Arme, Bettler, Beutelschneider
Eine Sozialgeschichte der Armut in der Frühen Neuzeit

von Robert Jütte, Rainer von Savigny

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Böhlau
Erscheinungsdatum: 01.01.2000

Rezension aus FALTER 42/2000

Der Sozialhistoriker Robert Jütte hat eine umfassende Studie über die Armut in der europäischen Neuzeit geschrieben - und zeigt erstaunliche Kontinuitäten auf.
Würdige und unwürdige Arme. Mit diesem Begriffspaar unterschied man ab dem 16. Jahrhundert zwischen jenen, die aufgrund von Krankheit oder äußeren Umständen unschuldig in ihre missliche Situation geraten waren. Und jenen anderen, unwürdigen, die als arbeitsfähige "Bettler oder Beutelschneider" wahrgenommen und disqualifiziert wurden. Deren brachliegende Arbeitskraft sollte von nun an genutzt werden - und so begannen kirchliche und staatliche Vertreter im 17. Jahrhundert, die arbeitsfähigen Armen in Arbeitshäuser und ähnlichen Einrichtungen zu internieren, um sie zu geregelter Beschäftigung zu "erziehen" und auszubeuten.
Was bei der Lektüre von Robert Jüttes Sozialgeschichte der Armut am meisten frappiert, sind die historischen Kontinuitäten: Mag die Armut in der Frühen Neuzeit auch ein anderes Gesicht gezeigt haben, so weisen die Typologien, die Bedingungen und auch die Lösungsstrategien überraschende Übereinstimmungen auf. Ebenso wie heute waren es zwischen dem 15. und 18. Jahrhundert Kinder unter 15 Jahren, weibliche Haushaltsvorstände und alte Menschen, die die Fürsorgelisten füllten. Die "Unwürdigen" hingegen waren vorwiegend Jugendliche und junge Männer, die sich durch Gelegenheitsarbeit über Wasser hielten oder gegebenenfalls bettelten.
Die Ursachen der Armut waren, wie heutzutage auch, vielfältig und doch spezifisch geprägt von den Bedingungen der Zeit. Schicksalsschläge wie Krankheit oder Tod des Haushaltsvorstandes konnten eine Familie ebenso ins Elend treiben wie die großen Pestepidemien oder Kriege. Insbesondere Missernten und damit einhergehende Lebensmittelteuerungen trafen die arme Bevölkerung.
Jüttes Sprünge durch die Jahrhunderte und die europäischen Territorien hinterlassen mitunter ein verwirrendes Bild. Was sich aus den vielfältigen Regional- und Lokalstudien immerhin destillieren lässt, ist die Widerlegung eines in der Historiographie gepflegten Mythos: dass nämlich die Reformation für die institutionellen Umbrüche im Fürsorgewesen verantwortlich gewesen sein soll.
Eine Bürokratisierung und Rationalisierung der Armutsverwaltung fand in verschiedensten Teilen Europas statt - auch in den nichtreformierten: Gemeinsam mit der erwähnten Einteilung der Armen in würdige und unwürdige Bedürftige begann man, eine Art moderner "Bedürftigkeitsprüfung" einzuführen. Während die "würdigen" in das administrative Hilfsnetz Aufnahme fanden, wurden die für "unwürdig" Befundenen kriminalisiert, stigmatisiert und ausgegrenzt.
Der Kampf gegen die Bettelei war das sozialpolitische Thema der Frühen Neuzeit - die allerorten eingerichteten "Besserungsanstalten" jedoch hatten letztlich nicht die erwünschten Effekte. Hingegen entwickelte sich auf der Seite der Betroffenen eine eigene Armutskultur, aus der sich nach Auffassung Jüttes jedoch keine sozialromantischen Aufstandsideen ableiten - wohl auch deshalb nicht, weil die Armen als Subjekte bei ihm nur selten zu Wort kommen. Sein überaus aufschlussreicher Blick zurück gilt den "großen Linien" dieses umfassenden Themas, das in Zukunft - vielleicht mehr denn je - die Sozialpolitik bestimmen wird.

Ulrike Baureithel in FALTER 42/2000 vom 20.10.2000 (S. 33)


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