Nächtliche Vorkommnisse

von William Gay, Joachim Körber

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Verlag: Arche
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Erscheinungsdatum: 01.03.2009

Rezension aus FALTER 11/2009

Die Lebenden und die Toten

Wenn man einen Hang zur Nekrophilie hat, sollte man Bestattungsunternehmer werden. So wie Fenton Breece. Der spielt gerne mit den Leichen, die man ihm bringt: richtet sie her, zieht sie aufreizend an, legt Mann und Frau eng umschlungen in einen Sarg. Das ist nicht nur obszön, es spart auch den zweiten Sarg.
Bis ihm die Tyler-Kinder auf die Schliche kommen, die die Gräber öffnen, weil Breece auch ihren Vater nicht würdig beerdigt hat: Manche Särge sind leer, manche mit Unrat gefüllt; findet sich eine Leiche darin, ist sie entstellt oder absurd geschmückt.

Er killt Menschen wie Karnickel Zwei Jugendliche stören die Totenruhe und entdecken, dass der ortsansässige Bestatter ein Wahnsinniger ist. William Gay beschreibt dies in einer hochliterarischen Sprache; er spielt nicht mit Effekten, er gräbt tiefer. Sein Horror soll uns nicht bloß gruseln, sondern erschüttern.
Was sollen die beiden jungen Tylers tun? Ihr Vater war ein stadtbekannter Schnapsbrenner. Eine Tätigkeit, die auch im Tennessee der 50er-Jahre nicht besonders angesehen ist. Ausgerechnet sie sollen den reichen Bestatter anzeigen? Der Sheriff würde ihnen nicht glauben. Also versuchen sie, Breece zu erpressen. Was sich als fataler Fehler erweist.
Breece heuert einen Killer an. Dieser Granville Sutter haust in einer Hütte im Wald und schreckt vor nichts zurück. Wenn ihm jemand nicht passt, pustet er ihn um, schlitzt ihn auf oder erwürgt ihn. Er killt Menschen wie Karnickel. Jeder weiß es, keiner traut sich etwas gegen ihn zu unternehmen. Außer Sheriff Bellwether. Doch der ist für den benachbarten County zuständig. Als Tyler und seine Schwester vor Sutter fliehen wollen, verunglückt die Schwester tödlich. Tyler flüchtet alleine in den Wald, in der Absicht, sich zu Sheriff Bellwether durchzuschlagen. Verfolgt von Sutter.

Höllentrip mit Hexe Hier betritt der Roman endgültig metaphysisches Terrain. Sutter jagt Tyler durch das sogenannte Harrikin – eine wilde, nahezu entvölkerte Landschaft voller Schächte und Höhlen, in die man stürzen kann. Früher hat man hier Erz abgebaut, aber die Minen und Siedlungen sind längst verfallen. Tyler läuft durch ausgestorbene, überwucherte Bergarbeitersiedlungen, übernachtet in verfallenen Herrenhäusern. Ab und zu trifft er seltsame Menschen, die noch hier leben – eine Hexe, einen störrischen alten Mann. Doch niemand will oder kann ihm helfen. Schlimmer: Tyler ahnt, dass sich Sutter an ihnen rächen wird, nur weil sie ihn widerwillig bei sich haben übernachten lassen.
Einen besonderen Dreh verleiht Gay seiner Geschichte, indem er andeutet, dass es auch das Harrikin, dieses verzauberte, unheimliche Niemandsland, längst nicht mehr gibt. 25 Jahre später werden die Bulldozer der Holzindustrie anrücken und seinen Zauber zerstören: Tyler und Sutter irren in ihrem Kampf auf Leben und Tod durch eine zum Tode verurteilte Landschaft.
Diesem Höllentrip hat Gay einen Prolog vorangestellt, dessen Furchtbarkeit man erst versteht, wenn man ans Ende des Romans gelangt ist.

Sterben in der Twilight-Zone Dennoch macht der Roman nicht depressiv oder hoffnungslos – allenfalls wütend. Man zittert mit dem jungen Tyler, der auf seiner Flucht zum Mann reift, und vertraut sich einem Erzähler an, dem es gelingt, diese gnadenlose Geschichte in einer dichten, poetischen, nie aber pathetischen Sprache zum Leben zu erwecken – die Joachim Körber mit viel Einfühlungsvermögen ins Deutsche übertragen hat, inklusive der vielen umgangssprachlichen Passagen.
William Gay wurde mit Faulkner und Cormac McCarthy ("Kein Land für alte Männer") verglichen. Zu Recht. Der deutsche Titel "Nächtliche Vorkommnisse" ist vergleichsweise harmlos. Im Original heißt er "Twilight". William Gay berichtet von einem Zwischenreich, in dem weder die Lebenden noch die Toten zur Ruhe kommen und die Grenze zwischen Leben und Tod sehr durchlässig ist.

Thomas Askan Vierich in FALTER 11/2009 vom 13.03.2009 (S. 8)


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