Mildred Pierce

von James M. Cain

€ 22,70
Lieferung in 2-7 Werktagen

Übersetzung: Peter Torberg
Verlag: Arche Literatur Verlag AG
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 416 Seiten
Erscheinungsdatum: 28.02.2019


Rezension aus FALTER 12/2019

Kuchen statt Knarre

Obgleich zu einem klassischen Film noir geworden, ist James M. Cains „Mildred Pierce“ im Original gar kein Krimi

Unter den großen US-amerikanischen Kriminalschriftstellern des vorigen Jahrhunderts war James M. Cain mit Sicherheit einer der lässigsten. Oder zumindest wollte er mit seiner schmucklosen Prosa diesen Anschein erwecken. Schon die ersten Sätze seiner Bücher sind von der beiläufigsten Endgültigkeit, so auch der erste Satz seines 1941 erschienenen Romans „Mildred Pierce“: „Im Frühjahr 1931 stand ein Mann auf einem Rasen in Glendale, Kalifornien, und stutzte Bäume.“

Wie in Hollywoods schwarzen Kriminalfilmen jener Ära ist alles schon vorbei, liegt das Geschehen meist schon lange zurück. Oft sind bloß Nebenfiguren an prominenter Stelle in die Erzählung dessen, was vor Jahren geschah, involviert. Wie beispielsweise Herbert Pierce, der Ehemann der Titelheldin, der hier die Bäume vor seinem Haus stutzt, keine acht Seiten später aber seine Sachen packt und mehr oder weniger aus dem Fokus verschwindet.

So wenig „Mildred Pierce“ ein repräsentatives Werk dieses Romanciers ist – es gibt (im Unterschied zur Verfilmung mit Joan Crawford von 1945) keinen Mord, keine Polizei, keine Ich-Erzählung –, so typisch ist Mildred Pierce als Protagonistin. Cain beschreibt sie als „grüne Witwe“ mit zwei Kindern und einem Haus mit Hypothek wie folgt: „Sie war kleiner als der Durchschnitt, und ihre geringe Größe, das aschblonde Haar und die blassblauen Augen ließen sie entschieden jünger aussehen, als sie wirklich war, nämlich achtundzwanzig. An ihrem Gesicht war nichts Bemerkenswertes. Sie wirkte eher nett als hübsch. Ihr eigenes Urteil lautete gelegentlich: ,Ein unauffälliges Dutzendgesicht.‘ Doch damit tat sie sich unrecht.“

Mehr als diese Äußerlichkeiten freilich zählt, dass Mildred wie die meisten Frauen bei Cain ziemlich tough ist, sich etwas aus eigener Kraft aufbaut und sich im Geschäftsleben bewährt. Im vorliegenden Fall nutzt die Heldin ihre Backkünste, fängt zunächst als Kellnerin in einem nahe gelegenen Diner an, beginnt dieses mit Kuchen zu beliefern und kann schließlich ein eigenes kleines Lokal eröffnen, dem bald zwei Filialen in Beverly Hills und Laguna Beach folgen.

Dabei hätte Mildred den ökonomischen Erfolg ja auch bequemer haben können, wie Cain unverblümt betont. „Sie haben eine erstklassige Figur, und Sie sagen, Sie können gut kochen und sind gut im Bett“, lässt er ihr eingangs von einer Arbeitsvermittlerin sagen: „Warum vergessen Sie das nicht mit dem Job, angeln sich einen Mann und heiraten wieder?“

James M. Cain, der 1892 in Annapolis, Maryland, geboren wurde und 1977 in Hyattsville, gleichfalls Maryland, starb, stammte aus einer irisch-katholischen Familie, träumte von einer Karriere als Sänger und begann mit 22, als sein Traum geplatzt war, für Tageszeitungen in Baltimore zu schreiben. Am Ersten Weltkrieg nahm er in Frankreich teil. Danach wurde er Redakteur beim New Yorker, veröffentlichte erste Kurzgeschichten und versuchte sich in Hollywood bei Paramount als Drehbuchautor. 1934 kam sein erster, bis heute auch erfolgreichster und bekanntester Roman heraus: der Krimi „The Postman Always Rings Twice“.

