Design Basics

von Gerhard Heufler

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Niggli
Erscheinungsdatum: 01.12.2006

Rezension aus FALTER 20/2009

Unternehmen Design: Die nächste Generation

Gerhard Heufler kennt das Phänomen. Wenn in Medien über Design berichtet wird, dann in der Regel über schicke Möbel, neue Moden oder coole Shops. Auch der laufende Grazer Designmonat oder das Designfestival assembly, das diese Woche startet, widmen sich vorrangig schönen Produktoberflächen, die den Alltag ein wenig bunter machen. "Belle Design" nennt Heufler das mit den Italienern. Er meint das nicht abschätzig, nur interessiert es ihn eben nicht vorrangig. Gerhard Heufler ist Industriedesigner. Und mit dem Studiengang "Industrial Design" an der Grazer Fachhochschule Joanneum leitet er – das ist in der Öffentlichkeit weitgehend unbekannt – eine der weltweit renommiertesten Designschmieden.
Industriedesigner, das klingt zunächst deutlich weniger sexy als "Stardesigner", ein Attribut, das Designer wie Philip Starck oder Karim Rashid gleichsam als zweiten Vornamen führen. Was natürlich nicht bedeutet, dass die Dinge, die Gerhard Heufler und seine Studierenden entwickeln, weniger sexy wären. Im Gegenteil. Schon die Modelle, die in den Vitrinen des Lehrgangs im großzügigen Dachausbau der FH ausgestellt sind, nehmen es ästhetisch locker mit einer Alessi-Zitronenpresse oder einem Umbra-Stuhl auf. Ein kühner Eis-Segler, den sich Studierende für Audi ausdachten, ist da zu sehen, futuristische Modellstudien für Flugobjekte und Elektroautos, die dem Zweirad-Hersteller KTM neue, jüngere Zielgruppen erschließen sollen. Oder Entwürfe für eine mobile Energiestation, die entlegene Krisenregionen oder Flüchtlingslager über elegante Sonnensegel und Windgeneratoren mit Energie versorgen sollen.
"Design ist sicher mehr als oberflächliche
Produktbehübschung, vielmehr ein ganzheitlicher Problemlösungsprozess", sagt Heufler. Der iPod etwa sei ja auch nicht nur ein einfach zu handhabendes Abspielgerät für Musik, sondern vielmehr Teil einer umfassenden Strategie, die sich Apple angesichts der grassierenden Musikpiraterie ausdachte. Gutes Design geht demnach vom Benutzer aus und löst ganz konkrete Probleme. Schon das erste Produkt, das Heufler zur Serienreife brachte, ist dafür ein gutes Beispiel. 1978 entwickelte er den weltweit ersten Lawinenpieps – ausgehend von der Erkenntnis, dass die Chancen, einen Verschütteten lebend zu bergen, in den ersten zehn Minuten nach dem Abgang einer Lawine am höchsten sind. Sein Pieps wird – nach einer Reihe von Evolutionsschritten – noch heute produziert.
Gerhard Heufler hat schon die unterschiedlichsten Probleme in den verschiedensten Branchen gelöst, ist dafür viele Male mit dem österreichischen Staatspreis für Design und – für den gemeinsam mit dem FH-Lehrgang für Fahrzeugtechnik entwickelten Kompostwender "Topturn X 53" – sogar mit dem amerikanischen IDEA-Award in Gold ausgezeichnet worden. "It's like a piece of Star Wars", haben die Juroren bei der Preisverleihung gestaunt. Ausgezeichnet wurde auch der ultraleichte Minendetektor Mimid, den Heufler für Schiebel entwickelte. Der Mimid und der Camcopter, ein 200 km/h schneller unbemannter Aufklärungshubschrauber, dem Heufler Gesicht und Stromlinienform eines Hais verpasste, wurden außerdem in die Designkollektion des Museum of Modern Art aufgenommen. Kunst und Funktion – manchmal geht es ja doch zusammen.

Was Heuflers Arbeiten gemeinsam ist: Sie
weisen einen extrem hohen Technikanteil auf, gelingen nicht im Alleingang, sondern nur, wenn ein ganzes Entwicklerteam, interdisziplinär besetzt und in guter Atmosphäre, zusammenwirkt. "Wenn ich da als der große Zampano auftrete, stoße ich auf Beton." Diese Erfahrung und die Tatsache, dass ästhetisches Objektdesign – etwa an der Angewandten in Wien – in Österreich einigermaßen etabliert ist, eine Ausbildung für technisch-funktionales Design aber fehlte, brachten Heufler auch dazu, dem FH-Lehrgang in Graz ein ganz spezifisches Profil zu verleihen. Gemeinsam mit Gerald Kiska, der heute das größte Designstudio Österreichs mit hundert Mitarbeitern betreibt, hat er den achtsemestrigen Lehrgang 1995 konzipiert und wählt seither jedes Jahr 16 Studierende aus den rund 130 Bewerbern aus. Internationale Gastprofessoren, Projektarbeiten, die teilweise mit der Industrie konzipiert werden, und ein flexibler Lehrplan sorgen dafür, dass die Studierenden ganz nah an der beruflichen Praxis ausgebildet werden. "Wir haben ein Studium entwickelt, das wir früher selbst gerne gehabt hätten", sagt Heufler.

Das Konzept ging auf. 2007 nahm die Business Week den Grazer Lehrgang in ihre Liste der 60 weltbesten Designschmieden auf, Absolventen arbeiten heute für Unternehmen wie Nokia, BMW, Volkswagen oder das renommierte IDEO-Studio. Der Grazer Julian Hönig etwa, der den Lehrgang 2000 abschloss, hat nicht nur den neuen A4 entworfen, sondern auch den Audi RSQ, den Will Smith im Film "I, Robot" fährt, und ist seit Jahresbeginn der einzige Österreicher im Designteam von Lamborghini.
Dass sich der Lehrgang in Graz intensiv mit der Autoindustrie beschäftigt, hat seine Gründe auch in der Biografie Gerhard Heu­f­­­lers. Der wollte eigentlich Autodesig­ner werden, hat sich aber in Ermangelung einer adäquaten Ausbildung in Österreich zunächst für ein Architekturstudium in Graz entschieden und das Designhandwerk später bei Siemens erlernt. Die tiefe Krise der Autoindustrie sieht Heufler auch als Chance für neues, intelligenteres Design. Denn gerade jetzt müssten die Hersteller umdenken. "Zum Teil ist man in der Vergangenheit in eine völlig falsche Richtung gegangen." Statt auf kleine Autos mit alternativem Antrieb hätten die großen Marken alle Hoffnung auf schwere SUVs gesetzt.
Was Design im Idealfall bewirkt, kann Heufler übrigens nicht nur im Gespräch mit großer Leidenschaft erklären. Er führt gutes Design auch für alle sichtbar spazieren: In seinem Alfa 156 – das ist der Wagen, mit dem der Designer Walter Maria de'Silva vor gut zehn Jahren Alfa Romeo aus den roten Zahlen holte.

Thomas Wolkinger in FALTER 20/2009 vom 15.05.2009 (S. 50)


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