weg

von Doris Knecht

€ 22,70
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Verlag: Rowohlt Berlin
Format: Hardcover
Genre: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Umfang: 304 Seiten
Erscheinungsdatum: 12.03.2019


Rezension aus FALTER 11/2019

Wie die niedliche Heidi nach Vietnam kam

In „weg“ spielt Doris Knecht Stadt/Land und lässt eine psychisch labile Tochter verschwinden

Lotte ist weg. Verschwunden. Also auf jeden Fall für Heidi nicht mehr am Handy erreichbar. Das wäre an sich schon schlimm genug für Charlottes überfürsorgliche Mutter. Doch Heidi sorgt sich in ihrem behaglichen Heim in der deutschen Provinz aus einem ganz konkreten Grund um ihre in Berlin studierende Tochter: Aufgrund einer durch Kiffen ausgelösten Psychose muss Lotte regelmäßig Medikamente nehmen. Wenn sie darauf vergisst, verwandelt sich ihr Leben in eine Kombination aus Achter- und Geisterbahn.

Also ruft Heidi Georg an. Georg ist Lottes Vater und betreibt im niederösterreichischen Kamptal ein Gasthaus. Die studentische Liebesaffäre zwischen Georg und Heidi war eine kurze, Charlotte ist deren fragile Frucht. Als Heidi endlich rausbekommt, dass Lotte mit einem Freund nach Vietnam geflogen ist, reist sie den beiden hinterher. Sie, die aus ihrem geliebten Spießeridyll nie wirklich rausgekommen ist (außer kurz zum Studium nach Wien), fliegt einmal um die halbe Welt – und Georg muss natürlich mit. Ist ja schließlich auch sein Kind. Gemeinsam macht sich das ungleiche Ex-Paar auf die Suche nach der Stecknadel im fernöstlichen Heuhaufen.

Doris Knecht hat einen neuen Roman geschrieben. Ist das gut? Schon. Liest er sich flott? Sicher. Die 300 Seiten von „weg“ sind aus mehreren Gründen schnell weggelesen: weil die Suche nach der Tochter ein Spannungselement ist, das trägt; weil die Bestsellerautorin und Fitnesskolumnistin die klein portionierte Erzählung mit zahlreichen Rückblenden und Perspektivenwechseln auflockert; weil das abwechslungsreiche Personal des Romans gewohnt lebensnah gezeichnet ist. Und weil der Knecht-Sound eine feine Sache ist: alltagsweise und witzig, schnörkellos bis ruppig. Mehr gebrauchte Sneakers als Ballerinas oder Stöckelschuhe, mehr verdreckter Jeep als Luxuslimousine. Doris Knecht ist die Elke Heidenreich der Generation Bobo.

Zoomen wir noch einmal kurz auf die Figuren: Zentralgestalt eins, Heidi, die Sonderpädagogin. Sie hat ihr Reihenhaus liebevoll in Crème eingerichtet, „sie hält ihre Wünsche klein und erfüllbar, ihre Ansprüche an ihre Umwelt sind überschaubar und maßvoll“. Und: „Niedlichkeit ist Heidis Signature-Eigenschaft.“ Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, ist ihr Mann Martin gerade dabei, Heidi zu verlassen. Er hat das Laufen für sich entdeckt und mit dem Laufen auch noch die sportliche Jamie. Heidis ältere Schwester hat die Autorin als Antipodin skizziert: Erika ist eigenwillig und scheut Fehltritte und Mesalliancen durchaus nicht.

Zentralgestalt zwei, Georg, ist deutlich entspannter unterwegs als Heidi. Zusammen mit Lebensgefährtin Lea schupft er sein Gasthaus, und das Kochen (regionale Küche, bio) erfüllt ihn. Im Gastraum gilt das utopische Prinzip des „gelassenen Nebeneinanders“. Drei Kinder, ein Hund. Weitere Bewohner des Hirschen: Sidekick Hermann, ein alter Freund und Hallodri vom Dienst. Und Georgs Mutter, eine Virtuosin des wortlosen Vorwurfs.

Knecht etabliert die Gegensatzpaare Stadt – Land und Mittzwanziger – Mittvierziger. Mit Verve und Detailwissen schildert sie die Freuden des studentischen Stadtlebens (jenes von Heidi und Georg): Moped fahren, Konzerte, kellnern, kiffen, vögeln. Und sie beschreibt auch die Wonne, mit der beide 20 Jahre später die Ruhe am Land erleben. Georgs einsame Morgenspaziergänge im Anfangsteil des Buches geraten der ehemaligen Journalistin zu einer stimmigen Ode an die Natur.

Der hiesigen Wohlstandswelt wird die Armut der fernöstlichen Entwicklungsländer gegenübergestellt, was bei den „schicksalsprivilegierten“ Protagonisten gutmenschliche Schuldgefühle auslöst. Diesbezüglich wird es manchmal leider schmerzhaft banal: „Ein so schönes Land, so verdreckt. So schöne Menschen, und sie müssen so armselig leben, es ist ungerecht.“ Auch die Beschreibungen der Ortsansässigen geraten manchmal etwas simpel: „Der kambodschanische Fahrer hatte ein breites Lächeln, schöne Zähne.“ Ah ja: Ein halber Absatz Empörung über Türkis-Blau ist sich auch noch ausgegangen: „Es ist sehr beunruhigend. Diese Regierung zeigt jetzt, was sie vorhat und gegen wen.“ Das Ende des Romans ist trotz alledem cosy und sanft.

Stefan Ender in FALTER 11/2019 vom 15.03.2019 (S. 35)


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