Die schöne Diva von Saint-Jacques
Kriminalroman

von Fred Vargas

€ 10,30
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Übersetzung: Tobias Scheffel
Verlag: Aufbau TB
Format: Taschenbuch
Genre: Belletristik/Krimis, Thriller, Spionage
Umfang: 298 Seiten
Erscheinungsdatum: 01.02.1999

Irgendwo zwischen Montparnasse und der Place d'Italie leben die drei arbeitslosen Junghistoriker Mathieu, Marc und Lucien. Sie mögen sich - als Freunde. Sie verachten einander - beruflich. Eines Tages werden sie unfreiwillig zu Kriminalisten, als ihre schöne Nachbarin spurlos verschwunden ist. Fred Vargas, die charmanteste Neuentdeckung der französischen Kriminalliteratur, vereint in ihren Romanen alles, was zu einem guten Krimi gehört: einen spannenden Plot, eine angemessene Zahl von Toten, einen schwer zu findenden Mörder. Aber sie haben noch etwas ganz Seltenes: literarische Phantasie, eine poetische Intelligenz, viel Humor und sprühende Dialoge.

Rezension aus FALTER 27/1999

Von mordenden Tierschützern, verheirateten Detektiven, peinlichen Vätern oder umarmten Leichen Und davon, wie dem Rezensenten die Nachbarin zur Hilfe kommt.

Man hat mich in die Wüste geschickt, in die ägyptische, und auf den Rücken eines Kamels gesetzt, was für die Seele großartig und für den Arsch ganz gräßlich ist. Dem Haufen, dem Berg, dem Büchergebirge in meiner Wohnung konnte ich dank der sturen Reisegepäckbeschränkung entrinnen. Fast jedenfalls; und apropos gräßlich: Von einem Buch ist, wenn Ihnen an Literatur liegt, abzuraten. Allerdings sagt man, die Literatur von heute seien Rezepte, die Kranke schreiben, wogegen Howard Simon Arzt ist. Und die "Längste Stunde" ist ein Arztroman um den besten Notfallchirurgen aller Zeiten, der auch in der Forschung wirkt - Stichwort: Tierversuch; Auftritt: die bösen Tierschützer, die Ärzte am Laufband meucheln. Schon ist das Buch ein Kriminalroman.

Wenn man es trotzdem bis zum Ende liest, dann liegt es daran, daß der Autor Notfallarzt ist und, wenn es um bluttrunkene Chirurgie geht, weiß, wovon er schreibt. Jedenfalls erspart er damit dem Leser das Schicksal seines eigenen Romanchefarzts: "Vom Bett aus griff er in die Reisetasche und zog einen James-Ellroy-Thriller hervor. Zwanzig Seiten später war er eingeschlafen."

Wertung: ein Dolch - oder vielleicht doch lieber drei, weil man nicht wissen kann, ob man nicht eines Tages Dr. Simons chirurgischer Künste bedarf?

Ebenfalls blutrünstig und ebenfalls nicht über alle Zweifel an der Konstruktion erhaben ist "Wenn die Mäuse Katzen jagen" von James Patterson. Gleich zwei psychopathische Serienmörder schlächtern sich durch die Lande; der eine heißt Gary Soneji und ist seit frühester Kindheit von Jahrhundertverbrechern fasziniert, der andere, ein Mr. Smith, ist mysteriös und agiert die längste Zeit ohne erkennbares Muster. Die Auflösung ist dürftig, aber das Buch besticht mit schnörkelloser Erzählkunst, gutem Rhythmus und vor allem mit einer faszinierenden Poetisierung von Brutalität: Nach beendigter Vivisektion "legte sich Mr. Smith mit dem, was von dem armen Dr. Sante übrig war, auf den Küchenboden. Mr. Smith schloß den blutigen Leichnam in die Arme. ,Es tut mir leid', flüsterte er, ,es tut mir so leid.'"

Vier Dolche für James Patterson.

Und fünf Dolche für Fred Vargas und ihre "Schöne Diva von Saint-Jacques". Der Krimi spielt größtenteils in Paris, in einer stillen Straße. Ein Baum taucht auf über Nacht. Eine Sängerin verschwindet. Und schon haben die drei Freunde und Historiker Mathieu (Frühgeschichte), Marc (Mittelalter) und Lucien (Erster Weltkrieg) einen Fall am Hals, den sie, ein paar Tote und ein paar Verwirrungen später, auf ganz unwissenschaftliche Art zum Abschluß bringen. Madame Vargas' roman policier ist charmant, intelligent und voller Humor. Wir dürfen gespannt sein auf den nächten Band um die drei Historiker-Kriminalisten, der unter dem Titel "Der untröstliche Witwer von Montparnasse" erscheinen wird.

