Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Manesse
Erscheinungsdatum: 01.01.2002

Rezension aus FALTER 51-52/2002

Weihnachten klopft an unsere Herzen - und dank seiner raffinierten Melange aus politisch korrekten Versprechen und Kitsch wird es auch 2002 unsere Filter für infantile Inbrunst passieren. Der Kurzroman "Else" aus dem Jahr 1881 von Alexander Kielling sei jenen empfohlen, die sich gegen den selig machenden Bratapfelduft wappnen wollen. Der norwegische Realist nutzte die auch damals an Heiligabend grassierende Harmoniesucht, um den doppelmoralischen Kleinbürgern seiner Zeit einen Tiefschlag zu verpassen. Weihnachten im Städtchen Stavanger wäre kein Weihnachten, stünden den Wohlsituierten keine "gefallenen Mädchen" zur Verfügung, die man per Almosen rettet, bevor es ab in die Kirche geht. Deshalb müssen im Sommer Mädchen wie Else in die Gosse hinabvergewaltigt werden. Es braucht halt Nachschub, soll das christliche Fest gelingen und der Status quo zwischen oben und unten aufrechterhalten werden. In Skandinavien wird das brutale Werk in den Schulen gelesen. Nicht erst seit dem Erscheinen der Pisa-Studie. Wohingegen in Mitteleuropa auch heuer wieder liebliche Kindermünder bevorzugt im Intonieren jenes Liedes geschult werden, das Friede und Freude mit Eierkuchen verwechselt. 1818 überführten der Hilfspfarrer Joseph Mohr und der Musiker Franz Xaver Gruber mit "Stille Nacht! Heilige Nacht!" die von Armut geplagten Bewohner der Gemeinde Oberndorf erstmals ins Elysium der Problemfreiheit. Werner Thuswaldner hat die Genese dieses frühen Weihnachtshits detailliert rekonstruiert und erklärt, welche politischen Umstände Schuld daran waren, dass ausgerechnet dieses Lied den Nagel der Zeit auf den Kopf traf. Freilich aus der Warte des Fans heraus, der der Behauptung vehement widersprechen würde, es wäre ein Segen, hätte eines der populärsten Lieder der Welt nie den Weg durch unsere Filter für infantile Inbrunst gefunden.Anfang der Sechzigerjahre, bevor er selbst Künstler wurde, war Dan Graham als Gallerist und Kunsttheoretiker tätig. Ein sehr schöner Band versammelt nun Arbeiten des Amerikaners von 1965 bis 2000, Auszüge aus seinen Schriften und Interviews. Nach der Schließung seiner Galerie fing Graham an, farbige Schnappschüsse zu machen, die später unter dem Titel "Homes for America" veröffentlicht wurden. Dabei handelt es sich um eine Parodie auf journalistische "Feldstudien" zur Tristesse der Vorstädte. Nach konzeptuellen Arbeiten in den Medien Film, Performance und Videoinstallation wandte sich Graham später Architekturmodellen und Pavillons zu.

Martin Droschke in FALTER 51-52/2002 vom 20.12.2002 (S. 91)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Stille Nacht! Heilige Nacht! (Werner Thuswaldner)
Dan Graham (Marianne Brouwer)

Bitte warten...

Sie haben folgendes Produkt in den Warenkorb gelegt:

{{var product.name}}


weiter einkaufen
zum Warenkorb