Landpartie
Gesammelte Erzählungen

von Eduard von Keyserling, Florian Illies

€ 28,80
Lieferung in 2-7 Werktagen

Verlag: Manesse
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Erzählende Literatur
Umfang: 744 Seiten
Erscheinungsdatum: 03.09.2018

Rezension aus FALTER 5/2019

Veilchenfarben-giftige Herrenhandschrift

Exquisit evoziert Eduard von Keyserling die Melancholie des Fin de Siècle. Aber das ist noch lange nicht alle

Eduard von Keyserling ist Champion einer ganz eigenen Disziplin, er ist „der am häufigsten wiederentdeckte Autor der deutschsprachigen Literatur“. Das lässt uns der Klappentext von „Landpartie“ wissen, einer Ausgabe der gesammelten Erzählungen. Ob diese jüngste Editionsanstrengung diesen Status nur sichern oder endgültig dafür sorgen wird, dass Keyserling endlich in den Kanon der Unvergessenen aufrückt, steht in den Sternen. Jedenfalls scheint sein Werk für zwischenzeitliches Vergessen besonders anfällig zu sein, andernfalls es ja auch nicht ständig wiederentdeckt werden müsste.

Ein Faktor, der dafür verantwortlich sein mag, ist der Umstand, dass sich Keyserling zumindest auf den ersten Blick nahtlos in jenes Klischee fügt, das mit Stichworten wie „Fin de Siècle“ und „Impressionismus“ umrissen ist. Die Chancen stehen gut, dass in den nicht eben „handlungsgetriebenen“ Erzählungen matte melancholische Menschen im schweren Duft von was auch immer im Garten stehen, während die Sonne sinkt, der Mond aufgeht und eine Frau in einem rahmfarbenen Kleid sich in Richtung Waldrand bewegt.

Die Variabilität des Settings hält sich in überschaubaren Grenzen. Umso mehr fallen jene Erzählungen auf und aus dem Rahmen, die nicht in den Parks von Adelsgütern spielen; „Mit vierzehn Tagen Kündigung“ etwa, die im April 1882 in der Wiener Allgemeinen Zeitung erschien und hier erstmals wieder publiziert wird. Sie handelt von einer alten Frau, die ihre Wohnung in einem Wiener Mietshaus kündigt, um dem Hausherrn mit ihrem Ableben, mit dem sie ganz unmittelbar rechnet, keine Scherereien zu bereiten, und die an einem, no na, schwülen Sommernachmittag ein letztes Mal ein Gasthaus in einem nicht gerade noblen Winkel der Stadt aufsucht.

Oder „Die Soldaten-Kersta“, ebenfalls eine frühe Erzählung (1902), die in ungewohnter Lakonie und ganz ohne Blumenduft das Schicksal einer jungen Frau verhandelt, die nach einer ebenso ereignis- wie trostlosen Hochzeitsnacht den frisch Angetrauten in den Krieg ziehen lassen muss, in dessen Abwesenheit ein Kind von einem anderen kriegt, aber eben auch einen Prozess für ihn gewinnt.

Für den lebensklugen Pragmatismus der „niederen Stände“ hatte der Adelige Keyserling offenbar große Sympathien, aber er schmiert es den Leserinnen und Lesern nicht gleich zentimeterdick aufs Brot, ganz im Gegenteil: Der Blickwinkel, aus dem die Frauen aus dem bäuerlichen oder städtisch-proletarischen Milieu beschrieben werden, ist meist jener der männlichen Protagonisten, und die sind meist auf eine erotische Erfüllung aus, die die zickige Zivilisiertheit der eigenen Kreise mitunter missen lässt: „Neben den Kühen hockten die Mägde, schwer und heiß wie die Kühe, mit den breiten Händen in die angeschwollenen Euter fassend. (…) Der fette Dunst der Tiere, der Milch, der Menschen legte sich warm und erschlaffend auf Felix. (…) Als die Mägde mit wiegenden Brüsten, den vollen Milcheimer in der Hand, an ihm vorübergingen, bemerkte er: ,Auch eine Rasse.‘“

Die Subtilität und das beachtliche Raffinement dieses Autors manifestieren sich unter der Oberfläche des Textes oder an dessen Peripherie. Ein Manöver, das Keyserling mit großer Bravour beherrscht – und das mitunter an die Erzählungen Katherine Mansfields („Glück“, „Das Gartenfest“) erinnert –, ist die schlagartige Verschiebung der Perspektive, die die Ereignisse auf einmal in ein ganz anderes Licht rückt. In der grandiosen, 70 Seiten starken Erzählung „Am Südhang“ (1911) entpuppt sich der mutmaßliche dramatische Höhepunkt, ein Duell – piff-paff, danke schön, auf wiedersehen – als armseliges Ritual und eine vermeintliche Nebenfigur steht, oder besser: liegt, plötzlich im Zentrum des tragischen Geschehens.

Köstlich auch jene Szene der nämlichen Geschichte, in der sich der Protagonist – ausgestattet mit einigem Eigendünkel und einem gut dazu passenden Namen aus dem kurländischen Graf-Bobby-Ambiente: Karl Erdmann von West-Wallbaum – gerade in einen veritablen Liebesrausch geschrieben hat; nur um erschütternderweise gewärtigen zu müssen, dass die von allen verehrte Witwe seinen glühenden Brief korrigiert hat und ihm sehr unverlangt „den Rat einer älteren und erfahrenen Frau“ erteilt, sich in Zukunft besser kurz zu fassen: „Männer, die in einem Brief einen so schönen Stil schreiben, kommen mir immer verheiratet vor, und dann, nur Nähterinnen (sic!) und Konfektionsfräulein lieben lange, hübsche Liebesbriefe, über die sie dann weinen.“

Auch das ist eine der erstaunlichen Eigenschaften dieses Autors: Seine Ironie kommt nur sehr dosiert und stets überraschend daher; sie enträt der bildungsbürgerlichen Kumpelei Thomas Manns und richtet sich mitunter auch gegen den Autor selbst. Der hat ein Faible für Lilien, Tuberosen und Levkojen und für Kolorierungen in Zentifolienrosa, Nemophilen- und Fayenceblau – eine Schwäche fürs Exquisite also, die ihm selbst nicht ganz geheuer zu sein scheint, wenn er dem nicht eben sonderlich gewinnenden Ich-Erzähler aus „Seine Liebeserfahrung“ folgende Worte in den Mund legt: „Ich habe mir für das Manuskript ein sehr edles Papier angeschafft, leicht gelblich getönt, glanzlos, die heraldische Lilie als Wasserzeichen. Auf dem Umschlag habe ich mit veilchenfarbener Tinte den Titel geschrieben: ,Die goldene Kette‘.“

Obacht ist also geboten. Die veilchenfarbene Herrenhandschrift des Eduard von Keyserling ist auch ganz schön giftig.

Klaus Nüchtern in FALTER 5/2019 vom 01.02.2019 (S. 31)


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