich immer die Schuld gegeben.
Und nun also: "Grundlsee", in dem ein dreifacher Familienvater, man darf aufatmen, sich nicht an seinen kleinen Kindern vergreift. Ja, pardauz, es ist ein regelrechtes Familienidyll, das Ernst auf den ersten 40 Seiten des Buches durch die Augen des Vaters schildert. Einen Buben und zwei Mädchen zieht er mit seiner Frau groß – gemeinsam wohlgemerkt, die meisten Schul- und Kindergartenfreunde der Kleinen sind da längst Scheidungskinder.
Erzählt wird von einem Sommer am Grundlsee, wo man – auch hier: Kontinuität! – seit Jahren den Urlaub zu verbringen pflegt, mit jedem Baum, jedem Bankerl auf dem Dorffest und jedem Schweinsbraten am Sommersbergsee eine Erinnerung verbindet. Lebensnah bildet der ständig zwischen den Kindern hin und her schießende Blick des Vaters die andauernde Ruhelosigkeit ab, die einem beim Großziehen von Kleinkindern so an die Substanz geht. Und doch wird hier ein fast restlos glückliches Familienleben geschildert.
So kann es natürlich nicht bleiben. Es beginnt mit kleinen atmosphärischen Störungen. Im zweiten Kapitel hat ein Zeitsprung stattgefunden. Es sind nun etwa zehn Jahre vergangen, das Ehepaar verbringt den Sommer erstmals allein am Grundlsee. Die Gedanken sind trotzdem bei den Kindern, die viel zu selten anrufen. Der Mann schwimmt jetzt schon mal einer anderen Frau hinterher.
Ernsts Figuren tun sich schwer mit dem Kommunizieren. Was ein paar Jahre als Team prima funktioniert hat, zerbröckelt nach und nach, ohne dass jemand etwas Schlimmes getan hätte. Man nimmt sich nur nicht die Zeit, um miteinander zu sprechen. Die Kinder zieht es – die weiteren Kapitel bringen neue Zeitsprünge mit sich – ins Ausland: Der Große siedelt sich in Den Haag an, die Kleine in Brüssel, die Mittlere hält es am längsten in Wien, schließlich verschlägt es sie als Ärztin aber in die USA. Immer ist etwas anderes wichtiger als ein Familientreffen oder auch nur ein Telefonat.

Wie schnell es zu spät sein kann, merken die Kinder, als der Vater bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kommt. Die Zeit am Grundlsee war die schönste, stellen sie Jahre später fest. Da sind sie längst in ihren mittleren Jahren. Dann sterben auch sie nach und nach. Die letzte noch lebende Tochter bilanziert schließlich: "Der Grundlsee ist mein größtes Grab."
Ernst erzählt diese Familiengeschichte über mehrere Generationen konsequent in der Ichform. Der Vater scheint noch im Jenseits – nun, nicht gerade über seine Familie zu wachen, so viel ist nicht drin; aber er darf noch einige Jahrzehnte lang zusehen, wie seine Familie sich schlägt, ehe sich die Dinge vor seinen Augen langsam auflösen.
"In der Literatur pflege ich mich gelegentlich abzureagieren. Und wenn man beim Schreiben einmal milde wird – ich glaube, dann ist es vorbei", hat Gustav Ernst zu seinem 60. Geburtstag gesagt. Langsam geht er auf die 70 zu. Man ist geneigt, ihm nach der Lektüre von "Grundlsee" beginnende Altersmilde zu unterstellen. Steht ihm gar nicht übel.

Sebastian Fasthuber in FALTER 11/2013 vom 15.03.2013 (S. 6)


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