Auf und Ab
Eine Kulturgeschichte des Aufzugs in Wien

von Peter Payer

€ 34,90
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Verlag: Brandstätter Verlag
Format: Hardcover
Genre: Geschichte/Kulturgeschichte
Umfang: 200 Seiten
Erscheinungsdatum: 08.03.2018


Rezension aus FALTER 10/2018

Der Aufzug lebe hoch!

Der Stadtforscher Peter Payer hat eine Hommage an ein übersehenes Stück Wiener Stadt-Infrastruktur geschrieben. Warum?

Das Problem, sagt Peter Payer, ist die Wahrnehmung. Das Bewusstsein. Denn das, sagt Peter Payer, das gibt es nicht. Lange nicht einmal bei ihm selbst. „Ich benutze sicher fünf Aufzüge pro Tag, ohne es wirklich wahrzunehmen: Es ist selbstverständlich.“
Payer ist Stadthistoriker. Sein Spezialgebiet ist das, was Städte verändert. Irgendwann stand er im Lift – und bemerkte es. Er begann genau hinzusehen und erkannte: „Der Aufzug ist ein Verkehrsmittel. Aber er wird stets nur als Raum wahrgenommen – und weit unter seinem Wert geschlagen.“

Das war der Anfang. Zwei Jahr vertiefte sich der 56-Jährige dann in die Materie. Nun hat er ein Buch veröffentlicht: „Auf & Ab“ heißt es, „Eine Kulturgeschichte des Aufzugs in Wien“.
Der Untertitel ist eine Untertreibung: Auf rund 200 Seiten erzählt der Kurator des Technischen Museums nicht bloß die Wiener, sondern die globale technisch-historische Siegesgeschichte des „Personenhebers“. Von der bloßen Abhandlung, wie Aufzüge, Rolltreppen und Paternoster Architektur, Stadtentwicklung und Stadtbenutzung in den vergangenen 170 Jahren veränderten, schwingt sich das Buch zu einer Liebeserklärung an das hebende Vehikel hoch.
Wenn Payer über sein Herzensthema spricht, wird er emotional. Er trägt vor, dass die meisten Aufzüge heute von ihren Herstellern versteckt würden: „Das oberste Ziel der Errichter ist, Aufzüge unsichtbar und unspürbar zu machen.“ Viele Menschen fürchten Aufzüge sogar. „Dabei ist der Lift das sicherste Verkehrsmittel der Welt! Sie stürzen nicht ab: Es gibt so gut wie keine Unfälle.“
Die Wiener sind den Liften immer schon skeptisch gegenübergestanden: Obwohl Maria Theresia 1772 in Schönbrunn eine handbetriebene Holzkonstruktion errichten ließ, mit der sie sich auf einem Sofa von Etage zu Etage hieven ließ, verweigerte Kaiser Franz Joseph noch 130 Jahre später die Benutzung der omnipräsent gewordenen Hebevorrichtungen. Er ließ zwar für seine Geliebte Katharina Schratt einen Lift in deren Wohnhaus bauen, betrat ihn selbst aber nie.
Neben solchen kleinen Gschichterln sind es die Bilder und Illustrationen, die Payers Buch kurzweilig machen. Die meisten stammen aus dem Archiv von Christian Tauss. „Es gibt wahre Schätze unter den Bildern. Weit mehr, als wir in dieses Buch packen konnten“, schwärmt Payer. Er wird nicht müde, die Hilfe des Fotografen und Liftfans Christian Tauss zu betonen: Der ist im Brotberuf Elektrotechniker und im Herzen Aufzugsammler. Er träumt davon, sein nur als Webseite existierendes „Aufzugmuseum“ (www.aufzugmuseum.at) eines Tages in Wien real werden zu lassen. So skurril ist dieses Ansinnen nicht: Mannheim etwa hat ein solches Museum.

Dort, wo Payer arbeitet, im Wiener Technischen Museum, gibt es eine ausgestellte und einige archivierte Aufzugs- und Paternosterkabinen – aber zu wenig Platz, um diesem Verkehrsmittel jenen Stellenwert zu geben, den es sich laut Aufzugaficionados wie Tauss und Payer verdient hätte.
Wer weiß heute noch, dass 1904 im „Modenhaus A. Gerngross“ die erste Rolltreppe der Stadt als „rollender Teppich“ für Furore sorgte? Dort nahm 1940 auch Wiens erste „echte“, aufsteigende, Rolltreppe den Betrieb auf – mit Pomp und Mediengetöse. Als 1955 die Opernpassage eröffnete, berichtete die Arbeiter-Zeitung sogar vom Rolltreppenfahren als Sonntagsvergnügen der Wiener: „Man konnte, wenn man die Menschen beobachtete, feststellen, dass einzelne dutzendmal auf und ab fuhren, um das neueste Gratisvergnügen auszukosten. Die Opernpassage als billigstes Ringelspiel von Wien.“
Selbst die Literatur hat den Aufzug gewürdigt: Peter Altenberg und Karl Kraus schrieben über Freud und Leid ihrer Aufzugssozialisation. Heinrich Böll setzte dem (Nicht-Wiener) Umlauflift ein Denkmal. Der Paternoster im NIG der Universität Wien prägte Generationen von Studierenden und war Ort von Theateraufführungen.

In New York haben die Aufzüge ab 1850 einer eigenen Gebäudeklasse namens „Elevator Buildings“ den Weg geebnet. Wien baute deutlich zögerlicher aus. Noch in der Zwischenkriegszeit wurden 382 Gemeindebauten mit etwa 65.000 Wohnungen ausschließlich liftlos gebaut.
Nach und nach sorgten die Lifte dafür, dass die beliebte „Beletage“ im ersten Stock ihren Wert verlor, und nur ein Stockwerk wie jedes andere war. Bis dato schwer vermietbarer Wohnraum in lichter Höhe wurde langsam attraktiv. Auch wegen der „gesünderen Luft“, wie es in Annoncen hieß.
Heute sind in Wien rund 44.000 Lifte und Rolltreppen und immerhin noch sieben Paternoster in Betrieb. Jährlich kommen insgesamt 1000 Beförderungsmittel dazu. Payer bedauert die geringe Wertschätzung, die ihnen zuteil wird: „Obwohl jeder von uns sie tagtäglich mehrfach nutzt, werden Aufzüge nur in einem einzigen Moment wahrgenommen: Wenn sie einmal nicht funktionieren.“

Thomas Rottenberg in FALTER 10/2018 vom 09.03.2018 (S. 44)


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