Das entfesselte Jahrzehnt
Sound und Geist der 70er

von Jens Balzer

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Verlag: Rowohlt Berlin
Format: Hardcover
Genre: Geschichte/Kulturgeschichte
Umfang: 432 Seiten
Erscheinungsdatum: 21.05.2019


Rezension aus FALTER 29/2019

David Bowie, Science Fiction & Aufklärungsfilme

Die 70er-Jahre sind das Stiefjahrzehnt des 20. Jahrhunderts. Nie standen sie im Mittelpunkt wie die goldenen Zwanziger oder die wilden Sechziger, an kulturkritischen Gesamtdarstellungen mangelt es. Sie gelten als eine Art Übergang – von der linken Utopie zum Neoliberalismus, von den Hippies zu den Yuppies. Damit aber wird man ihnen nicht gerecht, wie Jens Balzer zeigt.

In seinem Buch setzt sich der deutsche Popjournalist eingehend mit kulturellen Phänomenen der Zeit auseinander und spürt interessante Zusammenhänge auf. Für Balzer beginnen die 70er bereits 1969 mit Woodstock und der Mondlandung. Beides sind Höhe- und Wendepunkte. Einerseits kulminiert die Hippiebewegung in drei Tagen voll von „love, peace & music“. Andererseits zeigt sich schon kurz darauf die Kehrseite dieses Traums. Die Manson-Family begeht bestialische Ritualmorde, das Altamont-Musikfestival gerät zu einem Fanal. Auch die Mondlandung weist in die Zukunft, demonstriert aber auch die Grenzen des Menschen: Welch Aufwand dafür, dass ein Mann auf dem nächsten Trabanten auf und ab hüpft!

Ende der 60er herrscht eher Manic Depression und immer weniger naiver Neo-Romantizismus. Und doch oder gerade deshalb bringt das kommende Jahrzehnt neue kulturelle Spielformen und Selbstermächtigungen hervor. Bescheidenere Utopien blühen, Emanzipationsbewegungen gewinnen an Kraft, die große Erzählung wird von vielen kleinen abgelöst. Eine Mischung aus Apokalyptik und Erfindungsgeist durchzieht die 70er.

Balzers Studie begreift sich nicht vordergründig als politische Spurensuche, sondern möchte eine breite Kulturgeschichte liefern. Der 1969 geborene Autor betrachtet die 70er als pop-
affiner Historiker. Er greift einzelne Themen heraus, die etwas über ihre Zeit aussagen. Science-Fiction-Romane etwa, die Geschlechterinszenierungen David Bowies oder das Genre „Aufklärungsfilm“. So entsteht das Panorama eines entfesselten Jahrzehnts voller fantastischer Möglichkeiten, unbändiger Kreativität und einiger ins Leere laufender Aufbrüche.

Ulrich Rüdenauer in FALTER 29/2019 vom 19.07.2019 (S. 27)


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