Soviel zu den "Besprechungen vom hohen Rücken eines Kamels herab". Und nun zurück zum Haufen. Natürlich desertierte ich erst, als ich ihm einen formidablen Gegner besorgt hatte. In der Person meiner Nachbarin, die Kriminalromane zum Frühstück verspeist. Ich überließ ihr Vertrauen und Schlüssel. Als ich zurückkehrte, erwartete sie mich mit dem unverhohlenen Ausdruck des Triumphs. "Fünfzehn Stück habe ich gelesen", sagte sie, "zehn Stück sind nicht der Rede wert. Ein guter Krimi muß Brüche zeigen, nicht unbedingt Abgründe, aber Brüche, die menschliche Vielschichtigkeit. Und er muß so sein, daß ich ihn auch dann noch lesen will, wenn ich weiß, wer der Mörder ist."

Also. Zwei Dolche, meint meine Nachbarin, für "Die Nacht der schwarzen Rosen" von Nino Filasto. Er habe alle Ingredienzien, die notwendig sind, und sei trotzdem recht fad. Drei Dolche für Kurt Lanthalers Tschonnie-Tschenett-Roman "Azzurro". Ein On-the-road-Buch, bis zur Hälfte sympathisch und interessant, dann aber so vollgepackt, daß es bröckelt. Allerdings gebe es darin ein uraltes Verlobtenpaar, das man lieben, und ein Linguini-Rezept, das man nachkochen müsse. Vier Dolche für Faye Kellermans "Der Schlange List". Es beginne mit einem verheerenden Anschlag auf ein Luxusrestaurant. Am spannendsten aber seien die Einblicke in das Privateleben von Detective Peter Decker und dessen Frau Rina, einer orthodoxen Jüdin, die den Fall mit Hilfe des Alten Testaments lösen helfe. Ein wenig ausschweifend geschrieben, was aber nicht störe, weil auch die Abwege zu fesseln vermögen. Und schließlich zweimal fünf Dolche für "Die Form des Wassers" von Andrea Camilleri, ein Krimi, für den man sich nur wegschwärmen könne. Spielt auf Sizilien. Ein Prominenter wird tot in einem heruntergekommenen Sperrbezirk gefunden. Commissario Montalbano ermittelt. Er sei ein lesender Mensch, ein denkender Mensch, dem es nicht so sehr um die Verfolgung von Delinquenten gehe als um Gerechtigkeit. Ein Mann, den man kennenlernen möchte. Er ähnle vielleicht Donna Leons Guido Brunetti, allerdings sei er nicht so fein, nicht so urban, dafür aber interessant und sehr liebenswert. "Jedenfalls hab' ich Lust gekriegt, wieder nach Sizilien zu fahren."

Sprach's, packte ihren Koffer und war dahin - meine Nachbarin. Und ich? Ich pilgerte frohgemut zu meinem Redakteur, der mich mit dem ernüchternden Befehl erwartete, auch noch den neuen John Le Carre zu besprechen. "Aber das haben doch schon alle gemacht", widersprach ich. Es half nichts. Also hab' ich ihn gelesen. Und fand ihn spannend? Nein. Fesselnd vielleicht, immer wieder fesselnd, obwohl man sofort weiß, wie dieser Hase läuft. Die für Geldwäschegeschichten üblichen Stationen inklusive ehemaliger Sowjetunion. Das übliche Personal plus eine Vater-und-Sohn-Komponente, um dem ganzen Seele zu geben. Der nötige Mord, die notwendigen Liebesgeschichten und ein Held, der wirklich sympathisch ist, "kein guter Sportler, das ist wahr", wie sein Vater bei jeder Gelegenheit zu verkünden beliebt, "ein miserabler Reiter, und als Tänzer ein Trampel, aber er kopuliert, so sagen die Gerüchte, wie ein Weltmeister!" Was den armen Single jr. jedesmal erröten läßt. Die Presse bescheinigt "Single & Single" die "verworrenen, internationalen Gaunereien mit begnadeter Schärfe" zu schildern. Ich habe oft mit dem Gefühl des deja vu gekämpft. Trotzdem vier Dolche, denn nichtsdestotrotz bleibt festzustellen, daß John Le Carre sein Schreibhandwerk versteht.

Christoph Braendle in FALTER 27/1999 vom 09.07.1999 (S. 60)

Weiters in dieser Rezension besprochen:

Die längste Stunde (Howard Simon)
Wenn die Mäuse Katzen jagen (James Patterson, Robert Klanten)
Single & Single (John Le Carré, Uta Ackermann)
Die Nacht der schwarzen Rosen (Nino Filastò, Hilmar Hoffmann)
Die Form des Wassers (Andrea Camilleri, Schahrzad Assemi)
Der Schlange List (Faye Kellerman, Oscar Sola)
Azzurro (Kurt Lanthaler)

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