Cain war ein vierschrötiger Typ, der sich mit Selbstauskünften zurückhielt und im Zweifelsfall lieber über Kollegen lästerte. So behauptete er, Dashiell Hammett und Raymond Chandler, mit denen er meist in einem Atemzug genannt wird, zwar begegnet zu sein, aber nie etwas von ihnen gelesen zu haben. William Faulkner hielt er für unlesbar, F. Scott Fitzgerald für einen Witz und Ernest Hemingway kennenzulernen schlug er gleich präventiv aus. Sein absolutes Lieblingsbuch, erklärte Cain, sei „Alice in Wonderland“, und der einzige Autor, der jemals wirklich Einfluss auf ihn hatte, Ring Lardner.

Immerhin räumte Cain ein, bei seinem Debüt einem journalistischen Ansatz gefolgt zu sein und ausführliche Recherchen betrieben zu haben. Doch im Endeffekt, so der Autor, finde sich über das Restaurantgewerbe viel weniger im Buch als darüber, was der Ich-Erzähler und die fesche Wirtsgattin im oberen Stockwerk treiben: „Denn das, so stellte sich heraus, wollten die Leute eher lesen als über Hot Dogs.“

Die kleinen Diner und Tankstellen mit Restaurant sind fixe Bestandteile der Topografien von James M. Cain. Selbst dessen letzter, erst posthum 2012 publizierter Roman, „The Cocktail Waitress“, hat ein Lokal als Hauptschauplatz und eine Witwe mit einschlägiger Berufserfahrung zur Titelfigur. Doch in keinem anderen Buch sind die Assoziationen zwischen Nahrung und Frau offensichtlicher als in „Mildred Pierce“.

Nicht nur schildert der Roman, dessen Lektüre jedem angehenden Start-up-Restaurant-Betreiber empfohlen werden kann, in bewundernswerter Detailversessenheit die strategischen Geschäftsüberlegungen der Heldin bis zur Ein- und Ausgabenrechnung. Er wartet zudem mit kulturanthropologischen Beobachtungen auf: „Sie verstand es zu flirten, fand aber heraus, dass es sich nicht bezahlt machte. Einem Mann das Essen zu servieren war an sich schon eine archaische Form der Intimität, alles darüber hinaus verunsicherte den Mann.“

Und zu guter Letzt verdanken wir ihm noch die Bezeichnung „Milchgeschäft“ („dairy“) für das Dekolletée von Mildreds pubertierender Tochter. Nachdem die kleine Ray einer Influenza zum Opfer gefallen ist, klammert sich Mildreds törichte Mutterliebe noch fester an Veda, die für sie und das kleinbürgerliche Glendale allerdings nichts als Verachtung übrig hat.

Mildred ist völlig blind für Vedas erschreckende Talent-, Herz- und Skrupellosigkeit. Während sie sich verausgabt – anfangs nur emotional, später auch finanziell –, um der Tochter eine Karriere als Musikerin zu ebnen, macht diese ihr den Liebhaber abspenstig und versucht, den Sohn eines Regisseurs hereinzulegen, um ins Filmgeschäft zu kommen.

Schließlich durchschaut Mildred, dass es Veda ausschließlich um Geld geht und die „kalte, wunderschöne Kreatur“ selbst vor Erpressung nicht zurückschreckt. Das hat eine verbale Auseinandersetzung mit einer geradezu absurden Pointe zur Folge: „,Du bist überhaupt nicht schwanger.‘ ,Mutter, in dieser Situation ist das eine Frage der Einstellung, und nach meiner Einstellung bin ich es.‘“ (Knackiger freilich auf Englisch: „Mother, at this stage it’s a matter of opinion, and in my opinion, I am.“)

Nicht von ungefähr bewundern heutige Kriminalschriftsteller wie Dennis Lehane vor allem Cains authentische Dialoge: „Sie waren so schnörkellos, berechnend und jazzig cool wie die kleinen schwarzen Herzen seiner Charaktere.“ Und Katherine Hall Page bemerkte treffend: „James M. Cain war ein Meister des Weniger-ist-mehr. Ihn zu lesen ist ein Vergnügen; ihn wiederzulesen eine wahre Freude.“ Dem kann man nur ganz entschieden zustimmen.

Michael Omasta in FALTER 12/2019 vom 22.03.2019 (S. 24)


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