Zur unmöglichen Aussicht
Roman

von Gustav Ernst

€ 19,90
Lieferung in 2-7 Werktagen

Verlag: Haymon Verlag
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 200 Seiten
Erscheinungsdatum: 30.06.2015


Rezension aus FALTER 11/2015

Wenn die Frau den Mann werken lässt

Schön hinterfotzig: Gustav Ernsts gemütlich anhebender Kaffeehausroman "Zur unmöglichen Aussicht"

Die heimische Literaturlandschaft würde ohne Gustav Ernst anders aussehen. Ärmer, weniger vielfältig. Sein unermüdliches, aber nie betriebshuberisches Engagement für junge Autorinnen und Autoren ist in der Form in Österreich einzigartig.
Mit der Kolik gibt Ernst gemeinsam mit seiner Frau Karin Fleischanderl seit 1997 eine der wenigen wirklich lesenswerten österreichischen Literaturzeitschriften heraus. In ihr dürfen sich neben arrivierten Autoren immer auch junge ausprobieren. Als Motor der Leondinger Akademie für Literatur beackert er auch den Sektor der Autorenausbildung. Und selbst wenn er mit 70 nicht mehr so streitlustig in Erscheinung tritt wie in seiner Wespennest-Zeit, ist ihm die Auseinandersetzung, der Austausch mit Kollegen immer noch eine Herzensangelegenheit.

Aber wer setzt sich für Ernst ein? Der Verbreitung seiner eigenen Werke hat sein Fürsprechertum für andere Autoren jedenfalls nicht weitergeholfen. Was schade ist, da seine Romane auf ganz eigene Weise das Vergnügliche mit dem Abgründigen verbinden und schon dadurch eine große Leserschaft verdienen würden.
In seinem Roman "Zur unmöglichen Aussicht" erweist sich Gustav Ernst einmal mehr als hinterfotziger Erzähler im doppelten Wortsinn. Langsam nur lässt er seine Figuren sich durch ihr Reden selbst entblößen, bis sie irgendwann pudelnackt – fast erübrigt sich die Feststellung: und nicht sehr schön anzuschauen – dastehen.
Ernst treibt aber auch mit dem Leser ein gemeines Spiel, führt ihn auf falsche Fährten und an der Nase herum. Und wenn dieser dann so weit ist und eine Figur erkannt zu haben glaubt, kommt mitunter die Erkenntnis: Die ist aber ganz schön ungustiös. Und: Ich bin ihr ja ganz ähnlich.
Den neuen Roman könnte man zunächst irrtümlich für ein Alterswerk halten, so gemächlich hebt er an. Zwei Herren mittleren Alters lernen sich da zufällig in einem Kaffeehaus kennen und erzählen sich bei koffeinhaltigen Getränken, Mehlspeisen oder auch mal einem Kognak in episodischer Form ihre Lebensgeschichten.
Falsch: Es erzählt eigentlich nur einer. Der andere hört ihm zu und versucht, sich einen Reim auf die mitunter ungewöhnlich und wenig glaubhaft wirkenden Schilderungen zu machen. So beginnt er die Geschichten, die ihm sein Gegenüber auftischt, aufzuschreiben.
So fühlt sich der Dauerredner von einem mysteriösen Herren im hellen Sakko verfolgt, der immer wieder in seinem Blickfeld auftaucht, bei genauem Hinsehen aber auch ebenso schnell wieder verschwindet. Darüber hinaus ist er davon überzeugt, dass ein plötzlich verstorbener Freund in Wahrheit ermordet wurde. Sprich: Er scheint kein besonders glaubwürdiger Erzähler zu sein.
Der Zuhörer und Protokollant will ihn aber nicht abweisen, denn langsam dämmert ihm, wovon seine Kaffeehausbekanntschaft ihm über Umwege eigentlich erzählen will: von den Problemen mit seiner Frau, die ihm nur noch Vorwürfe macht. Das interessiert den Zuhörer dann doch.
Es ist ein Klischee, dass Ernst gern grausliche, unangenehme Dinge schreibt, der Autor hat es aber auch immer wieder gern bedient. In "Zur unmöglichen Aussicht" tut er es erneut, aber auf zurückgenommene und vergleichsweise subtile Art – etwa wenn er den Mann über den für beide Seiten unbefriedigenden Sex mit seiner Ehefrau sagen lässt:
"Es gibt doch (…) nach einem, sagen wir, halbstündigen Beischlaf jede Menge möglicher Abbruchursachen, wie einfache körperliche Erschöpfung, Überreizungen, plötzliche Empfindungslosigkeit, ein unangenehmer Gedanke an morgen, nicht zu vergessen die psychischen und emotionalen Folgen wie wachsende Ungeduld und wachsendes Desinteresse oder ein plötzlich auftretender Groll auf die Frau, die, Sie verzeihen, wenn ich das so ausdrücke, da liegt, einen werken lässt und selber nicht weitertut."

Langsam fallen die Masken und aus dem Bild einer Bilderbuchehe wird das eines Scherbenhaufens. Doch obwohl der Erzähler sich noch so sehr bemüht, seine Frau als die einzig Schuldige an der Ehemisere hinzustellen, bekommt der Zuhörer immer mehr Zweifel am Wahrheitsgehalt der ihm zu Gehör gebrachten Darstellungen über eine unerträgliche Frau, die bei jeder Kleinigkeit stichelt oder beleidigt ist.
Was genau stimmt und was ein bisschen gelogen ist, spielt keine große Rolle. Es geht ums Prinzip. Ernst versteht es, den Menschen in seiner Unzulänglichkeit und Schwäche darzustellen, wie er ist: liebenswert und unerträglich zugleich, gerissen und im Grunde leicht zu durchschauen. Das gilt im Übrigen auch für den Protokollanten, der von sich sagt: "Ich selbst hatte schon ähnliche Gedanken, würde sie aber nie jemandem vortragen."

Sebastian Fasthuber in FALTER 11/2015 vom 13.03.2015 (S. 7)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
Warenkorb anzeigen