Quecksilberlicht

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Kurzbeschreibung des Verlags:

Ein chinesischer Kaiser, der von der totalen Herrschaft über die Zeit träumt, Autorinnen aus dem 19. Jahrhundert, die sich gegen die Zwänge ihrer Wirklichkeit auflehnen, ein Mädchen im Simmering des frühen zwanzigsten Jahrhunderts, am Rand der Stadt und am Rand der Weltgeschichte: Thomas Stangl löst einzelne Momente der individuellen Lebensgeschichte, eigener und fremder Familiengeschichten sowie weit entfernte historische Momente aus ihren Zusammenhängen und montiert sie zu neuen Konstellationen. Er verwebt Gesten, Handlungen und Szenen zu einem faszinierenden, jeder Zeitordnung enthobenen Roman und errichtet einen kontrastreichen Erzählraum, in dem vermeintliche Selbstverständlichkeiten neue Bedeutung gewinnen und konventionelle Vorstellungen von Biografie, Identität und Wirklichkeit verloren gehen.
Quecksilberlicht ist ein Roman soghafter Kraft über Geschichte, das Vergehen der Zeit und das Fortleben alles Geschehenen in unser aller Leben. Der chinesische Kaiser hielt sich für das Zentrum des Universums und versuchte, durch die Einnahme von Quecksilber unsterblich zu werden; er starb an Quecksilbervergiftung. Nicht er und nicht der Autor ist das Zentrum der Welt, ein jeder, eine jede ist es. Und die Literatur von Thomas Stangl ist der Ort, an dem sie weiterleben. 

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FALTER-Rezension

Falscher Trost in finsteren Geschichten

Ein Mädchen läuft in der Nähe des Wiener Schlachthofes St. Marx aus der Wohnung und schreit. Pastor Patrick Brunty, der Vater der Schriftstellerinnen Charlotte, Emily Jane und Anne Brontë stürzt aus dem Haus, hebt sein Gewehr und schießt ein Loch in den Himmel, wo er Gott vermutet. Kaiser Qin Shinhuangdi lässt die Chinesische Mauer errichten und ordnet die Vernichtung aller Bücher an, die vor seiner Zeit geschrieben wurden: "Er will die Vergangenheit auslöschen; seine Herrschaft (und sein Leben) sollen für sich stehen. Im einzigen Raum, der zählte, dem Raum der Gegenwart."
Thomas Stangl montiert diese drei zeitlich und räumlich weit voneinander entfernten Geschichten zu einem höchst suggestiven und durchaus sperrigen Roman. Altmodisch gesprochen, "Quecksilberlicht" umkreist unablässig die Frage nach Leben und Tod, nach Zeit und Vergessen, deren Formulierung er offenkundig für die zentrale Anforderung allen Schreibens hält, ohne darauf je eine Antwort geben zu müssen. Jenes Mädchen, Nachfahrin einer kinderreichen italienischen Einwandererfamilie aus dem Arbeiterbezirk Simmering, erweist sich als die Großmutter des Erzählers.

Deren Leben ist durchgehend von sozialer Deklassierung gekennzeichnet, die erst im Leben des Enkels und mit dessen Erzählung ein Ende findet. Thomas Stangls minutiös insistierende Nachforschungen in Sachen eigene Familiengeschichte (ein Teil ist nationalsozialistisch, ein anderer kommunistisch) erinnern ein wenig an die Methode des deutschen Autors W. G. Sebald - längst Vergessenes wird dabei in schwebende Gegenwärtigkeit verwandelt.

Das eigentlich der Großmutter gewidmete Buch verleiht dieser eine Stimme, stellt aber zugleich infrage, welche Bedeutung Büchern überhaupt zukommt. Am Beispiel der schreibenden Brontë-Schwestern und ihres früh an Alkoholismus verstorbenen Bruders Branwell (von ihm stammt das berühmte Bild der Geschwister, von dem vermutet wird, dass sein eigenes Gesicht daraus getilgt wurde) wird diese Frage noch einmal verschärft.

Nach anfänglichem Widerstand gegen die Romane der höheren Pfarrerstöchter aus Yorkshire imaginiert sich Thomas Stangl mittels Close Reading immer tiefer in einzelne Episoden hinein, um schließlich in den fremden Texten gleichsam zu verschwinden.

"Ich frage mich, ob ich in all den finsteren Geschichten je etwas anderes gesucht habe als falschen Trost; je finsterer die Geschichte, je tiefer die Angst, desto fester der Trost (I'll come when thou art saddest / Laid alone in the darkened room) und desto schöner in der Folge die Sätze."

Thomas Stangls "Quecksilberlicht", soeben für den Österreichischen Buchpreis nominiert, spielt mit vielen Versatzstücken der Literatur. Die naheliegende Vermutung, dass es sich dabei um einen Abgesang auf die längst wieder aus der Mode geratene Postmoderne handle, unterläuft der Autor, indem er alles, was nur Reflexion und Zitat zu sein scheint, mit beträchtlichem Ernst wieder zum Leben erweckt. Frei nach Adorno -Literatur ist das Ernsteste überhaupt, aber so ernst wiederum auch nicht.

Erich Klein in Falter 37/2022 vom 16.09.2022 (S. 33)

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Produktdetails
Mehr Informationen
ISBN 9783751800846
Ausgabe 1. Auflage
Erscheinungsdatum 18.08.2022
Umfang 267 Seiten
Genre Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Format Hardcover
Verlag Matthes & Seitz Berlin
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