Mitternachtsblüte
Roman

von Maria Matios

€ 19,90
Lieferung in 2-7 Werktagen

Verlag: Haymon Verlag
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 224 Seiten
Erscheinungsdatum: 09.02.2015


Rezension aus FALTER 11/2015

Gegen das Böse ist kein Kraut gewachsen

Maria Matios erzählt in ihrem Roman "Mitternachtsblüte" vom Ende der Multikulturalität in der Bukowina

Tscheremoschne, ein Dorf im Grenzwald zwischen der Ukraine und Rumänien, ist kein guter Ort für jugendliche Sonderlinge, schon gar nicht 1940. Die Bukowina, seit jeher Spielball der Mächte, dient Maria Matios erneut als Schauplatz eines ihrer Romane. Sie selbst wurde 1959 im einst ethnisch bunten "Buchenland" geboren, das bis 1918 Teil der Habsburgermonarchie war.
Der Zweite Weltkrieg kam über die Bukowina wie eine Naturgewalt, sie geriet wiederholt zwischen die Fronten, wurde zu dem, was Timothy Snyder "Bloodlands" und Martin Pollack "kontaminierte Landschaft" nennt: Zuerst wurde sie durch die Rote Armee annektiert, die vermeintlichen Konterrevolutionäre wurden zu Tausenden nach Zentralasien deportiert. Im Juni 1941 fiel die deutsche Wehrmacht ein und begann sofort mit dem Holocaust.
Davon erzählt Matios in "Mitternachtsblüte" wie in ihrem letzten Roman "Darina, die Süße" aus Frauenperspektive, von einer Randfigur, die an einer stigmatisierenden Krankheit leidet. Das wunderliche Kind Iwanka hat Epilepsie. Fast ein Viertel des Buches nimmt sich Matios Zeit, das dörfliche Leben zu beschreiben, beinahe eine Idylle – wenn auch mit prügelndem Vater und bäuerlicher Subsistenzwirtschaft: eine noch nicht elektrifizierte Welt, in der man um den toten Vater weint, aber nicht um den Säugling, weil die Mutter ohnehin jedes Jahr schwanger ist. Mädchen werden mit 14 verheiratet: "Ein Mädel soll lange Haare haben, doch einen kurzen Verstand."
Das kennt man aus der heimischen Anti-Heimatliteratur; dort erfährt man aber nichts über das Zusammenleben von Ruthenen, Rumänen, Polen, Deutschen, Huzulen, Bojken und Lemken. Die jüdischen Nachbarn sollen zwar die Kirche nicht betreten, aber man heizt ihnen bereitwillig am Sabbat den Ofen an. Man weiß, dass es ihnen seit jeher als Ersten an den Kragen geht, doch herrscht eine gewisse Indolenz ("Das geht uns nichts an").

Matios' Sprache ist einfach, ihre Klarheit lässt erkennen, wovon zu erzählen ist. Die Dialoge haben zuweilen eine stifterartige Förmlichkeit. Die volkstümliche Gläubigkeit des Kindes sowie das Unverständnis von Eltern und Dorfgemeinschaft beschreibt Matios mehr als genau.
Iwanka schneidet sich nach falsch verstandenem Brauchtum in die Hand, weder Hexe noch Heiler können ihren Arm retten, am Ende muss der jüdische Wanderdoktor die Blutvergiftung stoppen. Sie will Hagel mit blankem Hintern vertreiben, eine unliebsame Schwägerin mittels der getrockneten Speiseröhre eines Wolfes verfluchen, die überall lauernden Teufel mit Kräutern bannen. Da weiß man schon: Das große Unheil kommt erst, und kein Zauber wird es aufhalten. "Das Paradies ist im Himmel, hat die Großmutter gesagt, und die Hölle ist auf Erden."
Die Enge des Dorfes, die archaische Schicksalergebenheit, die gewachsenen ethnischen Ressentiments sind nichts im Vergleich zur maschinellen Gewalt, die nun über Tscheremoschne hereinbricht. Matios schildert eine Landschaft, die ihre Unschuld verliert. Das zeichnet sich ab, als der galizische Schmuggler Petro erzählt, die Polen seien vor den Deutschen gefallen "wie eine angesägte Föhre, ... die Menschen und Länder werden aussortiert wie Nüsse".
Kurz darauf beginnen die Sowjets, die Dorfgemeinschaft auseinanderzureißen, das wahre Morden passiert unter den Deutschen. Mitten drin Iwanka, deren kindlicher Aberglaube sich in Entsetzen über die Gräueltaten verwandelt. Das Ende der Bukowina ist bekannt, jenes des Romans lässt eine kleine, individuelle Hoffnung.
Matios geht es um "Wahrheit, Reue und Vergebung". Die Autorin fiel unter dem Oligarchen Janukowitsch in Ungnade und kandidierte nach dessen Sturz erfolgreich für das ukrainische Parlament. Nicht
zuletzt deswegen ist sie eine der bekanntesten Autorinnen des Landes, die auch ins Chinesische und Japanische übersetzt wurde. Die deutsche Übersetzung des Romans stammt von Maria Weissenböck (verdienstvoll, bis auf "die Großmutter lernte ihr"). Das im Roman oft wiederholte Motiv der streitenden Brüder illustriert wohl auch den aktuellen Krieg zwischen Russland und der Ukraine.

Dominika Meindl in FALTER 11/2015 vom 13.03.2015 (S. 22)


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