Sehschlachten

von Bernhard Jaumann

Derzeit nicht lieferbar

Verlag: Aufbau
Erscheinungsdatum: 01.01.1999

Rezension aus FALTER 7/1999

Sidneys schwarze Sonne

Viel besser als sein Titel, besser als Andrew Vachss: Bernhard Jaumanns "Sehschlachten" ist ein brillanter Konzept-Krimi.

Erinnern Sie sich an die Schlange im Dschungelbuch, an ihr "trust in me!" Gut. Dann hören Sie jetzt genau zu: Kaufen Sie dieses Buch! Lesen Sie es, auch wenn es Ihnen zu Beginn eigenartig verschleppt erscheinen mag und Ihnen die Verfolgungsjagd, auf die sich Lachlan O'Neill ganz zu Beginn des Buches begibt, um einen nackten Rollschuhläufer zu fangen, überdehnt dünkt, Sie vielleicht mit diesen beinahe jeden Satz betreffenden ritardandos am Anfang Ihre liebe Mühe haben: Lesen Sie trotzdem weiter! Sie werden es nicht bereuen.

Übrigens, das Buch heißt "Sehschlachten", und sein Autor, Bernhard Jaumann, ist offenbar ein systematischer Mensch: Nach seinem Erstling "Hörsturz", der in der Musikstadt Wien spielte und in dem sich alles ums Hören und Nichthörenkönnen drehte, steht jetzt das Sehen und Nichtsehenkönnen im Mittelpunkt einer Ansammlung von Fällen, die auf den ersten Blick nur der gemeinsame Schauplatz verbindet: Sydney.

Trickdiebereien, die Explosion eines Hauses, der Todessturz einer Touristin, zwei Kinder, die sich selber nur "Sträfling John" und "Sträfling Maggie" nennen: Das kann nicht gutgehen, denkt man, und es geht doch gut und geht immer besser, man gewöhnt sich an die beharrende Sprache, die genau in dem Moment auch schon losläßt und sich beschleunigt, man sieht nun die Stadt vor sich - ja, es hat sich gelohnt, sie anfänglich genau zu beschreiben -, und man begreift, daß die Häufung blinder Personen kein kitschiger Untergriff ist, sondern vor allem das eigene Schauen schärft. Diese eine Szene zum Beispiel, in welcher der erst seit kurzem blinde O'Neill vom seit langem blinden Dimitropoulos das "Sehen" lernt, ist überzeugend und poetisch und klug und wichtig. "Beschreibe mir die Schatten", sagt derselbe Dimitropoulos an anderer Stelle, "die Schatten, die in anderen Schatten aufgehen wie verzerrte schwarze Sonnen. Schatten, die sich auftürmen und abstürzen, Kernschatten, Schlagschatten, Schatten, die die Nacht hinter Häuser wirft, Schatten, die vom Meeresgrund nach oben steigen."

Des Lobes noch nicht genug. Es war vor einigen Jahren Mode, die Romane von Andrew Vachss zu lesen und zu loben, dessen Privatdetektiv Burke vor allem Kinderschänder fing. Auch in "Sehschlachten" geht es um Kinderschändung. Aber Jaumann geht ganz anders vor. Sein Roman ist überhaupt nicht voyeuristisch, spekuliert nicht mit dem geilen Geifer der moralisch Entrüsteten, deutet das Schändliche nur an, um statt dessen den Blick der Kinder und mit diesem eine fantastische Welt zu konstruieren, in der man trotz des Grauens noch irgend überleben kann.

Und noch eins drauf. Das Kapitel, welches den Todessturz der Touristin Linda Fendy beschreibt, dieser über elf Seiten hinweg einen einzigen Spannungsbogen erschafft, das ist ein Glanzstück, das ist bravourös und auch literarisch ein Genuß.

"Trust in me!" Kaufen Sie! "Sehschlachten" erscheint im Aufbau Verlag als Taschenbuch, es ist jeden Schilling um sein Vielfaches wert.

Wertung: No na! Oder vielleicht doch nur vier Dolche, um für den für Juli angekündigten Krimi aus Jaumanns Fünf-Sinne-Serie, "Handstreich", noch etwas in Reserve zu haben.

Christoph Braendle in FALTER 7/1999 vom 19.02.1999 (S. 60)


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