Letzte Lieder
Autobiografie

von Georg Kreisler

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Arche
Genre: Sachbücher/Kunst, Literatur/Biographien, Autobiographien
Umfang: ca. 160 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.08.2009

Rezension aus FALTER 42/2009

"Ich glaube nicht, dass ich mir sympathisch wäre"

Georg Kreisler offenbart sich in seiner Autobiografie "Letzte Lieder" als unverstandener, einsamer Künstler

Von der Wahrheit muss man schweigen, über die Wirklichkeit lässt sich reden. (...) Die Entdeckung, dass die Kunst versucht, uns die Wirklichkeit plausibel zu machen, ist etwas Grandioses. Damit ist mein Leben eigentlich schon erzählt." Der Leser befindet sich auf der zweiten Seite, und schon soll alles gesagt sein. Immerhin 156 Seiten benötigt Österreichs wohl berühmtester Kabarettist, Komponist, Chansonier und Satiriker Georg Kreisler (geb. 1922) dann doch, um Zeugnis abzulegen über ein, wie man meinen sollte, erfülltes Künstlerleben. Über Jahrzehnte waren seine Tourneen ausverkauft. Davon steht in dem Buch kaum etwas: "Ich habe alles vergessen, alle Anekdoten, alle Missverständnisse, alle Publikumsreaktionen, alle abhandengekommenen Requisiten, alle Kämpfe mit Journalisten, das hat alles stattgefunden und nicht stattgefunden, es ging an mir vorüber, es war nicht mein Leben."
Den wahren Kreisler muss man sich als einsamen, unverstandenen Künstler vorstellen. Mit Ausnahme seiner vierten Ehefrau Barbara Peters waren die Frauen durch die Bank Enttäuschungen, ebenso wie seine Kinder, die sich alle vom Vater distanziert haben. Ähnlich verhält es sich mit Regisseuren, Intendanten und Kritikern. Von den Kollegen ganz zu schweigen. Mit Häme wird besonders Gerhard Bronner bedacht.
"Er war dumm, wollte nichts lernen, aber er hatte eine glänzende Überredungsgabe und konnte mit dem, was er und andere für Kunst hielten, viel Geld verdienen", heißt es über den Mann, der Kreisler immerhin zum Durchbruch in Österreich verhalf, nachdem dieser aus den USA nach Wien zurückgekehrt war. Und, schwer verzeihlich: "Alles in allem ist es schade, dass es ihn gab, er hat einen schädlichen Einfluss auf das Wiener Kulturleben ausgeübt."
Gegen Ende wartet der Autor noch mit dem Geständnis auf, er träume manchmal davon, "Pop-, Rock-, Hip-Hop- und andere billige Musik" sowie "gleichzeitig alle Kitschliteratur und Kitschbilder" zu verbieten. Dann nämlich würden die Menschen genauso gern "echte Kunst genießen".

Der Einwand liegt auf der Hand: Es gibt Passagen, in denen Kreisler nicht nur starrsinnig wirkt, sondern verbittert. "Ich kann mich nicht erinnern, je eine sachliche negative Kritik über mich gelesen zu haben, immer nur Anfeindungen, unbegründete Behauptungen und Lügen." Ob es so war oder die sachliche negative Kritik einfach nur vergessen wurde, lässt sich schwer ­sagen. Traurig ist es allemal.
Dessen ungeachtet stellt dieses Buch eine fesselnde Lektüre dar. Beeindruckend daran ist nicht allein die Tatsache, dass der Verfasser trotz seiner 87 Jahre von Altersmilde noch nicht einmal gehört haben dürfte. Vor allem versteht es Kreisler nach wie vor, treffend zu formulieren. Wenn "Letzte Lieder" schon keine gängigen Memoiren bieten will, so entlohnt es mit den Gedanken und Ansichten eines Unbequemen. Eines Wiener Juden, der sich standhaft geweigert hat, nach seiner Rückkehr aus dem Exil wieder die österreichische Staatsbürgerschaft anzunehmen, weil er dazu einen Antrag hätte stellen müssen. Über die frühen Jahre, die mit der Flucht vor Hitler in die USA jäh endeten, heißt es knapp: "Eine Jugend mit erwachenden Freiheitsgefühlen, erster Liebe, lustigen Streichen und dergleichen hatte ich nicht." Über das Drama jüdischer Flüchtlinge: "Man kann nicht zurückkommen." Außerdem sei jeder Mensch ein Flüchtling, der eine fliehe in ein anderes Land, der andere in eine Karriere. Und Karriere und Kunst gehen, das macht der Autor unmissverständlich klar, nicht zusammen.

Seine bekannten Melodien und Programme wischt er mit ein paar Sätzen lässig vom Tisch: "Lieder wie das vom Taubenvergiften schüttelt man aus dem Ärmel." Als sein Hauptwerk sieht er die Romane, Theaterstücke und Opern an, die, verglichen mit unzerstörbaren Liedern wie "Wien ohne Wiener" oder "Mir g'fallts, aber ich bin dagegen", freilich nur wenig Interesse hervorgerufen haben. Erfolg blieb ihm suspekt. Als er in den USA nach mageren Jahren langsam auf die Beine kam, übersiedelte er zurück nach Wien. Dann floh er vor dem Applaus nach München. Berlin. Basel. Jetzt lebt er in Salzburg.
"Ich hatte eine Doppelbegabung", schreibt er, "und wählte den falschen Weg (...). Andere wurden Kellner, Putzfrauen, Bettler, ehe man sie als Künstler arbeiten ließ, ich wurde Kabarettist." Leider viel zu selten lässt Kreisler leise Selbstironie aufblitzen. Was hält Kreisler von Kreisler? "Ich bin ein einfacher, hochkomplizierter Mensch." Und: "Ich glaube nicht, dass ich mir sympathisch wäre, wenn ich mich auf einer Cocktailparty ­träfe."

Sebastian Fasthuber in FALTER 42/2009 vom 16.10.2009 (S. 48)


Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb